Roger Cicero

„Ich hatte in Deutschland keinen besseren Sänger gehört“

| Lesedauer: 8 Minuten
Jule Bleyer
Ende März 2016 starb der Sänger Roger Cicero an den Folgen eines Hirninfarkts.  Er wurde nur 45 Jahre alt.

Ende März 2016 starb der Sänger Roger Cicero an den Folgen eines Hirninfarkts. Er wurde nur 45 Jahre alt.

Foto: picture alliance

Am 6. Juli hätte der Musiker seinen 50. Geburtstag gefeiert. Doku im Frühjahr im Kino. Gespräch mit früherer Managerin.

Hamburg.  Jazz und Swing mit deutschen Texten – auch Jahre nach seinem plötzlichen Tod kommt einem da vor allem ein Name in den Sinn: Roger Cicero. Am 6. Juli wäre der begnadete Hamburger Musiker 50 Jahre alt geworden. Karin Heinrich von der Hamburger Agentur Heinrich & de Wall Artist & Music Management war seine Managerin. Sie erinnert sich, wie Cicero abseits des Rampenlichts war, und verrät, dass sich seine Fans im Frühjahr 2021 auf einen Kinofilm über ihn freuen können.

Hamburger Abendblatt: Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie Roger Cicero zum ersten Mal singen gehört haben?

Karin Heinrich: Das werde ich nicht vergessen! Roger hatte 2005 einen Gastauftritt in der Laeiszhalle. Mein Geschäftspartner Freddie de Wall und ich saßen im Publikum, wir kannten Roger überhaupt nicht. Er sang nur einen Song, und zwar „How Come U Don’t Call Me Any­more?“ von Prince.

Was haben Sie in dem Augenblick gedacht?

Heinrich: Freddie und ich konnten nicht glauben, wie unfassbar gut Roger war. Ich hatte in Deutschland noch keinen besseren Sänger gehört und war wie elektrisiert. Das Publikum tobte.

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit?

Heinrich: Direkt nach dem Auftritt in der Laeisz­halle habe ich ihn backstage angesprochen mit den Worten: Wieso bist du eigentlich noch kein Weltstar? Er sagte, das sei eine gute Frage, und lachte sich schlapp. Ich erzählte ihm sehr vorsichtig von unserer Managementagentur und gab ihm meine Visitenkarte. Ich war sicher, er meldet sich in der Folgewoche. Tatsächlich hat es drei Monate gedauert.

Roger Cicero ist nach seinem Gesangsstudium erst mal durch die Hamburger Clubs getingelt und hat sich mit Auftritten unter anderem in Angie’s Nightclub über Wasser gehalten. Hat er trotzdem immer an seinen Durchbruch geglaubt?

Heinrich: Roger war 35 Jahre alt, als wir ihn kennenlernten. Ich glaube, er war schon recht desillusioniert, weil er schon so viele Versprechungen und Ideen von Leuten aus der Branche gehört hatte, die nie geklappt haben. Aber er ist seinen Weg immer weitergegangen, war höchst professionell und hat sich vom Sänger zum Musiker entwickelt, ein Tipp, den sein Vater ihm mit auf den Weg gab.

Swing mit deutschen Texten, damit ist Roger Cicero berühmt geworden – wollte er schon immer auf Deutsch singen?

Heinrich: Roger liebte den Jazz, er hat u. a. Jazzgesang studiert und hat immer nur auf Englisch gesungen. Als er uns im Büro besuchte, sprachen wir mit ihm über eine Idee, die seit Jahren in unserer Ideenkiste lag: Bigbandswing mit originellen deutschen Texten. Er schaute uns an, und es platzte aus ihm heraus: „…äh, auf Deutsch??“

Hat er seine Songs und Texte eigentlich selbst geschrieben?

Heinrich: Texte in deutscher Sprache zu schreiben und nicht im Schlager zu landen ist eine große Herausforderung und eine Kunst für sich. Ich holte Frank Ramond ursprünglich als Texter dazu, mit dem ich auch schon bei Udo Lindenberg gearbeitet habe. Roger war anfänglich vor allem in die Themenauswahl involviert. Er brachte sich immer mehr ein, entwickelte Songs und Texte und arbeitete am liebsten im Team.

Roger Cicero haben seine Fans als immer gut gelaunten Entertainer in Erinnerung. Wie war es, mit ihm zusammenzuarbeiten?

Heinrich: Er lachte unglaublich gerne, und wir hatten eine Menge Spaß zusammen, vor allem auch auf unseren Reisen. Der enge Kreis bestand aus Freddie, ihm und mir. und jeder hatte seinen Part. Entscheidend aber war, dass wir uns aufeinander verlassen konnten und er uns blind vertraute. Er war ein guter Zuhörer, der offen war für Ideen gegen den Strom. Ich höre heute noch sein „Meinst du das ernst??“.

