Corona-Krise

Die gute, alte CD als Retterin der Musiker in der Not

Die Hamburger Sängerin Nina Graf alias Miu gründete mit Magnus  Landsberg die Initiative „Lets  get physical“.

Die Hamburger Sängerin Nina Graf alias Miu gründete mit Magnus Landsberg die Initiative „Lets get physical“.

Foto: Elena Zaucke

Der Kauf von Tonträgern über Let’s get physical hilft unabhängigen Musikschaffenden in den konzertlosen Zeiten der Corona-Pandemie.

Hamburg. Wer nicht zu den ganz Großen im Popgeschäft gehört, durch Deutschlands Autokinos touren kann und gut an Tonträgerverkäufen und Musikstreaming verdient, hatte es schon vor der Corona-Krise nicht leicht. Aber es reichte, um sich treue Fans zu erspielen, kleine Clubs regelmäßig auszuverkaufen und sich Netzwerke aufzubauen, die in jeder Lage helfen konnten.

Vieles, was sich Hamburger Sängerinnen, Musiker und Bands hier geschaffen haben, entstand in mühevoller Eigenregie. Albumaufnahmen wurden über Crowdfunding mitfinanziert und selber verbreitet, unabhängig von großen Labels, Agenturen und Vertrieben. Jeder Cent wurde, abgesehen von der Lebenshaltung, in die eigene Kunst investiert. Ein Kreislauf, der besonders durch den Stillstand der Livemusik unterbrochen wurde.

Fans haben die Kulturförderung übernommen

„Uns ist mit beginnender Krise klar geworden: Die Politik zögert oder lässt uns gar hängen und mit Konzerten ist nicht mehr schnell zu rechnen. Wir Künstler müssen eigene kleine Initiativen schaffen, um ums selbst zu helfen“, formuliert es Soulsängerin Nina „Miu“ Graf, die seit vielen Wochen wie Tausende weitere Soloselbstständige aus der Kultur um ihr Lebenswerk kämpft: „Durch schnelles Handeln, im Blick haben von möglichen kleinen Fördertöpfen, dem Starten eines Crowdfundings, um der Band eine finanzielle Perspektive zu geben, durch Fans, die sofort zur Stelle waren und die Kulturförderung übernommen haben.“

Eine Idee von Miu, die derzeit über Crowdfunding ihre „Corona Tapes“-EP finanziert und Songschreiber Magnus Landsberg war die Initiative „Let’s get physical“: Auf der Webseite wird man zu den Online-Shops mit den Tonträgern und Fanartikeln von 40 unabhängigen Hamburger Künstlerinnen und Künstlern wie SaraJane, WellBad, Ivy Flindt, Puder, Christina Lux und Nervling sowie den Indie-Labels Grand Hotel van Cleef und Clouds Hill weitergeleitet. „Die Verkaufszahlen im offiziellen Handel sind auf Talfahrt, aber auf Konzerten werden Vinyls, CDs und Fanartikel noch kräftig abgekauft und spielen hier eine wichtige Rolle. Das Wegfallen der Konzerte hat also eine doppelte Konsequenz: keine Gagen und keine Tonträgerverkäufe“, erklärt Miu.

Aufreibender Weg

Schon zehn nach einem Auftritt am Fanartikelstand verkaufte Alben konnten einen Abend vor 200, 300, 500 Leuten richtig rund machen, je nachdem, wie viel von der Sängerin, Songschreiberin, vom Texter und Komponisten in der schwarzen oder silbernen Scheibe steckte. Üblicherweise bleiben von einem Album, das für 12 Euro verkauft wird, zwischen vier und zehn Prozent bei der Künstlerin. Den Großteil teilen Label, Vertrieb und Handel, darüber hinaus Produzenten, Verlage, GEMA, weitere Autorenschaften, Herstellung und Mehrwertsteuer. Je mehr die Künstlerin also selber in der Hand oder fair kalkuliert delegiert hat, von den Texten über Label und Vertrieb bis zu den kleineren Posten, desto mehr bleibt bei ihr.

Das klingt einfach, ist im Pop-Alltag aber ein aufreibender, komplizierter und von Rückschlägen gezeichneter Weg, auf dem die wenigsten reich werden. Aber er kann helfen, wie Miu weiß: „Bei den meisten Independent-Künstlern ist die Gewinnmarge beim Verkauf von physischen Tonträgern in Ordnung bis gut. Wir wollen die Menschen dafür sensibilisieren, dass sie mit dem Kaufen von Tonträgern spürbar, direkt und schnell helfen können.“

Mehr Infos unter www.letsgetphysical.net

2000 Euro für jeden Künstler in Hamburg – so geht's

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