Filmkritik

Die mit dem Wolf tanzt – eine Reise zu sich selbst

| Lesedauer: 4 Minuten
Peter Zander
Landschaften, die geradezu nach der goßen Leinwand schreien: Die Mongolei in „Eine größere Welt“.

Landschaften, die geradezu nach der goßen Leinwand schreien: Die Mongolei in „Eine größere Welt“.

Foto: MFA+

Feines Schauspiel und betörende Landschaften: In „Eine größere Welt“ findet die Hauptfigur durch Schamanismus zu sich selbst.

Was ist am weitesten weg? Corine (Cécile de France) muss raus. Sie hat ihren geliebten Mann nach schwerer Krankheit verloren. Der Verlust bricht ihr das Herz. Bei ihrem Job in einem Musikstudio ist sie fahrig und vergisst schon mal, bei einer Aufnahme das Band zu starten.

Der Kollege, der es gut mit ihr meint, braucht für eine TV-Reihe über Spiritualismus noch typische Geräusche und religiöse Gesänge und regt an, ob sie das übernehmen könne. Afrika oder die Mongolei? Letzteres ist weiter weg. Und so bricht Corine in die Ferne auf, zu einfachen Nomaden in entlegene Steppen. Um Abstand von sich zu kriegen.

Corines Flucht in die Mongolei wird Reise zu sich selbst

Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Visite geht ihr näher, als ihr lieb ist, wird eine Reise zu sich selbst. Bei einem schamanischen Ritual fällt sie schon bei ersten Trommelschlägen in Zuckungen und schließlich in einen trance-ähnlichen Zustand, der in Wolfsgeheul endet. Die Schamanin Oyun (Tserendarizav Dashnyam) ist überzeugt, dass Corine die Gabe hat, dass sie selbst eine Schamanin ist. Das allerdings ist das Letzte, was Corine jetzt braucht. Abrupt reist sie ab.

Aber auch zurück im aufgeklärten Westen lässt sie der Ruf nicht los. Auch hier fällt sie beim Abhören der Aufnahmen in ein Zittern. Der jüngeren Schwester (Ludivine Sagnier) ist das nicht geheuer, sie schickt Corine zur Ärztin. Die will sie nur mit Tabletten ruhig stellen. Das lehnt Corine ab.

Zumal sie glaubt, mit ihrem toten Mann Kontakt aufgenommen zu haben. Unsinn? Sie rät auch dem Kollegen, zum Arzt zu gehen, wobei prompt eine schwere Krankheit im Frühstadium attestiert wird. Immer mehr beginnt Corine sich mit dem Schamanismus auseinander zu setzen. Und kehrt schließlich, wie Oyun es schon prophezeit hat, in die Mongolei zurück.

Selbstfindung scheint oft ein weibliche Thema zu sein

Selbstfindungen in der Ferne, oft unter primitivsten Umständen, scheint ein sehr weibliches Thema zu sein. Gerade auch im Kino. Das schlägt sich in zahllosen Filmen von „Jenseits von Afrika“ über „Rangoon“ bis zu „Die weiße Massai“ nieder. Und so aufgeschlossen sich Frauen darin geben, so gern machen Männer bei dem Thema dicht.

Das könnte auch bei diesem Film eintreten, kommt hier doch mit dem Schamanismus ein ausgesprochenes Modethema hinzu. Wo bei den Riten, wie Kritiker anfügen werden, doch auch immer Alkohol und Drogen eine Rolle spielen. Und besagte Oyun, das zeigt der Film augenzwinkernd, für westliche Touristen schon mal Fake-Rituale vornimmt, um ihre Haushaltskasse aufzubessern.

Berthaud erliegt spirituellen Themen nicht naiv

Doch die französische Regisseurin Fabienne Berthaud hat schon in Filmen wie „Barfuß auf Nacktschnecken“ und „Sky: Der Himmel in mir“ ihre Offenheit für spirituelle Themen bewiesen, ohne ihnen naiv zu erliegen. Ihr jüngster Film basiert auf den Erfahrungen von Coline Sombrun, die diese in ihrem Buch „Mein Leben mit den Schamanen“ festgehalten hat.

Nachdem sie sich in der Mongolei zur Schamanin hat ausbilden lassen, arbeitet Sombrun heute mit Wissenschaftlern, Neurologen und Hirnforschern zusammen, um die mentalen Mechanismen bei derartigen Trancezuständen und deren mögliche therapeutische Zwecke zu erforschen.

„Eine größere Welt“ belehrt nicht, aber schafft Interesse

Während in Berthauds vorherigen Filmen Diane Kruger die Frau spielte, die ihren Horizont erweitert, übernimmt diese Rolle diesmal die belgische Schauspielerin Cécile de France, der es gelingt, ihre Figur interessant zu machen, auch wenn man immer ein bisschen auf Distanz zu ihr bleibt. Dabei werden auch skeptische und kritische Haltungen anderer zu dem Thema aufgezeigt. Niemandem wird also eine Belehrung aufgezwungen. Der Film schafft im besten Sinne Interesse an dem Thema.

Und dann lebt „Eine größere Welt“ nicht nur von dem fein zurückgenommenen Spiel seiner Hauptdarstellerin, sondern auch von den betörenden Landschaften der Mongolei, die man unbedingt auf der großen Leinwand sehen muss – und die die Sinne ganz von alleine weiten.