Nachruf

Ennio Morricone – der berühmteste Filmkomponist der Welt

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Peter Zander

Der Oscar-Preisträger ist mit 91 Jahren gestorben. Er war eine der letzten Kino-Legenden und revolutionierte die Filmmusik.

Rom. So was hatte die Welt noch nie gehört. Zumindest nicht im Kino. Als Sergio Leone 1964 mit seinen Italo-Western dem amerikanischsten aller Filmgenres den Kampf ansagte, tat er dies nicht nur, indem er den Western dreckiger, brutaler und zynischer gestaltete und all der hehren Pionier-Ideale seiner Vorbilder beraubte. Die Misstöne und Dissonanzen waren sogar auf der Tonspur zu hören.

Da erklangen nicht nur die üblichen, satten Orchesterstücke in Dur. Stattdessen kratzten, jaulten, ja rülpsten gar Maultrommeln, Blockflöten, Mundharmonikas, ein Amalgam mit menschlichen Tönen wie Pfeifen, Gellen oder Schreien und einem Geräuscheteppich aus Glockenläuten, Ambossschlägen, Schüssen und Peitschenknallen, unterlegt mit verzerrten E-Gitarre-Riffs. Dies war das Verdienst von Ennio Morricone, der damit den Western auch akustisch parodierte. Mit wenigen, einfachen In­strumenten, wie sie damals in jedem Haushalt Italiens vorhanden waren.

Ennio Morricone war einer der unermüdlichsten Komponisten des Kinos

In „Zwei glorreiche Halunken“ imitierte er mit nur acht Tönen sogar das Geheule von Schakalen. Keine Katzen-, sondern Kojotenmusik. Was Wagners Tristan-Akkord für die klassische Musik, ist dieses Geheul für die Filmmusik: Zäsur und Wendepunkt. Der Italiener revolutionierte damit die Filmmusik. Und löste sie aus dem damals vorherrschenden Korsett des „Underscoring“, wonach Filmmusik die Bilder lediglich untermalen sollte. Morricone setzte im Gegenteil auf drastische, aufdringliche Effekte.

Dabei konnte der Mann auch ganz andere Töne aufziehen. Elegische Streichersätze mit Partien für Sopransolo, meist gesungen von Edda dell’Orso, erklangen erstmals in den „Halunken“ und dann ganz dominant in „Spiel mir das Lied vom Tod“. Mit diesem, ihrem vierten gemeinsamen Film wollte Leone den klassischen Western nicht mehr parodieren, sondern überhöhen, daher auch der Originaltitel „C’era una Volta in West“, was mit „Es war einmal im Wilden Westen“ übersetzt werden müsste.

Der deutsche Verleih aber erkannte den Anteil der Musik und änderte den Titel in „Spiel mir das Lied vom Tod“. Wurden Western bis dahin gern abwertend als „Pferde-Opern“ tituliert, machten Leone und Morricone daraus wirklich eine: mit Leitmotiven für jede der Hauptfiguren.

Ennio Morricone war schon früh ein Platz im Film-Pantheon sicher

Allein mit diesen wenigen Filmen, die Morricone mit Leone geschaffen hat, wäre ihm ein Platz im Film-Pantheon sicher. Aber der Römer war einer der unermüdlichsten Komponisten des Kinos. Er hat für über 500 Film- und Fernsehproduktionen die Musik komponiert, 29 allein in seinem produktivsten Jahr 1968, und hat noch bis zuletzt an Scores geschrieben. Nun ist der große Maestro am 6. Juli mit 91 Jahren in Rom gestorben.

Dabei wollte Morricone, 1928 im römischen Stadtteil Trastevere geboren, eigentlich einen ganz anderen Berufsweg einschlagen als klassisch-moderner Komponist. Schon mit sechs Jahren soll er an ersten Kompositionen gebastelt haben, mit zehn kam er aufs angesehene Konservatorium Santa Ceciclia in Rom und erwarb zwischen 1946 und 1954 Di­plome für Trompete, Instrumentierung und Komposition. Doch als die Oper von Venedig für sein Konzert für Orchester ganze 60.000 Lire zahlen wollte, gab er seinen Traum auf. Und arbeitete fortan fürs Radio und als Arrangeur für Schlager.

Morricone gelangen außergewöhnlich populäre Soundtracks

Ein Spät- und Quereinsteiger, ganz wie sein ehemaliger Schulkamerad Sergio Leone. Als der ihn 1964 für seinen ersten Italo-Western „Für eine Handvoll Dollar“ gewann, war das nicht nur der Karrierestart für Leone und seinen hünenhaften, aber etwas ungelenken Hauptdarsteller Clint Eastwood, sondern auch für Morricone.

Eine ähnlich kongeniale Verbindung zwischen Regisseur und Komponist gab es nur noch zwischen Alfred Hitchcock und Bernard Herrmann oder Federico Fellini und Nino Rota. Aber nie hatte Musik ein solches Eigengewicht. Am Ende durfte Morricone sie für Leone sogar lange vor Drehstart schreiben. Leone ließ sie dann auch während der Dreharbeiten abspielen, um die Darsteller in die rechte Stimmung zu versetzen.

Gerade die Kombination von klassischer Ausbildung und popkulturell-kommerziellen Anfängen gilt als Grund dafür, warum Morricone so außergewöhnlich populäre Soundtracks gelangen, die auch nach Jahren noch auch von fachunkundigen Fans mit konkreten Filmszenen verbunden werden. Morricones Musik wächst in die Filmbilder hinein. Und aus ihnen hinaus.

Dabei gab sich der nur 1,66 Meter große Komponist immer ganz bescheiden. „Man muss nur eine Idee haben“, erklärte er in einem seiner wenigen Interviews. Früh ist Morricone selbst populär geworden. „Spiel mir das Lied vom Tod“ war der erste Soundtrack, der sich auch als Schallplatte verkaufte. Bis 1970 hat er 40 Millionen Tonträger verkauft, 1989 galt er als der meistverkaufte Komponist Italiens – nach Verdi.

Ennio Morricone lernt nie die englische Sprache

Seine römische Altbauwohnung verließ der eigenwillige Komponist selten, die englische Sprache erlernte er nie. Wer was von ihm wollte, musste schon zu ihm kommen. Und einen Übersetzer mitbringen. Wie sehr Morricone dennoch die Popkultur prägte, zeigt sich auch daran, dass so unterschiedliche Formationen wie die Rolling Stones oder die Pet Shop Boys sich auf ihn beriefen.

Zu seinem 80. Geburtstag interpretierten Rockstars wie Bruce Springsteen, Jazz-Größen wie Herbie Hancock oder Operndiven wie Renée Fleming auf dem Album „We all love Ennio Morricone“ Coverversionen seiner Titel. Seinen ersten regulären Oscar gewann Morricone erst vor vier Jahren, mit 87, für „The Hate­ful 8“ von Quentin Tarantino, der zuvor schon alte Morricone-Stücke verwendet hatte, um dem alten, klassischen Kino zu huldigen.

Nun ist dem Kino eine seiner letzten noch lebenden Legenden gestorben. Um ihm das Lied vom Tod zu spielen, braucht es nicht mal ein großes Orchester. Eine Maultrommel, eine Mundharmonika oder zur Not Kojotengeheul aus der Kehle tun es auch, um ihn zu ehren.