Kunst

Ratzeburger Barlach-Museum erscheint in neuem Gewand

In der „Barlach reloaded“-Ausstellung sind auch Szenen aus Aufführungen von Barlachs Theaterstücken zu sehen.

In der „Barlach reloaded“-Ausstellung sind auch Szenen aus Aufführungen von Barlachs Theaterstücken zu sehen.

Foto: Ernst Barlach Museums Ratzeburg

Bald können Besucher das Haus bei einem Tag der offenen Tür wieder erleben. Die Kuratorin setzt auch auf Multimedia-Erlebnisse.

Ratzeburg.  Manche Kulturerlebnisse muss man sich erarbeiten. Mit dem Auto sind es zwar nur gut 50 Minuten, mit der Bahn jedoch knapp zwei Stunden bis nach Ratzeburg. Am Tag der offiziellen Präsentation des neuen Ernst Barlach Museums Ratzeburg dauert es aufgrund von Signalstörungen noch gut eine halbe Stunde länger. Aber ist man erst einmal angekommen in dem sehr entspannten 15.000-Einwohner-Städtchen, das überaus malerisch zwischen vier Seen in Schleswig-Holstein gelegen ist, wird man für alle Anfahrtsmühen schnell entschädigt.

Mit „Barlach reloaded“ zeigt sich das Ernst Barlach Museum Ratzeburg ab dem 16. August dem Besucher in einem völlig neuen Gewand. Hier wird das vielschichtige Werk des international sehr angesehenen, aber im norddeutschen Raum noch immer als sperrig, düster, religiös-asketisch wahrgenommenen expressionistischen Künstlers und Dichters Ernst Barlach (1870–1938) im ersten multimedialen Künstlermuseum in Deutschland gewürdigt. Ein schönes Geschenk, passend zu Barlachs 150. Geburtstag.

Rundherum erneuertes Museum

Wer durch die Räume des runderneuerten Museums streift, begegnet zunächst einmal Erwartbarem: thematisch gruppierten Bronzeskulpturen, legendären Leidensfiguren, Trauernden, Betenden, Ausgegrenzten der Gesellschaft, flankiert von Zeichnungen. Und doch ist etwas anders. Zwar gibt es Werkbezeichnungen, aber anstelle ausführlicher Texttafeln gilt es, eine spezielle Museums-App aufs Handy zu laden. Mit ihr lassen sich die QR-Codes der Werke lesen und sogleich erhält man einen sehr ausführlichen Guide im Taschenformat.

Da strebt im Abschnitt zu „Mensch und Welt“ die Bronzeskulptur „Der Flüchtling“ von 1920 in existenzieller Not und zugleich von Hoffnung getragen vorwärts, während parallel ein Film Bilder von aktuell vor Krieg und Krisen fliehenden Menschen zeigt. Zum Aspekt „Mensch und Natur“ scheint eine fröh­liche Figur wie „Der singende Mann“ (1928), der sich mit geschlossenen Augen fast kontemplativ seiner Passion hingibt, die bedrohte Natur auszublenden. Aber: Ein Film mit Assoziationen zu dem drängenden Thema der Umweltzerstörung läuft im Hintergrund. Und wer dazu den Holzschnitt „Verzweiflung und Empörung“ von 1919 mit diesem nach hinten gebeugten, knorrigen Körper betrachtet, meint fast, ein Werk aus der Gegenwart vor sich zu sehen.

Digitaler Zeitstrahl, auf dem man sich verliert

Die Kurzfilme sind eher plakativ-eindeutig zu nennen, setzen Künstler und Werk aber wohltuend in Bezug zum Hier und Jetzt. Manch filmischer Vereinfachung steht anderswo eine angemessene Komplexität gegenüber. In einem eigenen Raum trifft der Besucher auf einen digitalen Zeitstrahl, in dem er sich per Touchscreen sofort vollkommen verlieren kann. Nicht nur im Leben und Werk Ernst Barlachs, sondern auch im zeit- und kulturgeschichtlichen Umfeld des Künstlers.

