Theater

„Halbe Wahrheiten“: Das Hamburger Sprechwerk öffnet wieder

| Lesedauer: 7 Minuten
Stefan Reckziegel
Was für eine Farce: Stephan Arweiler, Ines Nieri, Joachim Liesert und Jasmin Buterfas (v. l.) spielen das Ayckbourn-Stück „Halbe Wahrheiten“ im Sprechwerk jetzt mit Abstand.

Was für eine Farce: Stephan Arweiler, Ines Nieri, Joachim Liesert und Jasmin Buterfas (v. l.) spielen das Ayckbourn-Stück „Halbe Wahrheiten“ im Sprechwerk jetzt mit Abstand.

Foto: Julia Santoso

Das Off-Theater startet mit Alan-Ayckbourn-Stück neu und hilft vielen freien Künstlern – auch dank Spenden der Theatergemeinde Hamburg.

Hamburg.  Konstanze Ullmer kann sich noch genau erinnern: Bei einer Vorstellung kurz nach der Premiere von „Halbe Wahrheiten“ musste die Intendantin des Sprechwerks zusätzliche Stühle herbeischaffen, um alle Interessierten an der Komödie des englischen Dramatikers Alan Ayckbourn teilhaben zu lassen. Das war vor fast genau einem Jahr. Gewiss, eine Zusatzbestuhlung in einem Theatersaal wäre derzeit so ratsam wie eine rauschende Feier nach einer Neu-Inszenierung – Partymachen ist ja von den Behörden bei Androhung von Bußgeld ohnehin untersagt.

Aber ein Neustart? Der ist erlaubt. Und so dürfen im Sprechwerk, einem der Hamburger Off-Theater, immerhin 50 von 150 Plätzen besetzt werden, wenn an diesem Wochenende die Wiederaufnahme von „Halbe Wahrheiten“ auf dem Spielplan steht. Ein Drittel der normalen Kapazität unter Wahrung der Abstands- und Hygieneregeln – darüber würde sich manch größere Bühne dieser Tage freuen. „Wir sind in der halbwegs luxuriösen Lage, einen relativ großen Saal zu haben“, sagt Konstanze Ullmer.

Einbahnstraßen-System für die Pause

Im Sprechwerk sind die Sitze jetzt paarweise aufgestellt, dazwischen liegen 1,5 Meter Distanz, auch der Abstand zur Bühne sei groß genug. „In der Pause schleusen wir die Leute dann durch den Notausgang auf den Hof, damit sie zur zweiten Hälfte wieder vorn reinkommen können“, erläutert Ullmer das logistisch schlüssige Einbahnstraßen-System.

Und künstlerisch? Im Vorjahr war „Halbe Wahrheiten“ noch als Kollektivprojekt des vierköpfigen Wortgefechte-Ensembles herausgekommen. Die Reihe „Wortgefechte“ hatte Konstanze Ullmer, seit 2004 neben Sprechwerk-Gründer Andreas Lübbers dabei, vor fünf Jahren mit dem Anspruch initiiert, in ihrem kleinen Haus, ein dialogstarkes, relevantes, auch emotionales Sprechtheater zu etablieren. In dieser Corona-Zeit hat die Intendantin nun selbst die Regie-Zügel in die Hand genommen. Und hat „Halbe Wahrheiten“, eine wortwitzige Verwechslungs-Farce um zwei Männer und Frauen, in der niemand mehr genau weiß, wer der oder die andere ist, gemäß aktueller Sicherheitsstandards umgearbeitet.

„Halbe Wahrheiten“ hat dank Visieren neue Meta-Ebene

Es gilt nun, etwa für die vier Akteure, ein durchsichtiges Visier („Spuckschutz“) mal auf-, dann wieder abzusetzen, je nachdem, ob exzessives Sprechen notwendig ist oder nicht. „Die Schauspieler und Schauspielerinnen berühren sich nicht, obwohl sie es wollen, jeder Zuschauer wird das erkennen“, ist Konstanze Ullmer überzeugt. So sei bei „Halbe Wahrheiten“ eine zusätzliche Meta-Ebene entstanden, mithin eine Neu-Inszenierung, berichtet sie von der Probenarbeit.

