Kultur in Hamburg

Asche zu Asche – und am Ende wird Kunst daraus

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Aus Marokko schrieb Jeewi Lee Postkarten an den Kunstverein.

Aus Marokko schrieb Jeewi Lee Postkarten an den Kunstverein.

Foto: Fred Dott

Die Einzelschau von Jeewi Lee im Kunstverein ist eine Entdeckung wert. Was die Besucher der Ausstellung erwartet.

Hamburg.  Die Corona-Pandemie stellt auch die Kunstwelt vor ungewohnte Herausforderungen, doch im Hamburger Kunstverein geht derzeit die Schau mit vier sukzessive aufeinanderfolgenden Stipendiaten der Villa Romana in Florenz unter dem Titel „#Unfinished Traces“ wie geplant über die Bühne. Einfluss hatte das Coronavirus aber auch hier – zu sehen im unteren Saal, wo noch bis zum 16. August Jeewi Lees Schau unter dem Titel „-re-“ zu sehen ist.

Als die Weltordnung erstarrte, war die Künstlerin Jeewi Lee gerade zu Besuch in Marokko. Aufgrund der Corona-Reisewarnung konnte sie das Land nicht verlassen, viereinhalb Monate saß sie fest. Zeugnis davon geben die schönen bunten Ansichtskarten mit Casablanca-Motiven, die sie an den Kunstverein geschickt hat und die jetzt eine Drahtwand zieren. Jede enthält ein Wort mit der Vorsilbe „re“, kündet von Erneuerung, aber auch Wiederholung. Auch die früheren Arbeiten der im südkoreanischen Seoul geborenen Jeewi Lee, Kunstabsolventin der UDK Berlin und des Hunter College, New York/USA, verarbeiten Krisenmomente, spiegeln die Verbindung aus Zerstörung und Neubeginn, bilden eine facettenreiche Spurensuche aus Vergehen und Werden.

Asche als Symbol des Neubeginns

Die mehrteilige Arbeit „Ashes to Ashes“ (2019/2020) sieht aus der Ferne wie eine unebene schwarze Fläche aus, bei näherem Betrachten offenbart sie jedoch einen Geruch aus Asche, Kohle – und Seife. Jeewi Lee hat in 200 handgefertigten Seifen verkohltes Holz und Aschespuren aus dem 2018 von einem verheerenden Brand heimgesuchten toskanischen Waldgebiet Monte Serra verarbeitet. Zur Zeit des Entstehens ging es Lee um die dramatischen Folgen der Kata­strophe für die Umwelt. Tatsächlich ist die Asche aber auch fruchtbar, Symbol des Neubeginns und neuen Wachstums. Die Arbeit ist zwar nicht ganz neu, aber das Material Seife im aktuellen Pandemie-Kontext durchaus mit aktueller Bedeutung aufgeladen. Und wie Lee hier Bezüge zwischen den Ereignissen (Waldbrände, Reinigungsprozeduren) aufzeigt, ist sehr klug.

Die Asche findet sich auch auf dem Boden, formt die Buchstaben „Recoil“ (Rückstoß). Das sorgsam ausgelegte Pulver franst an den Rändern aus. Mittendrin ein Fußabdruck eines unbedachten Besuchers. Ein Symbol von Flüchtigkeit und Vergänglichkeit. An den Wänden thematisiert Lee ergänzend in drei fein gearbeiteten Kohle-Malereien den Weißraum, der in der koreanischen Malerei eine zentrale Rolle spielt, in der europäischen Tradition aber als eher verpönt gilt und vermieden wird. Besonders gelungen ist die Arbeit auf Stoff, die fast schon wie ein präziser Druck daherkommt. In dieser Einzelschau erweist sich Jeewi Lee als eine konzeptionsstarke Künstlerin, die es zu entdecken gilt.

Beiträge von Hamburger Künstlerinnen und Künstlern

Im Herbst folgen die Ausstellungen der Stipendiaten Christophe Ndaba­nanlye und Viron Erol Vert. Sie alle kamen mit dem Villa-Romana-Stipendium in den Genuss des ältesten Kunstpreises in Deutschland, wie vor ihnen schon Max Beckmann oder Käthe Kollwitz.

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Das Jahr der Absagen reflektiert auch noch die experimentelle Show „Being Laid Up Was No Excuse For Not Making Art“ im ersten Stock des Kunstvereins, dessen erster Teil „Humor nach #Metoo“ bis zum 16. August als Koproduktion mit dem Kurz Film Festival Positionen der feministischen Bewegung durchaus mit kreativem Witz behandelt, darunter etwa Isabella Rossellinis großartiger „Green Porno“ aber auch Beiträge von Hamburger Künstlerinnen und Künstlern.

„#Unfinished Traces“: Jeewi Lee: „-re-„ bis 16.8., „Being Laid Up Was No Excuse For Not Making Art: Humor nach #MeToo“ bis 16.8., Kunstverein in Hamburg, Klosterwall 23, Di bis So, 12 bis 18 Uhr, www.Kunstverein.de

( asti )