Verantwortlich für all das ist die künstlerische Leiterin Heike Stockhaus, beauftragt von der 1946 gegründeten Ernst Barlach Gesellschaft, die, um den Nachlass zu bewahren, das Geburtshaus in Wedel und eben das charmant-dörfliche Haus in Ratzeburg unterhält, in dem Barlach seine Jugendjahre verbrachte.

Die Kuratorin begab sich bei der Neuausrichtung insbesondere auf eine Spurensuche nach dem Archaischen, dem Slawischen in Barlachs Werk und stieß auf einen engen Naturbezug, eine enge Bindung an die Erde, die wie ein lebendiges Wesen wahrgenommen wird, das den Menschen ernährt. Nach Heike Stockhaus’ Erkenntnis fühlte sich Barlach der slawischen Frühkultur Schleswig-Holsteins nahe. Die sich zu seinen Lebzeiten ausbreitende protestantisch-pietistische Kultur dagegen war eher darauf ausgelegt, sich die Natur untertan zu machen. Im Raum „Barlach und Heimat“ ist dazu die frühe Zeichnung „Ansveruskreuz“ (um 1888) zu sehen.

Aktuelle Gedankenwelt Ernst Barlachs erleben

„Wir haben Medien gesucht, die Ernst Barlach in seiner Aktualität darstellen können“, erläutert Heike Stockhaus. Ziel sei es gewesen, diesen Künstler als Repräsentanten einer Zeitspanne wahrzunehmen, nämlich jener 150 Jahre der Moderne und der Modernisierung der Welt. Barlach hat früh Kritik an einer aus seiner Sicht fehlgeleiteten Moderne formuliert, vor allem an den sozialen und ökologischen Folgen eines grenzenlosen Wachstums. Dem Besucher bietet sich nun die Möglichkeit, die ungemein aktuelle Gedankenwelt Ernst Barlachs interaktiv nach individuellen Interessen zu entdecken. Ausgewählte Werke – es sind insgesamt etwas weniger als im früheren Museum – ergänzen die Themenkreise.

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Heute ist Ernst Barlach vor allem als Bildender Künstler bekannt, in den 1920er-Jahren war er jedoch viel bekannter als Theaterautor. Der rohe Naturalismus von Stücken wie „Der arme Vetter“ (1911–1913), das an einem Ostersonntag am Hamburger Elbstrand spielt, macht Barlach heute zu einer Rarität auf den Spielplänen der Theater. 1919 erlebte das Stück seine Uraufführung in den Hamburger Kammerspielen, 1999 war es in der Regie von Hans-Ulrich Becker noch einmal am Thalia Theater zu sehen.

Erste Etage dem Theaterschaffen gewidmet

Das Ernst Barlach Museum Ratzeburg widmet dem Theaterschaffen Barlachs die gesamte erste Etage. Die Räume sind dunkler gehalten – und wirken auf den ersten Blick leer. Hier geben ausführliche Tafeln inhaltliche Einblicke, wandgroße Fotografien dokumentieren die Aufführungsgeschichte und Barlachs szenische Visualisierungen. Da blickt der große Heinrich George als „Der blaue Boll“, ein geläuterter Wohlstandsmensch, grimmig in einer Inszenierung des Staatstheaters Berlin von 1930 von der Wand. Faszinierend aktuell wirkt angesichts der Klimakrise die Inszenierung „Die gute Zeit“, eine frühe Begegnung hedonistischer Reicher und Schöner mit einem archaischen Hirtenvolk, das nach den Gesetzen der Natur lebt.

Das neue Ernst Barlach Museum Ratzeburg bietet die Möglichkeit, dem Künstler Ernst Barlach, diesem erstaunlich aktuellen Mahner, Humanisten und Naturkenner, so intensiv wie vielleicht noch nie auf die Spur zu kommen.

Ernst Barlach Museum Ratzeburg ab 16. August (Tag der offenen Tür), Barlach­-platz 3, Ratzeburg, Di bis So 11 bis 18 Uhr, www.ernst-barlach.de/ratzeburg

Das Hamburger Abendblatt bietet einen Tagesausflug zum Museum an. Infos und Tickets unter T. 040/30 30 98 98