Kultur in Corona-Zeiten

Shakespeare in Hamburg auf dem Spielplatz

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Stefan Reckziegel
Umtriebig und erfinderisch: Hartmut Uhlemann auf dem Klettergerüst des Spielplatzes an den Wallanlagen. Die macht der Theaterregisseur mit je sieben Schauspielern vom 11. August an zur Shakespeare-Bühne.

Umtriebig und erfinderisch: Hartmut Uhlemann auf dem Klettergerüst des Spielplatzes an den Wallanlagen. Die macht der Theaterregisseur mit je sieben Schauspielern vom 11. August an zur Shakespeare-Bühne.

Foto: Marcelo Hernandez

Regisseur erklimmt neue Theaterwege: Für „Ein Sommernachtstraum auf St. Pauli“ macht er ein Klettergerüst zur Bühne.

Hamburg.  2000 Euro. Das ist die sogenannte Neustartprämie, die der Hamburger Senat im zweiten Teil des Hilfspakets Kultur Anfang Juli ausgelobt hat. Gedacht ist sie für Kreative, damit die ihre künstlerische Tätigkeit wiederaufnehmen. Der Hamburger Hartmut Uhlemann ist ein überaus kreativer Kopf, ein umtriebiger Theatermacher und wie fast alle seiner Zunft ein Solo-Selbstständiger. Uhlemann hat die Neustartprämie, als er davon hörte und las, sogleich beantragt. Er wollte etwas bewegen – nicht nur für sich, auch für andere.

„Nach einem kleinen Corona-Durchhänger“, so sagt der Regisseur und Autor, sei er per Fahrrad durch Hamburger Parks gefahren und habe nach Spielmöglichkeiten gesucht, um nach monatelanger Zwangspause endlich wieder ein Stück aufführen zu können. Im Freien. Normalerweise ist das Ernst Deutsch Theater seine (große) Bühne. An der Mundsburg inszeniert Uhlemann regelmäßig unterschiedliche Stoffe wie vor einigen Jahren die Film- und Buchadaption von „Das Boot“, Lutz Hübners „Wunschkinder“, Michael Frayns Politstück „Demokratie“ über den Fall des Kanzlers Willy Brandt oder zuletzt Lars Peters brisantes Rechtsradikalismus-Drama „Weißer Raum“, daneben aber auch alljährlich ein Weihnachtsmärchen wie etwa „Hans im Glück“.

Geplant sind auch Aufführungen im Volkspark

Szenenwechsel. An diesem warmen Sommerabend hockt Uhlemann mit Baseball-Kappe unterhalb eines großen Klettergerüsts auf der Steinstufe eines Spielplatzes, bekleidet mit luftigem Sommerhemd, Bermuda-Shorts und Freizeitschuhen. Und doch ist das hier Arbeit. Elf junge Frauen und Männer hat er um sich geschart, alle Schauspieler, teilweise bekannt aus dem Ernst Deutsch Theater, unter ihnen einige seiner ehemaligen Schauspielschüler. Probenpause mit Besprechungsrunde für „Ein Sommernachtstraum auf St. Pauli“.

So nennt Uhlemann seine Version von William Shakespeares 425 Jahre alter Komödie „Ein Sommernachtstraum“. Das Stück gehört bis heute zu den meistgespielten Werken des britischen Nationaldichters in Deutschland. Und hier, mitten in Hamburg auf dem Spielplatz an den Wallanlagen, umsäumt von Bäumen, möchte es Uhlemann am Dienstag, 11. August, zur Premiere bringen. Zusätzlich zum Spielbetrieb in Planten un Blomen sind an den folgenden August-Wochenenden Aufführungen auf der Waldbühne im Altonaer Volkspark geplant.

Schauspieler leiden unter weggebrochenen Engagements

Corona macht es möglich, für manche Darsteller indes auch nötig. Denn in Theatern auftreten können die Schauspieler mangels Möglichkeiten oder weggebrochener Engagements bis heute nicht. Uhlemann hingegen hatte nach seiner spontanen Idee, den „Sommernachtstraum“ open air aufzuführen, bald begonnen, das Stück für sieben Personen einzustreichen. So klein wie möglich und abgespeckt auf 75, maximal 80 Minuten ohne Pause soll der Fünf-Akter geraten. „Wir sind sehr gut davor, unsere ersten Durchläufe dauerten noch zweieinhalb Stunden“, lautet Uhlemanns Zwischenfazit nach vier Wochen Probenarbeit.

