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Doku gratuliert Wim Wenders vorab zu seinem 75. Geburtstag

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander
Wim Wenders bei den Dreharbeiten zu „Paris, Texas“.

Wim Wenders bei den Dreharbeiten zu „Paris, Texas“.

Foto: Studio Hamburg Enterprises

Die Macher des Films bekamen den großen Regie-Kollegen nicht nur vor die Linse, sie durften ihn auch über eine lange Zeit begleiten.

Hamburg. Ein Mann läuft bei sengender Hitze im verstaubten Anzug durch die Wüste, dazu ein paar tiefenentspannte Gitarrenriffs von Ry Cooder, und jeder Cineast weiß sofort: Das ist „Paris, Texas“. Ein anderer Mann im Anzug läuft durch die Staatsbibliothek, lauscht den Gedanken der Lesenden und legt manchen die Hand auf die Schulter. Auch das kennt jeder aus „Der Himmel über Berlin“. Aber der Mann im Staub ist nicht Harry Dean Stanton und der in der Stabi nicht Bruno Ganz. Es ist Wim Wenders, der Regisseur beider Filme.

Wenders hat schon viele Dokumentarfilme über namhafte Zeitgenossen gemacht. Nun wird er – quasi als vorzeitiges Präsent zu seinem 75. Geburtstag, der am 14. August ansteht – selbst Gegenstand eines Films: in „Wim Wenders, Desperado“, der jetzt in die Kinos kommt. Für ihren Dokumentarfilm haben Eric Friedler und Andreas Frege den großen Regie-Kollegen nicht nur vor die Linse bekommen, sie durften ihn auch über eine lange Zeit begleiten.

Und für sie – Selbstironie war ja immer schon einer seiner schönsten Züge – stapft Wenders durch seine eigenen Filme. Der Höhepunkt ist dabei eine Installation im Pariser Grand Palais vor einem Jahr: Auf sieben Wänden lief dort eine Collage von Wenders’ Bilderwelten. Und auch hier war das Filmteam mit dabei und nahm den Schöpfer inmitten seines Universums auf. Als weiteren Anreiz gibt es viel Archivmaterial, das teils noch nie zu sehen war.

Dokumentarfilmer haben viele der Weggefährten von Wim Wenders besucht

Außerdem haben die Dokumentarfilmer viele seiner Weggefährten besucht: Schauspieler wie Willem Dafoe, Andie McDowell und Erika Pluhar. Andere Regie-Titanen wie Werner Herzog oder Francis Ford Coppola. Und Musiker wie Patti Smith und Campino. Dabei versteigt sich der Tote-Hosen-Sänger zu der These, für ihn sei „Wim ein Punk“. Und Herzog, wie immer in einem gewissen Erregungszustand, verrät, was er einem angehenden Filmstudenten raten würde: „Schau dir Wims Filme an, du Depp.“ Solche Momente leben natürlich von dem Reiz, dass diese „Talking Heads“ viel mehr über sich selbst verraten als über den, dem sie huldigen.

Das hat hohen Unterhaltungswert. Und zu Wim Wenders gibt es ja einen viel besseren Spezialisten: den Meister selbst. Keiner spricht so offen, so klug und selbstkritisch über Wenders. Wenn auch der Autor dieser Zeilen angehenden Filmstudenten einen Rat geben müsste, dann wäre es der, sich bei allen Filmen von Wenders dessen Audiokommentare anzuhören. Sonst ist solches Bonus-Material ja meist bloßer Werbeanreiz für DVDs und Blu-rays ohne jeden Mehrwert. Wenders aber weiß nicht nur zu jedem Film wunderbare Anekdoten zu erzählen, er überprüft sie zugleich mit dem kritischem Blick aus der Distanz.

Überraschende Essenz seiner Kunstauffassung

„Wim Wenders, Desperado“ kann da bei einer Lauflänge von nur zwei Stunden lediglich ein Best-of liefern. Die Frage, wer dieser Wim Wenders ist, die will der Meister sich aber gar nicht erst stellen. „Ich will’s nicht wissen, wirklich nicht. Ich seh den Typ schon jeden Morgen beim Rasieren. Das reicht mir.“ Der Film wird auch dann spannend, wenn Wenders mal nichts mehr sagen will.

