Hamburg

Die Kunst von Elena Bulycheva hat sich gewaschen

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Matthias Schmoock
Künstlerin Elena Bulycheva zeigt in ihrem Atelier ihre ganz besonderen Bilder.

Künstlerin Elena Bulycheva zeigt in ihrem Atelier ihre ganz besonderen Bilder.

Foto: Marcelo Hernandez

Sie hat sich ein ganz besonderes Verfahren für ihre Bilder ausgedacht: Sie lässt sie in einer Industriewaschmaschine bearbeiten.

Hamburg.  Man kann sich keine bessere Promoterin der eigenen Arbeit vorstellen als Elena Bulycheva. Fröhlich und gewandt präsentiert sie ihre Gemälde – dabei stets erfüllt von ernsthafter Überzeugungskraft und doch immer mit einer Menge Selbsthumor. Auch ihre Bilder sind etwas Besonderes, wobei weniger der Gesamteindruck verblüfft als die Entstehungsgeschichte.

Treffen in Bulychevas lichtdurchflutetem Atelier am Elbberg: Eine Vernissage, dem Vernehmen nach gut besucht, ist gerade vorüber, großformatige Bilder lehnen an den Glaswänden. Einen kleinen Raum hat sie hier quasi als Untermieterin – phänomenale Aussicht inklusive. Mit Pantry und Büroräumen nebenan wirkt das Ganze nicht gerade wie eine Küsterklause. Entscheidend ist das Licht, das durch bodentiefe Fenster hereinflutet. Die 30-Jährige greift sich das Motiv „Suitcase“, um ihre Arbeitsweise zu erläutern. Es hat, wie sie sagt, zugleich mit Reisen zu tun und mit der Heimat. Erinnerungen an ihre Mutter und Großmutter finden sich darin, das sei bei ihren Werken sehr häufig so.

Ein Bär ist zu erkennen, eine Hose, ein Tuch. Die ungewöhnlich verblichenen Farben verweisen auf das Verfahren, das die Künstlerin, wie stets, gewählt hat: Sie malt ihre Bilder mit auffallend leuchtenden Acrylfarben vor und lässt sie dann lange trocknen. Mitunter kann diese Phase drei Monate dauern. Danach lässt sie die Werke in einer Industriewaschmaschine waschen und dann erneut trocknen. Zu den letzten Arbeitsschritten gehören Strecken und auch vorsichtiges Mangeln – alles in allem ein Prozess, der sich ein halbes Jahr lang hinziehen kann.

Bulycheva sieht ihre Kunst als Akt der Emanzipation

Ursprünglich sei das Ganze mal aus Wut geschehen, berichtet Elena Bulycheva, wobei sie überraschend ärgerlich wirkt. Sie habe auf die schwierige Situation junger Künstler in Moskau hinweisen wollen, auf die Unmöglichkeit, am Kunstmarkt Tritt zu fassen, geschweige denn von der Kunst zu leben. Das dazu verwendete Bild sollte die Prozedur eigentlich gar nicht unbeschädigt überstehen. Der selbstzerstörerische Akt einer Künstlerin sei das Ganze gewesen, die von sich sagt, dass jedes Bild immer auch ein Teil ihrer selbst sei. Ein Fanal also, ein Aufschrei, wohl auch etwas Show. Wie auch immer: Das Ergebnis beeindruckte Elena Bulycheva so sehr, dass sie sich entschloss, immer so zu arbeiten.