2000 Euro für jeden Künstler in Hamburg – so geht's

2000 Euro für jeden Künstler in Hamburg – so geht's

Dass diese und der nun anlaufende Spielbetrieb überhaupt möglich geworden sind, war Ullmer und ihren acht festen Mitarbeitern, die bis Ende Juni alle in Kurzarbeit waren, ein Anliegen und ein Ansporn zugleich. „Ein Theater, das eine öffentliche Förderung erhält, sollte spielen, sobald es ohne Gefahr für Leib und Leben wieder möglich ist“, lautet ihr Credo. 144.000 Euro institutionelle Förderung pro Spielzeit bekommt das Sprechwerk von der Hamburger Kulturbehörde. Das Off-Theater will in der Krise umso mehr ein Podium für Hamburgs freie Künstlerinnen und Künstler sein. „Es muss wieder öffnen, um ihnen einen Ort und dem Publikum endlich wieder analoge Bühnenerlebnisse zu ermöglichen“, betont Konstanze Ullmer.

8000 Euro decken fast die Kosten für Juli und August

„Ich gehe das Risiko ein“, sagte sich die Intendantin. Möglich wurde es finanziell, weil das noch immer in Borgfelde zu günstiger Miete ansässige Sprechwerk außer Unterstützung von der Kulturbehörde unverhofft Geld von der Theatergemeinde Hamburg erhielt. Der gemeinnützige Verein und seine mehr als 16.000 theaterinteressierten Mitglieder haben in den vergangenen Wochen zahlreiche Bühnen der Hansestadt mit Spenden unterstützt. Als Ullmer jedoch von den mehr als 8000 Euro allein für das Sprechwerk erfuhr, sei sie fast „nach hinten runtergefallen.“

Eine vergleichsweise kleine Summe, die indes fast reicht, die Kosten für Juli und August zu decken. Und: Ullmer kann den Künstlern davon ihre Gagen zahlen. So zeigt das Sprechwerk im Juli noch Lydia Laleikes satirische Zwei-Personen-Komödie „Hetz Hetz“ (am 24.7.), tags drauf erzählt Rezitatorin Anna Magdalena Bössen in „Deutschland. Ein Wandermärchen“ von einer Fahrrad-Reise im Land der Dichter und Denker, und in „Madoffs Traum“ (26.7.) gibt Schauspieler Bruno Bachem den zu 150 Jahren Gefängnis verurteilten Börsenmakler und Ex-Nasdaq-Vorstand Bernard Madoff. Mit der Adaption des Bestsellers „Rückkehr nach Reims“ von Didier Eribon folgt am 30. und 31. Juli in Gaby Schelles Regie sogar eine Theaterpremiere mitten im etwas anderen Sommerloch 2020.

Die Zuckerschweine improvisieren, auch Türsteher Viktor Hacker kommt

Am 1. und 7. August steht auf der Borgfelder Bühne – sie heißt ja nicht umsonst Sprechwerk – zweimal das Live-Hörspiel „Macs Bett – Shakespeare in der Notaufnahme“ auf dem Programm. Außer dem im Sprechwerk beheimateten Improtheater-Ensemble Die Zuckerschweine (am 6. und 20.8.) bietet Konstanze Ullmer auch Kabarettisten wie Türsteher Viktor Hacker (13.8.), „Teilzeitrebellin“ Turid Müller (21.8.), Chanson-Filou Felix Oliver Schepp (22.8.) und Büro-Satirikerin Andrea Volk (28.8.) nach fast sechs Monaten Zwangspause wieder ein Forum, ebenso der Schauspielerin Christa Krings mit ihrem Marlene-Dietrich-Abend am 19. August.

Und das ist nur ein Teil des dichten Sommer-Programms, bei dem die Intendantin noch kleinere Häuser als ihres bedenkt: Weil die Betreiber vom Theater das Zimmer (40 Plätze) im benachbarten Horn allenfalls vor zehn Leuten auftreten dürften, spielen sie ihr Stück „Komplize“ Anfang September vor bis zu fünfmal so vielen im Sprechwerk.

Lesen Sie auch:

„Jetzt ist die Gelegenheit, Künstlerinnen und Künstler zu entdecken, die sonst vielleicht in der Masse der großen, kulturellen Ereignisse Hamburgs eher untergegangen wären“, hofft Konstanze Ullmer auf die Neugier des urbanen Publikums. Auf dass es auch nach der Krise noch viele freie Künstler gebe! Das Sprechwerk und ihre Leiterin gehen die ersten Schritte auf dem langen Weg zurück zur kulturellen Normalität.

„Halbe Wahrheiten“ Fr 17./Sa 18.7., jew. 20.00, So 19.7., 18.00, Hamburger Sprechwerk (U/S Berliner Tor), Klaus-Groth-Str. 23, Karten: 12,80 (erm.) bis 22,- und kompletter Spielplan unter www.hamburgersprechwerk.de