Probenbesuch

Wie das Ohnsorg-Theater ohne Aerosole spielen will

| Lesedauer: 7 Minuten
Stefan Reckziegel
Regisseur Murat Yeginer wird während einer Probe zu "Tussipark" von Caroline Kiesewetter desinfiziert.

Regisseur Murat Yeginer wird während einer Probe zu "Tussipark" von Caroline Kiesewetter desinfiziert.

Foto: Oliver Fantitsch

Mit Karaoke-Kömödie „Tussipark“ startet Theater am 16. Juli nach vier Monaten Pause neu – auf Hochdeutsch, mit Playback und Abstand.

Hamburg. Noch sind Kasse und Abo-Büro für den Publikumsverkehr geschlossen. Umbaumaßnahmen. Zwei Aufstelltafeln im Foyer des Ohnsorg-Theaters mit der Bitte um Beachtung von Verhaltensmaßregeln für Gäste dokumentieren jedoch, dass sich auch die Traditionsbühne am Heidi-Kabel-Platz auf die neue, für die kreative Kulturarbeit so schwierige Normalität eingestellt hat.

Kontaktlose Desinfektions-Spender an den Eingängen sondern das Mittel bereits ab, Handzettel mit den wichtigsten Regeln stecken in Kästchen neben den Türen. Mindestens 1,5 Meter Abstand im Theater sind Pflicht, ebenso das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes – außer beim Verzehr von Speisen und Getränken sowie auf den Sitzplätzen im Großen Haus.

Karaoke-Komödie "Tussipark" feiert am 16. Juli Premiere

In dem herrscht an diesem Nachmittag schon reger Betrieb. Oberspielleiter Murat Yeginer sitzt neben dem Technik-Pult vorn rechts im Saal. Der Regisseur lässt vier Frauen auf der Bühne so richtig machen und tun, muss mehrmals laut lachen. Probe für „Tussipark“. Das als Karaoke-Komödie angekündigte Werk ist am 16. Juli die erste Premiere eines Theaterstücks in Hamburg zu Corona-Zeiten; das Schmidts Tivoli hatte am vorvergangenen Donnerstag mit der üppig ausstaffierten Show „Paradiso“ für kulturelle Wiederbelebung gesorgt.

Das Ohnsorg hat seit vier Monaten geschlossen. Bereits im Vorjahr hatten Yeginer und Intendant Michael Lang „Tussipark“ als hochdeutsche Sommer-Bespielung der Bühne fürs Niederdeutsche auserkoren, gefolgt vom Gastspiel der drei Hamburger Musik-Komödianten Bidla Buh (ab 30. Juli). Sogar als das öffentliche Leben im April und Mai weitgehend lahmgelegt war, hielten Lang und Yeginer an ihren Plänen fest – Theatermacher sind immer auch Optimisten, indes selten Fantasten.

Sicherheits- und Hygienekonzept umfasst 44 Seiten

Deshalb haben Lang und sein Team ein Sicherheits- und Hygienekonzept von 44 Seiten für die Behörden erstellt – Grundvoraussetzung, um wieder vor Publikum spielen zu können. Das Konzept beschreibt die Gefahren und deren Vermeidung für sämtliche Handlungen auf und hinter der Bühne sowie mit Zuschauern.

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Es umfasst alle Bereiche des Theaters, von der Verwaltung über Garderoben der Schauspieler bis zur Gastronomie. Die hat immerhin vor Beginn jeder Vorstellung geöffnet, nicht aber in der Pause: Die entfällt aus Hygienegründen. „Die Menschen gehen nur ins Theater, wenn alles für die Sicherheit getan wird“, sagt Hausherr Lang. „Und wir tun alles dafür und den Infektionsschutz.“ Im Saal bleibt jeder zweite Reihe frei, gleichfalls je zwei Plätze zur Linken und zur Rechten. Macht bei der Premiere 123 statt der sonst üblichen 410 Besucher.

Endfassung soll 70 Minuten dauern

Heute habe er wieder zehn Minuten aus dem Stück gestrichen, erzählt Murat Yeginer in einer Probenpause im Foyer. Gut 70 Minuten soll die Endfassung dauern. Nach erst drei Wochen Probenarbeit seien er und die vier Hamburger Schauspielerinnen Caroline Kiesewetter, Rabea Lübbe, Tanja Bahmani und Julia Holmes erstaunlich weit. Insbesondere angesichts der Umstände.

