Kino

Hamburger Cutter Andrew Bird ist in der Oscar-Academy

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Volker Behrens
Die „Lola“ hat er schon, jetzt darf er bei den Oscars mitstimmen.

Die „Lola“ hat er schon, jetzt darf er bei den Oscars mitstimmen.

Foto: dpa

Der Schnittmeister für Fatih Akin und andere bekannte Kinomacher wird in Zukunft vermutlich noch mehr Filme schauen.

Hamburg.  Die Nachricht kam am Dienstagabend. Der Hamburger Editor Andrew Bird ist in die Academy of Motion Picture Arts and Sciences aufgenommen worden, jene US-Institution, die die Oscars vergibt. Es ist zugleich ein Ritterschlag für den 63 Jahre alten Cutter, dessen wichtige Arbeit beim Filmemachen sich sonst eher im Verborgenen vollzieht.

„Ich habe mich sehr darüber gefreut, weiß aber noch gar nicht, was ich nun alles darf und muss. Ich muss mich da jetzt erst einmal einlesen“, sagte Bird am Morgen nach seiner Aufnahme. Zwei Kollegen müssen ihn der Academy empfohlen haben. Er wird wohl über die Oscars mitbestimmen können und vorab viele, viele Filme zu sehen bekommen, was ihm jetzt schon gut gefällt. Außerdem möchte er sich für den Nachwuchs einsetzen.

George Lucas: Filmschnitt ist „visuelle Poesie“

Der Cutter, oder wie es mit einem schönen alten deutschen Wort heißt: der Schnittmeister, bringt eine Geschichte in Form und bestimmt ihren Erzählrhythmus. Filmschnitt sei „visuelle Poesie“, hat US-Regisseur George Lucas einmal gesagt. Sein Kollege Stanley Kubrick erklärte das noch detaillierter. „Das Schneiden ist der einzige Vorgang, bei dem der Film keine Anleihen bei anderen Künsten macht. Man kann doch sagen, dass das Drehbuchschreiben eine Anlehnung an die Literatur darstellt, das Proben vor der Kamera dem Theater entliehen ist, das Drehen eine Anwendung der Fotografie bedeutet. Nur beim Schneiden ist der Film ganz bei sich, er hat etwas, was keine andere Kunstform aufweisen kann.“

Bird kam in den 1990ern nach einem Studium der Germanistik und Kunstgeschichte aus London nach Hamburg und arbeitete zunächst als Übersetzer, bevor er sich mit dem Filmvirus infizierte. Sein Beruf als Editor hat sich seit seinen Anfängen stark verändert. „Früher war der Prozess physischer. Ich habe sehr viel mehr mit den Händen gearbeitet.“

Wie so viele Filmschaffende ist auch Bird von den Folgen des Corona-Lockdowns betroffen. Den Dokumentarfilm „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“ konnte er geradeso eben noch fertigstellen, er lief Anfang Mai auf Arte und beim rbb. Neue Kinofilmproduktion gibt es zurzeit noch kaum. Wie gut, dass er noch ein Projekt liegen hatte, das er momentan zu Hause auf St. Pauli schneidet. Es geht um den Film „A Symphony Of Noise“ über den Musiker Matthew Herbert, der Musik aus Geräuschen komponiert. Das Ganze sei eine Art Konzeptalbum, in dessen Mittelpunkt ein Schwein stehe, so Bird. „Vom ersten Quieken bis zu den Würstchen auf dem Grill.“ Regisseur ist der Berliner Enrique Sánchez Lansch.

Bekannt wurde Bird als Cutter der Filme von Fatih Akin

Bekannt geworden ist Bird als Cutter der Filme von Fatih Akin. Vom ersten Kurzfilm „Sensin – Du bist es!“ aus dem Jahr 1995 bis zu „Der Goldene Handschuh“ 2017 hat er alle Filme des Hamburger Regisseurs in Form gebracht. Wie hält man es so lange miteinander aus? „Es ist immer noch eine konstruktive und produktive Zusammenarbeit. Wir müssen nur darauf achten, dass wir nicht bequem werden“, sagt Bird. Aber längst schätzen auch andere Filmemacher seine Kunst und engagieren ihn: Vanessa Jopp, Miranda July und Julie Delpy sind darunter.

Die Oscars werden im kommenden Jahr wegen der Corona-Krise erst am 25. April vergeben, die Nominierungen erfolgen am 15. März.