„Ein Sommernachtstraum“ dieses Verwirrspiel um die Liebe mit den Männern Demetrius und Lysander sowie den Frauen Hermia und Helena in einer fantastischen Traumwelt, soll auch an diesem ungewöhnlichen Ort humorvoll berühren. Orte der Handlung sind eigentlich Athen und die umliegenden Wälder.

Schwieriger als seine Vorarbeit mit der Stückfassung von „Ein Sommernachtstraum auf St. Pauli“, in der Uhlemann auch Lieder wie „Hamburg, meine Perle“ – ausgerechnet die Ex-HSV-Hymne – einbauen will, war es, die Genehmigung für den Spielbetrieb auf dem Spielplatz zu bekommen. Gleich bei drei Ämtern habe er bitten und anfragen müssen, erzählt Uhlemann. Das dauerte, doch es fruchtete: „Die Parkleitung und die Leitung für öffentlichen Raum in Planten un Blomen sind von meinem Konzept begeistert“, sagt Uhlemann jetzt.

Jeder Zuschauer soll das in den Hut geben, was er oder sie möchte

Der Regisseur hofft, dass seine Schauspielerinnen und Schauspieler das Stück auch im September noch auf dem Spielplatz an den Wallanlagen aufführen können und dass statt nur 100 doch noch 150 Besucher zuschauen dürfen. Das erhöht das Spenden-Potenzial. Denn jeder der Zuschauer soll am Ende das in den Hut geben, was er oder sie möchte und kann. Die 2000 Euro Neustartprämie der Kulturbehörde dienten ja nur als Anschubfinanzierung, in diesem Fall fürs Ensemble. Schauspieler Jan-Philip Mähl etwa, der den Lysander geben wird, hat auch das Plakat, alle Fotos und mit Bertram Bollow die Webseite für den „Sommernachtstraum auf St. Pauli“ erstellt.

Jeweils vier Kollegen der elfköpfigen Elfen-Truppe, die am Abend nicht spielen, sollen für den reibungslosen Einlass und ausreichend Abstand im Publikum sorgen – mit 1,50 Meter langen Poolnudeln. Die werden anschließend ins Schauspiel auf dem Spielplatz integriert. Auch wenn in Planten un Blomen nicht im Wasser, sondern auf und an einem Klettergerüst gespielt wird.

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Und so weist Uhlemann, der nicht nur Dozent für Schauspiel ist, sondern auch für Bewegung, nach der Besprechungspause noch mal zwei der Protagonisten den Weg, indem er selbst einen Teil des Gerüsts hinaufsteigt. Wo eben noch drei zufällig vorbeikommende Mädchen in der Dämmerung auf dem Gerüst herumgetollt waren, ist nun die (Theater-)Bühne frei für Tom Keidel und Lo Rivera: Keidel erklimmt als Elfenkönig Oberon die Spitze eines Pfostens, ihm gegenüber Lo Rivera als Königin Titania. Wohin mit den Krönchen? Auch das will bedacht sein, denn beide spielen zusätzlich noch den Herzog Theseus und Hippolyta, die Königin der Amazonen.

Obwohl noch nicht alle Dialoge sitzen, streiten und liebkosen sie sich verbal, bis sie in der Dunkelheit als Elfen-Königspaar ihren Vers gefunden haben: „Nun genung! Fort im Sprung! Trefft uns in der Dämmerung!“...

„Sommernachtstraum auf St. Pauli“ Premiere Di 11.8., dann Do 13. bis Fr 21.8., jew. 20.00, Spielplatz an den Wallanlagen (U Messehallen, Bus 3, X35, 112), Eingang Glacischaussee/Ecke Sievekingplatz, auch Sa 15./So 16., Sa 22./So 23. u. So 30.8,. jew. 19.00, So auch 16.30, Waldbühne im Altonaer Volkspark (Bus 3), Nansenstr. 82, Eintritt auf Spendenbasis, Reservierung der Karten erforderlich per SMS, WhatsApp, Instagram oder E-Mail unter: www.sommernachtstraum-st-pauli.de