Yeginer: „Eine der größten Herausforderungen war es, dass sie auf Abstand spielen und dieser auch eingehalten werden kann.“ Mindestens 1,5 Meter Distanz, das gilt auch auf der Ohnsorg-Bühne. Die Komödie „Tussipark“ führt vier unterschiedliche Frauen an einem Sonnabend kurz vor Ladenschluss zufällig in einem Parkhaus eines Shopping-Centers zusammen. Ihr gemeinsames Thema sind – Männer.

Desinfektionsmittel aus dem Bauchgürtel

Der findige Yeginer, der das freche Stück von Christian Kühn der aktuellen Lage angepasst hat, scheint zu wissen, was er an seinen Damen hat. „Hochprofessionell“ hätten sie sich auf die neuen Regeln sowie das sicherheitsbedingt reduzierte Personal hinter der Bühne eingestellt. „Ohne Souffleuse, ohne Ankleiderin, ohne Maskenbildnerin – die machen alles selbst“, sagt Yeginer bewundernd.

Für den Oberspielleiter soll diese Arbeitssituation aber ebensowenig ein Dauerzustand sein wie für die Darstellerinnen. Die spielen, laufen und tanzen – und das nicht nur bei der Probe – ständig mit einem Bauchgürtel, aus dem sie sich auch eines Desinfektionsmittels bedienen.

Ungewöhnlich: viel Playback im Live-Theater

Und sie mussten doppelt arbeiten: Um nicht zu viele Aerosole im Saal zu verbreiten oder wie beim Gesang vorgeschrieben sechs Meter Abstand einhalten zu müssen, haben die Schauspielerinnen alle zehn Songs, acht Lieder und zwei Abba-Medleys, der Komödie zusätzlich mit dem musikalischen Leiter Stefan Hiller eingespielt. Derart viel Playback im Live-Theater, das hat auch der erfahrene Theatermann Yeginer so noch nicht erlebt.

Caroline Kiesewetter freut sich dennoch auf ihr Ohnsorg-Debüt als männerverschleißende Geschäftsfrau Pascaline. Als sie im Dezember den Vertrag fürs Sommer-Gastspiel unterschrieb, war das „ein schönes Weihnachtsgeschenk“. Jetzt ist „Tussipark“ für die singende Schauspielerin, auch als feine Jazz-Interpretin bekannt, das erste Engagement, seit sie im März mit ihrem Kollegen Tim Grobe in der Schweiz die Tournee der auch in Hamburg gefeierten turbulenten Komödie „Tour de Farce“ abbrechen musste.

Wenn nur eine krank wird, haben alle keinen Job mehr

Rabea Lübbe, die schon ein halbes dutzendmal am Heidi-Kabel-Platz spielte, will als just entlassene Verkäuferin Jennifer einmal mehr ihr komödiantisches Talent zeigen. Mitte März konnte sie im Ohnsorg-Studio nur die Generalprobe des Hans-Fallada-Stücks „Kleiner Mann, was nun?“ spielen, tags darauf folgte die Theaterschließung. „Ich mag es, dass man sich in diesen Zeiten gegenseitig mehr hilft als früher“, sagt Rabea Lübbe. Sie spürt einen gewachsenen Zusammenhalt im Ensemble der vier Gast-Schauspielerinnen.

Und Caroline Kieswetter weiß um die nötige Disziplin: „Wenn hier eine von uns krank wird, haben wir alle keinen Job mehr.“ Es gilt, weiter Abstand zu halten auf der Bühne, aber auch abseits davon – trotz der gewachsenen Sympathien. Umso mehr ärgerte es Kiesewetter, als sie neulich in einer Pause vor dem Ohnsorg-Theater Passanten sah, die alle Abstandsregeln über den Haufen warfen und sich wild umarmten. „Das ist schwer zu begreifen: Wir arbeiten uns hier ab, und viele Leute draußen vergessen, was das heißt.“

„Tussipark“ Premiere Do 16.7., 19.30, bis 26.7., Ohnsorg-Theater (U/S Hbf.), Heidi-Kabel-Platz 1, Karten zu 21,50 bis 34,50 (zzgl. Gebühren) in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18-32, T. 30 30 98 98; www.ohnsorg.de