Kultur

Wenn ein Klassik-Star „Rhythm Is a Dancer“ singt

| Lesedauer: 5 Minuten
Tino Lange
Alex Christensen, hier 2019 im Hard Rock Cafe an den Landungsbrücken, begann seine Karriere in den 80er-Jahren als Club-DJ.

Alex Christensen, hier 2019 im Hard Rock Cafe an den Landungsbrücken, begann seine Karriere in den 80er-Jahren als Club-DJ.

Foto: picture alliance /

Der Hamburger DJ, Produzent und Komponist Alex Christensen spricht über seinen DJ-Auftritt in der ZDF-Reihe „Klassik im Club“.

Hamburg.  Der Hamburger DJ, Produzent und Komponist Alex Christensen (53) kannte noch nie Berührungsängste: Seine Elektro-Version von Klaus Doldingers „Das Boot“-Melodie wurde 1992 zum ersten Techno-Nummer-eins-Hit, später nahm er als Produzent mit einer kaum überschaubaren Zahl Künstler Lieder auf, von Sarah Brightman über Udo Lindenberg bis Helene Fischer, von Eurodance über ESC-Pop bis Schlager. Für den Auftakt der ZDF-Reihe „Klassik im Club“ kombinierte er vor Corona im Berliner Theater im Delphi Techno und Eurodance mit Orchester – gewagt, wie der in Othmarschen lebende Christensen im Telefonat erzählt.

Hamburger Abendblatt: Herr Christensen, waren Sie bereits in der Elbphilharmonie?

Alex Christensen: Nein, bislang noch nicht. Ich wollte schon einige Konzerte gern besuchen, aber die waren immer zu schnell ausverkauft. Und dort auftreten konnte ich bislang auch nicht. Offensichtlich gibt es dort eine Vorsortierung, an der ich bislang gescheitert bin. Das Gebäude ist allerdings wunderschön.

Ende der 80er, Anfang der 90er stiegen DJs zu Popstars auf, die mittlerweile in Stadien und auf gigantischen Festivals auftreten. Sie sind allerdings vor allem als Produzent aktiv geblieben. Scheuen Sie das Rampenlicht?

Christensen: Nein, ich hatte einfach immer was zu tun, neue Projekte, neue Ideen. Dieses Jahr hätte im April meine Tour mit The Berlin Orchestra in der Barclaycard Arena begonnen, aber die Pandemie hat mir und unserer Branche ja Berufsverbot beschert. Vielleicht klappt es im Oktober.

Wie sind Sie denn mit klassischer Musik in Berührung bekommen?

Christensen: Über meinen Vater, der mit seiner Band schon in den 60ern im Kaiserkeller gespielt hat und mich musikalisch sehr geprägt und inspiriert hat. Sein Musikgeschmack war sehr breit ausgeprägt, von den Beatles über Schlager bis zur klassischen Musik. Ich glaube, die Beatles waren die beste Verbindung, so wie George Martin auf der „Sgt. Pepper’s“ Orchester und kreatives Bandchaos koordiniert hat, das hat mich sehr beeindruckt. Und Ende der 90er-Jahre fühlte ich mich vom Eurodance und Techno nicht mehr so gefordert und habe mich über Swing- und Bigband-Projekte mit Paul Anka und Michael Bolton und Orchesteraufnahmen mit Udo Lindenberg und Sarah Brightman langsam autodidaktisch herangetastet.

Können Sie klassische Ensembles komplett arrangieren, bis hinunter zur Triangel?

Christensen: Nein, das wäre vermessen. Aber es reicht, um mit guten Arrangeuren zu arbeiten, die dann wissen, was ich hören möchte. Ich habe festgestellt, dass die Klassik viel Respekt vor der Elektronik hat und umgekehrt. Letztendlich wollen auch alle das Gleiche: Emotionen wecken, berührt werden, Spaß haben.

Die Kombination von Pop und Klassik ist schon viele Jahrzehnte alt, von den Beatles oder Deep Purple bis zu den vielen Pop-Zitaten des Stücks „Adagio for Strings“ und Kreuzüber-Künstlern wie David Garrett. Warum wird so was immer noch als unerhörte, crazy Idee verkauft?

Christensen: Das kann ich auch nicht beantworten. Allerdings muss ich schon sagen, dass die Idee von „ZDF-Klassik im Club“ schon sehr spitz ist, immerhin präsentieren wir 90er-Jahre-Dancetitel im Hauptprogramm und nicht irgendwo auf ZDFneo verklappt. Viele Menschen nehmen an, dass der Dance-Pop der 90er überwiegend nur Trash ablieferte, da ist dieses Format durchaus gewagt. Viele der Lieder damals waren übrigens ex­trem gut. Es ist ein wenig wie bei Quentin-Tarantino-Filmen. Er bedient sich auch aus verschiedensten Filmgenres und komponiert etwas ganz Eigenes damit. In der Musik ist das meiste auch erzählt worden und lebt dann auf durch eine neue Interpretation. Electro-Swing war so ein Beispiel.

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Wie kam es neben Cellistin Alice Sara Ott und Cellistin Camille Thomas zur Zusammenarbeit mit Sopranistin Fatma Said? Sie würde man tatsächlich eher in der Scala als im Club verorten.

Christensen: Die Redaktion hat Vorschläge gemacht, und Fatma Said hat mich sehr beeindruckt. Ein neuer So­pran-Star, der viele Sprachen spricht, unglaublich vielseitig ist und den Mut hat, „Rhythm Is a Dancer“ zu singen, eine tolle Persönlichkeit.

Welche Lieder haben Sie mit diesen Persönlichkeiten und Orchester zusammen für „Klassik im Club“ aufgezeichnet?

Christensen: „Rhythm Is a Dancer“, natürlich „Das Boot“ und „Adagio for Strings“ und ein paar Überraschungen.

Sie haben mit Hunderten Künstlern von Casting-Talenten bis Superstars wie Helene Fischer gearbeitet, in den Abbey Road Studios ebenso gestanden wie auf der Bühne beim Eurovision Song Contest. Haben Sie eigentlich noch einen Überblick über Ihr Lebenswerk der vergangenen 30 Jahre?

Christensen: Ich bin sehr fahrlässig, was Archivierung betrifft. Das meiste aus meiner eigenen Karriere, was ich nicht digital in meiner Cloud aufbewahren konnte, ist verloren gegangen. Mein Keller ist mal überschwemmt worden. Aber ich lebe auch lieber im Hier und Jetzt. Das ist wie mit alten Zeugnissen, die heftet man ab und schaut sie sich doch nie wieder an.

Ein Popstar braucht ein Unplugged-Album, Swing-Album, Weihnachtsalbum, Kooperationen mit anderen Künstlern, Orchester-Tournee und Spielfilm-Auftritte. Im Prinzip haben Sie alles erreicht, nur mit dem Unplugged-Album dürfte es schwer werden.

Christensen: Aber mit U 96 hatte ich 1993 das „Replugged“-Album – das ist doch auch charmant!