Sommerfestival

Von den Kapverden auf die Bühnen der Welt

Choreografin Marlene Monteiro Freitas (41) ist mit ihrem Ensemble seit Wochen in Hamburg und probt ihr neues Stück.

Choreografin Marlene Monteiro Freitas (41) ist mit ihrem Ensemble seit Wochen in Hamburg und probt ihr neues Stück.

Foto: Marcelo Hernandez

„Mal – Embriaguez Divina“, das neue Stück der Choreografin Marlene Monteiro Freitas, wird auf Kampnagel uraufgeführt.

Hamburg.  Wenn Marlene Monteiro Freitas einen Tanzabend kreiert, dann kann es sein, dass in einem eigentlich geordneten Trompetenorchester plötzlich völliges Chaos ausbricht. „Bacantes – Prelude To A Purge“ hieß das expressive Tanzstück, bei dem sich unter anderem fünf Trompeter sowie acht Tänzerinnen und Tänzer vor drei Jahren beim Internationalen Sommerfestival zu Ravels „Bolero“ in einen mitreißenden dionysischen Karneval tanzten und spielten.

Nun sollte die neue, mit Spannung erwartete Produktion der auf den Kapverden geborenen Choreografin mit dem Titel „Mal – Embriaguez Divina“ („Das Übel – Göttliche Trunkenheit“) eigentlich an den Münchner Kammerspielen herauskommen und anschließend bei allen wichtigen Festivals Station machen. Doch dann kam Corona und die Proben mussten unterbrochen werden. Für das Sommerfestival auf Kampnagel ein Glücksfall, kann doch nun am 26. August die Weltpremiere von „Mal“ in der großen Halle über die Bühne gehen.

Das Thema der Performance ist zeitlos

Beim Interview auf Kampnagel trägt Marlene Monteiro Freitas ein farbenfrohes Shirt und ist gut gelaunt. Während vielerorts Proben ausgesetzt oder sogar ganz abgesagt sind, kann sie auf dem Gelände der Kulturfabrik das neue Stück tatsächlich vollenden. Ihr achtköpfiges Team, das am Nachbartisch sitzt, hat sich Corona-Tests unterzogen und gilt nun als „Immungemeinschaft“, die auch ohne Einhaltung von Abstandsregeln proben und auftreten darf.

Das Thema der Performance ist zeitlos. „Ich beschäftige mich mit dem ‚Übel‘“, sagt Monteiro Freitas und nippt an einem Espresso, „allerdings meine ich damit nicht nur das Böse, Schlechte, Teuflische, sondern einen schlechten Zustand, ein Unbehagen, vielleicht auch eine Schlaflosigkeit. Etwas, das einen von der Normalität entfernt.“ Ein umfassender Ausflug in den Abgrund soll es werden unter Verwendung allerlei überlieferter Vorstellungen. Die Verteufelung der Frau als Hexe oder der Mythos der Magierin kommen darin ebenso vor wie soziale Abgründe: Kolonialismus, Holocaust, Rassismus – vielleicht auch eine Pandemie.

Bühnensetting von „Mal – Embriaguez Divina“ ist eine Art Tribunal

Zwei Jahre ist es her, dass Monteiro Freitas eine Situation erlebt hat, in der sie, wie sie sagt, „die Gewalt von Menschen gegen andere Menschen“ gespürt habe. Konkreter will sie das Erlebnis auch auf Nachfrage nicht fassen. Es lieferte aber den Impuls zu einer längeren Recherchereise. „Auf einmal habe ich verstanden, wie Menschen gewisse Situationen einordnen. Es existiert eine Maschinerie des Bösen, die unter dem Deckmantel der Selbstverteidigung abläuft.“

Das Bühnensetting von „Mal – Embriaguez Divina“ ist eine Art Tribunal, das Anklänge an Orson Welles Kafka-Verfilmung „Der Prozess“ haben dürfte. Es geht um eine Wahrheitssuche, aber nicht darum, zu einer letzten Allgemeingültigkeit vorzudringen. Ihre Arbeitsweise, so Marlene Monteiro Freitas, bestehe darin, mit ihrem Team in gemeinsamen Improvisationen „szenische Fenster“ zu öffnen. Die Szenen entwickelt sie eng mit den Tänzerinnen und Tänzern zusammen. Diesmal wird sie sich selbst allerdings nach und nach herausziehen, da sie nicht Teil des Bühnen-Ensembles ist. „Im Augenblick habe ich noch das Gefühl, ganz viele Anfänge zu haben“, sagt sie. „Dann passiert etwas und das Stück spricht.“

Rasanter Werdegang

Ihren rasanten Werdegang von der Anfängerin zur von internationalen Festivals hofierten, mit Preisen dekorierten Choreografin mit ganz eigener Handschrift kann die 41-Jährige noch immer nicht recht fassen. Auf den Kapverden, wo sie aufwuchs, gab es keine Ballett-Schule und kein Tanz-Training. Getanzt hat Marlene Monteiro Freitas trotzdem schon immer. Sie schaute sich bei jeder Gelegenheit Tanzshows an und irgendwann begann sie als Teil einer Tanzgruppe, Shows in Eigenregie zu entwickeln, zu proben und diese in alten Kinos zu zeigen.

Der entscheidende Schritt zur ernsthaften Choreografin war dann die Aufnahme an der renommierten Tanzschule P.A.R.T.S. von Anne Teresa de Keersmaeker in Brüssel, später an der Escola Superior de Danca und der Fundacao Calouste Gulbenkian in Lissabon. Hier kam zu den überbordenden Ideen die professionelle Ausbildung. Marlene Monteiro Freitas zeigte erste eigene Stücke und arbeitete mit Größen wie Boris Charmatz und dem Batsheva Dance Theater zusammen. In kurzer Zeit hat sie sich mit ihrer eigenwilligen künstlerischen Handschrift Lorbeeren erarbeitet – unter anderem gab es 2018 den Silbernen Löwen für Tanz der Biennale di Venezia.

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„Ich versuche, der Wirklichkeit nahezukommen, ohne sie zu imitieren“, sagt Monteiro Freitas. „Ich umkreise sie gewissermaßen, um sie ganz genau zu beschreiben.“ Das ist nicht nur für sie selbst, sondern auch für die Zuschauer ein großes Vergnügen, da sie ein wunderbar eigenständiges Tanzvokabular entwickelt hat und Szenen gerne ekstatisch eskalieren lässt.

In „Mal – Embriaguez Divina“ spielt natürlich auch Musik eine große Rolle, bekannte populäre und weniger bekannte traditionelle Songs. Eine Art Chor wird auftreten, „aber diesmal wird es kein Chor der Trompeten sein“, sagt sie und lacht.