Corona und Kultur

Michael Ehnert: In der Krise hilft ihm „Notruf Hafenkante“

| Lesedauer: 7 Minuten
Stefan Reckziegel
Für Michael Ehnert (52) ist die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos.

Für Michael Ehnert (52) ist die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos.

Foto: Thomas Leidig

Monatelang Bühnenpause: Der Schauspieler, Kabarettist und Regisseur schreibt Krimi-Drehbücher – und sein (Sommer-)Märchen.

Hamburg.  Er hat einiges an Auftritten und Engagements verloren, nicht aber Humor und Schlagfertigkeit: Auf die Frage, woran er in diesem Sommer arbeite, antwortet Michael Ehnert ehrlich, aber auch etwas leidgeplagt: „Ich arbeite hauptsächlich am Schreibtisch – und damit an meinen Nackenverspannungen.“

Schauspieler, Kabarettist, Regisseur und Autor – Ehnert ist ein Multikünstler. Seit fünf Monaten jedoch hat der 52-Jährige nicht mehr auf der Bühne gestanden. Das nervt. Hat weder Theater gespielt noch für Film oder Fernsehen gedreht geschweige denn sein Duo-Bühnenprogramm „Zweikampfhasen“ mit seiner Ehefrau Jennifer aufführen können. Ehnert hat Bundeshilfe für Solo-Selbstständige und 2500 Euro Corona-Soforthilfe der Hamburger Kulturbehörde bekommen. „Das war eine Riesen-Hilfe. Alle anderen Einnahmen sind mir komplett weggebrochen“, sagt Ehnert, auch Vater zweier Söhne im Alter von 22 und 19 Jahren.

Der Polizistensohn schrieb schon ein Dutzend Drehbücher

Sein Glück im Unglück ist, dass er mehrere Talente in sich vereint und der Schreiber Ehnert trotz Corona-Krise weiterhin gefragt ist. Das Naheliegende: „Notruf Hafenkante“. Für die in Hamburg spielende ZDF-Krimiserie hat der Sohn eines Polizisten aus Mümmelmannsberg seit 2016 bereits ein Dutzend Folgen beigesteuert. In seiner 13. Folge geht es um russische Mafiosi und Berliner Clan-Gangster. Er selbst wird wieder mal als LKA-Mann Renner mitwirken – der schauspielernde Autor hat sich schon mehrmals in die Serie hineingeschrieben, ohne dass es aufgesetzt wirkte. „Die ,Hafenkante‘ wird auf jeden Fall gedreht“, hat Ehnert erfahren. Im November. Die Folge „Vatertag“ ist für ihn ein künstlerischer Neustart. Sie bringt ihm ein Honorar in niedriger fünfstelliger Höhe. Indes: Das Schreiben einer Krimifolge allein bis zur ersten Drehbuchfassung dauert meist drei Monate.

Die fiktionale Polizeiarbeit liegt Michael Ehnert. Der kreative Hamburger Kopf war bereits im Kabarettduo Bader-Ehnert-Kommando (BEK) mit seinem Kollegen und Freund Kristian Bader ein Action-Film-Freak. In den 90ern hatte das Ausdruck in der spannenden, satirisch-ökologischen BEK-Weltrettungstrilogie „Lethal Weather I-III“ gefunden. Veganer Ehnert, der sich stets als „schreibender Schauspieler“ verstanden hat, hat sich danach dank des Deutschen Kleinkunstpreises und des Deutschen Kabarettpreises mit seinen Soloprogrammen einen Namen gemacht.

Im Kern seines Wesens ist der Hamburger Künstler ein Teamplayer

An einem Action-Thriller für Wüste Film, der bekannten Hamburger Filmproduktionsgesellschaft, und einer historischen Polizeiserie für Warner Bros. und Lucky Bird Pictures, einer in München sitzenden internationalen Film- und Fernsehproduktions-Firma, arbeitet Ehnert ebenfalls – Letzteres ist eigentlich noch Geheimsache. Im Kern seines Wesens ist der Hamburger Künstler jedoch ein Teamplayer, der seinen Sinn für Literatur, Humor und Unsinn mit Anspruch am liebsten auf der Bühne umsetzt. Das hat er nicht zuletzt im Bund mit Bader und Jan-Christof Scheibe in den beiden Klassiker-Konglomeraten „Schillers sämtliche Werke ... leicht gekürzt“ und „Goethes sämtliche Werke … leicht gekürzt“ im vergangenen Jahrzehnt äußerst unterhaltsam gezeigt.

