Ausstellung

Kloster Alchi, Schatzkammer im Himalaya

Detail der Grünen Vasudhara/Tara mit dem typischen kaschmirischen Stilmittel des über den Kopf hinausreichenden, abgewandten Auges.

Detail der Grünen Vasudhara/Tara mit dem typischen kaschmirischen Stilmittel des über den Kopf hinausreichenden, abgewandten Auges.

Foto: Peter van Ham

Im MARKK zeigt Peter van Ham Fotografien aus einem buddhistischen Kloster und verweist auf dessen drohende Zerstörung.

Hamburg. Vier Meter hohe Buddha-Statuen flankieren den „Weg der Erleuchtung“, der aktuell im Museum am Rothenbaum (MARKK) zu betreten ist. Sie stammen aus dem Sumtsek-Tempel des Klosters Alchi im Himalaya: die erste ist der Weisheit zugeschrieben, die zweite dem Mitgefühl, die dritte soll den Buddha der Zukunft symbolisieren. Und obwohl sie „nur“ detail- und maßstabsgetreu fotografiert sind, steht man staunend und ehrfürchtig vor den Figuren - als wäre man Teil einer Besuchergruppe, die zuvor das karge Bergland von Ladakh im Nordwesten Indiens bewältigt hat. Und nun versucht, in den unergründlichen Gesichtern zu lesen oder die Geschichten, die auf ihren farbenprächtigen Gewändern verewigt wurden, nachzuvollziehen und zum Dank für ein wenig Erleuchtung ein paar Rupien zu ihren Füßen legt.

Es ist gemalte Historie, eine Umsetzung der buddhistischen Lehre in Kunst, erschaffen von kaschmirischen Künstlern in Zusammenarbeit mit westtibetischen Ateliers. Und, wie man durch intensive Forschung und nicht zuletzt durch präzise Ausleuchtung der Inschriften herausgefunden hat, auf das 11. Jahrhundert zurückzuführen. Damit ist Alchi im Himalaya die besterhaltene Tempelanlage, die die frühesten und erlesensten Schätze buddhistischer Kunst bewahrt – ein Klosterjuwel.

Man muss nicht besonders spirituell sein, um dem Zauber zu erliegen, der von den liebevoll gemalten Mandalas mit Szenen aus Buddhas Leben ausgeht. Man kann sich auch ganz unwissend den mystischen Visionen an der Meditationswand hingeben oder sich im Antlitz der Grünen Tara (großes Foto) verlieren.

Der Dalai Lama erteilte die Fotogenehmigung

Dass die Schätze in der Hamburger Ausstellung so eindrucksvoll in Szene gesetzt sind, ist Peter van Ham zu verdanken. Der Frankfurter Fotograf und Autor kam 1986 zum ersten Mal nach Nepal, lernte den Dalai Lama kennen und machte sich nach der Veröffentlichung seines ersten Reisebuches daran, noch unerschlossene Regionen zu erkunden. Er bereiste Sperr- und Grenzgebiete und entdeckte die spärlichen Überbleibsel der buddhistischen Klosterkultur auf indischem Gebiet. „Seit ich 1993 das erste Mal in Alchi war, hatte ich davon geträumt, die Malereien dort zu fotografieren.“

2017 erhielt Peter van Ham vom Dalai Lama höchstpersönlich die Genehmigung, genau dies zu tun. Unter der Bedingung, dass die dort lebenden Mönche in die Arbeit einbezogen werden und die Hälfte des Bucherlöses dem Kloster zugute kommt, um es zu erhalten. Auf diese Weise entstanden Reproduktionen, die so verblüffend plastisch wirken, als hätte man das Original vor Augen wie etwa das Detail der „Himmlischen Versammlung des Grenzenlosen Lichts“.

Durch fast 1000 Jahre Dunkelheit wurden die Kunstschätze bisher gut konserviert, konnten die Farben ihre Strahlkraft behalten. Doch in dem 3500 Metern hohen Ladakh weht nun ein anderer Wind: Der Klimawandel bringt ungewöhnlich viel Regen, der durch das Klosterdach dringt. Dazu kommen die Kameralichter der jährlich 30.000 Selfies schießenden Touristen; auch kratzen sie an den wertvollen Relikten, was man am Craquelé, feinen Rissen in den Wänden, erkennen kann.

Alle Exponate der Ausstellung sind käuflich

Mit der Ausstellung wollen der Fotograf, der bei seiner Arbeit übrigens nur kaltes LED-Licht verwendete, um die Originale zu schonen, und die Kuratorin auf die Einzigartigkeit von Alchi, aber ebenso auf dessen drohende Zerstörung hinweisen. „Es spiegelt das Dilemma wider zwischen der bestimmungsgemäßen Nutzung eines religiösen Raums und seiner Wahrnehmung und Erhaltung als Kunstschatz“ so Susanne Knödel.

Damit möglichst viele Besucher seine Begeisterung teilen, wird van Hams Schau auch in New York, St. Gallen, Frankfurt am Main und voraussichtlich im Übersee-Museum Bremen gezeigt werden. Wer sich übrigens ein Stück Klosterkunst mit nach Hause nehmen möchte – alle Exponate der Ausstellung sind verkäuflich. Und auch im Museumsshop sind entsprechende Drucke und kleine Bambusschnitzereien zu erwerben.

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MARKK-Direktorin Barbara Plankensteiner fasziniert beim Einblick in das geistige und weltliche Leben im mittelalterlichen Kaschmir und Westtibet vor allem die Weltoffenheit. So reichen die Einflüsse bis nach Indien, Zentralasien und den Iran bis ins antike Griechenland. „Sie zeugen davon, dass auch vor über 1000 Jahren Kontakte zwischen weit entfernten Kulturen bestanden, was heute häufig vergessen wird.“

„Alchi – Klosterjuwel im Himalaya. Monumentale Fotografien“ 13.8.-7.3.2021, MARKK, Rothenbaumchaussee 64, Di-So 10.00-18.00, Do 10.00-21.00, Eintritt 8,50/4,50 (ermäßigt), www.markk-hamburg.de