Die Wut ist mittlerweile gewichen, aber eine Botschaft hat Bulycheva nach wie vor: Mit dem künstlerischen Waschen will sie nach eigenem Bekunden auch ihre Emanzipation dokumentieren – raus aus dem patriarchalischen russischen System, hin zu einer selbstständig agierenden Künstlerin. Die Arbeit symbolisiere dabei ein Stück weit ihr eigenes Leben, weshalb sie auch so oft Alltagsgegenstände als Motiv auswähle. „Es ist doch verrückt“, sagt Bulycheva, die nach knapp vier Jahren in Hamburg fließend Deutsch spricht. „Millionen Frauen waschen täglich auf der ganzen Welt. Das wird als Selbstverständlichkeit gesehen. Aber wenn ich ein Bild wasche, erregt das überall Aufmerksamkeit. Das Verfahren gibt Elena Bulychevas Bildern etwas Unverwechselbares: Sie wirken nun wie hingehaucht und etwas geheimnisvoll, luftig, fast transparent. Als Waschmaschinengemälde und „New washed Art“ sind ihre Bilder in der Kunstszene mittlerweile bekannt, sie selbst spricht auch schon einmal vom Projekt „Große Wäsche“, was nicht zuletzt eine Anspielung auf eine russische Fernsehsendung dieses Titels ist.

Inzwischen ist die aparte Künstlerin mit den leuchtend grünen Augen in der Kunstszene keine Unbekannte mehr. Im Internet finden sich zahlreiche Auftritte, und bis zur Corona-Zwangspause hatte sie sogar eine kleine Sendung beim Sender Tide. Thomas Bodenburg, ehrenamtlicher Botschafter der NCL-Stiftung, schaut vorbei. Seit Jahren engagiert sich die Stiftung beim Kampf gegen die gefürchtete Neuronale Ceroid-Lipofuszinose, umgangssprachlich auch als Kinderdemenz bekannt. Für die nächste Benefiz-Auktion hat Bulycheva ein Gemälde mit bunten Bären kreiert und gestiftet.

Überhaupt engagiere sie sich gerne und oft für karitative Belange, berichtet sie stolz. Elend habe sie in Moskau täglich vor Augen gehabt – in einer Form, wie sich das hierzulande viele gar nicht vorstellen können. „Aber man darf sich nicht täuschen“, stellt sie klar, „auch hier gibt es Armut.“ Das ist eben die andere, die stille Seite dieser Künstlerin, die auch in ihrer Kirchengemeinde aktiv ist und von sich sagt: „Ich helfe gerne anderen.“

Die Elbe ist für sie Inspiration und Heimathafen zugleich

Der Blick über die Elbe bedeutet für Elena Bulycheva vieles auf einmal: Inspiration und ein Stück (neuer) Heimat zum Beispiel. Der Eindruck vom Hafen sei einerseits immer gleich, aber dann auch immer wieder etwas anders. Die Fahrt mit der Fähre empfindet sie stets „wie eine kleine Reise“, regelrecht verliebt sei sie in Hamburg – „wegen seiner Vielgesichtigkeit und der vielen ungewöhnlichen Ecken“. Einmal hat sie sogar „Handwäsche“ praktiziert, berichtet sie lachend: „Da habe ich ein Bild ins Wasser getaucht.“ Und mit entwaffnender Selbstironie: „Elbwasser ist sehr geeignet für Künstler.“

Elena Bulychevas bunt-mädchenhaftes Auftreten kann über eines nicht hinwegtäuschen: Sie ist stolz auf ihre Arbeit, die sie nicht auf die leichte Schulter nimmt. Jedes Bild ist mit viel Aufwand entstanden, keines gibt es als Druck. Sie hängt an ihren Arbeiten, die es schon längst nicht mehr zu Schnäppchenpreisen gibt. Mitunter kommt es vor, dass sie sich von Interessenten vor einem Kaufabschluss erst die Wand zeigen lässt, an der das Werk einmal hängen soll. Attitüden wie diese unterstreichen ihre Originalität, aber eben auch ihre besondere Beziehung zu ihren Bildern. „Ich kann dickköpfig sein“, bekennt sie, und sie will als Künstlerin bestehen können. „Doch es ist schwierig, am Kunstmarkt auch ernst genommen zu werden, wenn du nicht wie eine ,klassische‘ Künstlerin rüberkommst.“

Für die Zukunft kündigt sie eine Erweiterung ihres Œuvres an, wobei sich die Motive ändern mögen, aber ganz sicher nicht die Technik. „Meine Waschmaschinenbilder sind einmalig“, sagt Elena Bulycheva lachend, „niemand konnte mir bislang das Gegenteil beweisen. So einmalig wie ich selbst.“