Und dann gibt er eine überraschende Essenz seiner Kunstauffassung im Hinblick aufs Erzählkino. Richtig erzählen könne er nur, wenn er nicht wisse, wie es ausgeht. Sonst sei es „geschummelt“. „Warum will ich denn erzählen, wenn ich nichts erfahren will?“ Meist hat er einfach drauflosgedreht und nachts die Szenen für den nächsten Drehtag geschrieben. Wobei er oft genug mit seinem Stoff gerungen hat und dabei nicht selten verzweifelt ist. Aber, so sein Credo: Er versteht das Erzählen als Abenteuer. Nicht umsonst heißt seine Produktionsfirma Roadmovies: Wenn er dreht, macht er sich wirklich auf den Weg, on the road. Mit unbekanntem Ziel.

„Wim Wenders, Desperado“ fokussiert sich auf dessen Zeit in Amerika

Andere Filmemacher könnten bei diesem Kunstverständnis den Kopf schütteln. Erst recht Produzenten, die dafür das Geld ausgeben. Dass heute kaum noch einer mit ihm auf eine so ungewisse Reise gehen mag, gibt Wenders offen zu. Noch offener formuliert es seine Frau Donata: In den vergangenen Jahren brülle Wim immer öfter am Set. Das sei gar nicht ihr Mann, aber er stehe immer stärker unter dem Druck, abends Ergebnisse vorlegen zu müssen. Viel mehr in seinem Element sei er bei Dokumentarfilmen, wo er erst mal drauflosdrehen und die Form später finden könne.

Obschon Wenders ein riesiges Oeuvre vorweisen kann, fokussiert sich „Wim Wenders, Desperado“ auf ein zentrales Kapitel: seine Zeit in Amerika. Wenders hat sich nie als Deutscher gesehen, war auch verwundert, dass er ein Vertreter des Neuen Deutschen Films genannt wurde. Er wollte immer weg und ging schließlich in die Staaten, der Traum jedes Filmemachers. Dort hat er für Francis Ford Coppola „Hammett“ gedreht, ist aber grandios gescheitert und hat sich mit Coppola überworfen. Über diese Erfahrungen gibt es einen eigenen Wenders-Film, „Der Stand der Dinge“.

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Und weil er nicht mit leeren Händen aus den Staaten zurückkehren wollte, hat Wenders schließlich einen seiner schönsten Filme gedreht: „Paris, Texas“. Der brachte ihm die Goldene Palme ein. Ein triumphales Comeback, aber nicht mehr als Vertreter des deutschen, sondern des europäischen Films. Vielleicht muss das europäische Kino Coppola für das Trauma, das er Wenders angetan hat, sogar dankbar sein. Coppola darf sich in diesem Film übrigens ausgiebig verteidigen. Fast scheint es, als ob die alten Streithähne Frieden geschlossen haben.

Und dann sitzen Wim Wenders und Werner Herzog – die zwei noch lebenden Titanen des Neuen Deutschen Films, die doch beide nie dazugehören wollten – zusammen auf der Couch. Wenders hat Herzog schon für zwei seiner Filme interviewt, „Tokyo-Ga“ und „Room 666“. Die habe er aber beide nie gesehen, gibt Herzog offen zu. Er finde das peinlich, sich im Film zu sehen. „Regisseure vor der Kamera, das geht in der Regel schief.“ Wenders bestätigt das. „Ich mach das auch, ich guck mich nie selbst.“ Er geht noch weiter: „Ich schau mir auch diesen Film nicht an.“ Die Regisseure mögen das nicht gerne hören. Für alle anderen aber ist ihr Film ein Gewinn.

„Wim Wenders, Desperado“ 120 Minuten, ab 6 Jahren, läuft im Abaton und Zeise