Und wie war er abseits des Rampenlichts?

Heinrich: Roger hat sehr bewusst gelebt, viel Power­yoga gemacht, sich sehr gesund ernährt und war der Lehre des Buddhismus verbunden. Auch Eckhart Tolle hat ihn inspiriert. Er hatte seine sehr nachdenkliche Seite, und man konnte mit ihm wunderbar philosophieren. Ich vermisse die guten Gespräche mit ihm! Er ist mit großer Wertschätzung für andere Menschen und andere Meinungen durchs Leben gegangen.

Roger Cicero hatte ein enges Verhältnis zu seinem Vater Eugen Cicero, einem weltbekannten Jazzpianisten. Wie war das Verhältnis zu seinem eigenen Sohn Louis?

Heinrich: Louis war der wichtigste Mensch in seinem Leben. Gerade weil sein Vater ja oft auf Tournee war, war es Roger wichtig, so viel Zeit wie möglich mit Louis zu verbringen. Er setzte hier klare Prioritäten, und im Terminkalender wurden feste Frei-Zeiten für Louis vermerkt. Als es um die Entscheidung ging, auch international loszulegen, hat er sich auch wegen seines Sohnes dagegenentschieden.

Im März 2016 starb Roger Cicero mit nur 45 Jahren an einem Hirnschlag – der gleichen Erkrankung wie sein Vater. Hat er jemals geahnt, dass ihn dieses Schicksal auch ereilen könnte?

Heinrich: Roger liebte das Leben, war sich aber dessen Endlichkeit durchaus bewusst. Vielleicht ist das die Basis für ein glücklicheres Leben, denn man wertschätzt den gegenwärtigen Moment und sieht eher die Lösung als das Problem.

Welche musikalische Bedeutung hatte Roger Cicero?

Heinrich: Roger hat den Jazz aus der Nische in den Mainstream gezaubert. Selbst die sogenannte Jazzpolizei zog den Hut vor ihm. Die unfassbare Begeisterung in seinen Konzerten war schon sehr besonders, es gab nichts Vergleichbares. Mit den Musikern seiner Bigband hatte er ein super Verhältnis. Er ist seinen musikalischen Wurzeln, auch dem Soul, treu geblieben, hat mit vielen Stilen gespielt und sie zu seinem ganz eigenen Sound entwickelt.

Was war musikalisch seine größte Herausforderung?

Heinrich: Das war sicher „Cicero sings Sinatra“. Das Konzert im Mehr! Theater wurde als Live-Mitschnitt festgehalten. Es ist ihm nach intensivster Vorbereitung gelungen, Sinatra nicht zu kopieren, sondern ihn auf seine ganz eigene Art mit seinen eigenen Bildern im Kopf zu interpretieren. Ein weiterer Höhepunkt seines Schaffens war auch „The Roger Cicero Jazz Experience“ mit seiner Rhythmusgruppe bestehend aus Matthias Meusel am Schlagzeug, Hervé Jeanne am Bass und Maik Schott am Klavier.

Gibt es noch verschüttete Aufnahmen, die veröffentlicht werden könnten?

Heinrich: Es gibt noch einige Songs in englischer Sprache, die sicherlich noch veröffentlicht werden. Aktuell sind die Songs „Sieben Leben“ und „Nichts ohne Musik“, die als Bonustracks auf Sondereditionen erschienen sind, erstmals in den Streaming-Portalen erhältlich.

Im kommenden Frühjahr soll ein Film über ihn in die Kinos kommen. Worauf können sich seine Fans freuen?

Heinrich: Der Dokumentationsfilm „Cicero“ erzählt die Geschichte von Vater und Sohn – Eugen und Roger Cicero – und zeigt spannende Parallelen auf unter Berücksichtigung der Einzigartigkeit beider Protagonisten. Viele interessante Weggefährten erinnern sich, darunter Till Brönner, Johannes Oerding und Lutz Krajenski. Regie führt der großartige Kai Wessel.

Was macht Sie optimistisch, dass man seine Musik noch in 25 Jahren hört?

Heinrich: Ich hoffe, dass sich musikalische Qualität immer durchsetzen wird trotz oder gerade wegen des Formatradios, austauschbaren Texten und Produktionen. Und durch seine einzigartige Stimme, sein Charisma, sein Verdienst in Sachen Jazz.

Cicero im Fernsehen: Der NDR zeigt in der Nacht vom 4. auf den 5. Juli um 0.55 die Dokumentation „Roger Cicero – Ein Leben für die Musik“ und im Anschluss um 1.55 Uhr den Live-Mitschnitt „Cicero sings Sinatra“. Beide Sendungen gibt es dann auch in der Mediathek.