Jetzt schreibt Ehnert gewissermaßen an seinem eigenen (Sommer-)Märchen: „Grimms sämtliche Werke … leicht gekürzt“. In der Geschichte über die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm liegt für Autor Ehnert aber nicht nur jene zweier Märchenonkel („Rotkäppchen“, „Der Froschkönig“), die Grimms gelten ja auch als Gründerväter der Germanistik. „Ihr Lebenswerk hat die deutsche Festplatte nachhaltiger beschrieben als irgendein anderes Stück deutscher Literatur“, formuliert Ehnert. Wie in seinen vorigen Kompaktstücken schwebt ihm ein Mix aus klassischem Theater, flotter Biografie, absurder Comedy und vielfältigem Gesang vor. Premiere haben soll das Ganze wieder im Altonaer Theater, diesmal am 3. November. Auch eine bundesweite Tournee der drei selbsternannten „Universal-Genies“ Bader, Scheibe und Ehnert ist geplant.

Coronavirus – die Fotos zur Krise

Doch wie soll die in Zeiten von Corona laufen? Und was wird bei seinen Bühnenprojekten für Ehnert und Co. finanziell übrig bleiben? In Altona etwa darf er beim auch kostümtechnisch aufwendigen Grimm’schen Abend mit den Kollegen nach aktuellem Stand nur vor 140 Besuchern statt wie sonst oft vor ausverkauften Haus (530 Plätze) spielen. Und in Alma Hoppes Lustspielhaus nach Lage der Dinge ebenfalls im November (14.11.) mit dem Kabarett-Schauspiel „Zweikampfhasen“ vor maximal 100.

Im Termin- und Tourkalender ist noch viel Platz

Ehnert freut sich zwar, nach dem Sommer wieder mit Gattin Jennifer auf der Bühne streiten zu dürfen. Er arbeite derzeit an seiner Beziehung zu seiner Ehefrau und Kollegin, fügt er selbstironisch mit Blick auf die Ausgangsfrage an. Wie oft, in welcher Länge und zu welchen Konditionen beide ihr Erfolgsprogramm spielen können, muss sich aber noch herausstellen. Ursprünglich waren mal drei Lustspielhaus-Abende in Folge geplant, nun könnten es mit Glück zwei Vorstellungen à 75 Minuten an einem Abend werden. Im Terminkalender ist noch viel Platz, und erst im Frühjahr war ihre Tournee mit acht Vorstellungen komplett abgesagt worden.

„Im Moment kommt kaum jemand auf uns zu und fragt, ob wir bei denen spielen können“, bekennt Ehnert. Vor der Corona-Krise wurden Gastspiele meist anderthalb bis zwei Jahre im Voraus ausgehandelt. Nun werden viele Auftritte anderer Künstler von Veranstaltern erst mal um ein Jahr verschoben. Jüngst hat Ehnert die (Sommer-)Zeit genutzt, neue Fotos mit Thomas Leidig zu machen, für den darstellenden Künstler der Hamburger Kult-Fotograf. Damit er sich nach Ende der Corona-Beschränkungen „mit brillanten neuen Bildern“ bei allen Castern für weitere Film- und Fernsehrollen empfehlen könne, erläutert Ehnert.

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„Gut, wenn man breit aufgestellt ist und noch andere Jobs hat“, lautet seine Krisen-Erkenntnis. Er denkt dabei an seine Kunst. Andere Kolleginnen und Kollegen konnten nicht mal kellnern oder Taxi fahren, weil auch jene Jobs weggefallen sind. Über seine sozialen Kanäle bei Facebook und Instagram ist Ehnert aktiv geworden: „Viele haben mich gefragt: ,Wie kann man euch Künstlern helfen?’“, erzählt Ehnert. „Ich habe allen gesagt: ,Wenn man wieder ins Theater gehen kann, macht das bitte! Das ist die beste Art der Hilfe!’“

Als Freischaffender weiß Michael Ehnert jetzt umso mehr, was ein Künstler an einem interessierten und zahlungsbereiten Publikum hat.