Hamburg

Wegen Corona: Chorprobe im Fußballstadion

| Lesedauer: 6 Minuten
Marcus Stäbler
Der Harvestehuder Kammerchor probt unter der Leitung von Edzard Burchards auf der Tribüne der Adolf-Jäger-Kampfbahn an der Griegstraße.

Der Harvestehuder Kammerchor probt unter der Leitung von Edzard Burchards auf der Tribüne der Adolf-Jäger-Kampfbahn an der Griegstraße.

Foto: Thorsten Ahlf

Viele Ensembles finden jetzt kreative Lösungen, um die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Sängerinnen und Sänger einzuhalten.

Hamburg. Einundneunziiig. Zweiundneunziiig. Dreiundneunziiig. ALL! TOO! NA!

So schallt es normalerweise durch die Adolf-Jäger-Kampfbahn in Ottensen bei den Heimspielen von Altona 93. Am vergangenen Montag hören die Nachbarn dort aber ganz andere Sounds. Anstelle des rhythmisch prägnanten Schlachtrufs wehen plötzlich ungewohnt sanfte Melodien durchs (Noch-)Stadion des Regionalligisten. Zarte Stimmen besäuseln „Leise Töne der Brust, geweckt vom Odem der Liebe“, wie sie Johannes Brahms in seinem Stück Nachtwache I vertont hat. Gesungen von 22 Sängerinnen und Sängern des Harvestehuder Kammerchors, die sich mit ausreichend Sicherheitsabstand auf der Haupttribüne verteilt haben. Ein ungewohntes Bild, ein schöner Klang. Hier und da piepsen Vögel auf den umliegenden Bäumen ein paar Takte mit. Romantik pur.

Was war da los?

„Die Idee ist eigentlich aus der Not geboren“, erklärt Catherine Fourcassié aus dem Chorvorstand. „Unser normaler Probenort war heute nicht frei, außerdem könnten wir dort wegen der Abstandsregeln nur maximal zu zwölft singen.“ Die Probe nach draußen zu verlegen löst das Problem. Zufällig kennt eine Altistin den Präsidenten vom AFC – und so ist die Musik von Brahms im Stadion an der Griegstraße gelandet.

Endlich wieder ein echtes Chorgefühl

Rund ein Drittel der Besetzung vom Harvestehuder Kammerchor fehlt noch bei der ersten Freiluftprobe. Trotzdem stellt sich endlich wieder ein echtes Chorgefühl ein, das die Mitglieder so lange vermisst haben. Ein Glücksmoment, wie die Sopranistin Stefanie Dahl bekennt. „Für mich ist das hier etwas ganz Besonderes. Nicht nur wegen des ungewöhnlichen Orts und weil wir endlich wieder zusammen singen, sondern auch – was man nicht unterschätzen darf! – weil wir uns endlich mal wieder sprechen und wirklich begegnen konnten. Diese soziale Komponente ist sehr wertvoll. Und es klingt sogar schön, das hätte ich gar nicht unbedingt erwartet!“

Tatsächlich macht sich die Freiluft-Akustik erstaunlich gut. Unterstützt von der Schallreflexion der Tribünenwände, trägt der Chorklang problemlos bis weit auf die Rasenfläche, selbst im Piano. Das müsste auch mit Publikum funktionieren. Die Kampfbahn als Konzertort – warum eigentlich nicht? Ganz so weit denkt der Chorleiter Edzard Burchards derzeit noch nicht. Aber auch er ist positiv überrascht: „Ich war am Anfang etwas skeptisch mit Outdoor-Proben – aber hiermit kann ich mich anfreunden, hier klappt das.“

Viele Ensembles finden jetzt kreative Lösungen

Solche Erlebnisse sind ein wichtiges Signal, für die ganze Chorlandschaft. Seit das gemeinsame Proben in Hamburg mit der Eindämmungsverordnung vom 26. Mai wieder unter Auflagen gestattet ist, tut sich eine ganze Menge. Nach der monatelangen Zwangspause mit Online-Proben, virtuellen Treffen oder auch kompletter Chorstille finden viele Ensembles jetzt kreative Lösungen, um einerseits die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz der Sängerinnen und Sänger einzuhalten und andererseits trotzdem wieder den gemeinsamen Klang und die vertraute Gemeinschaft zu finden. Was natürlich eine große Herausforderung bedeutet. Manche Chöre – wie der Chor St Michaelis – beginnen mit Proben von kleineren Ensembles oder Stimmgruppen, weil der vorgeschriebene Mindestabstand von 2,5 Metern automatisch die Anzahl von Teilnehmern in geschlossenen Räumen begrenzt. Die „Medical Voices“ am BG Klinikum Hamburg besingen ein großes Parkhaus.

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Eine ganze Reihe von Chören nutzt das frühsommerliche Juni-Wetter für die derzeit sicherste Probenvariante. Während das Risiko einer möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus durch Aerosole in geschlossenen Räumen beim Singen noch immer nicht genau abzuschätzen ist, sind sich die Expertinnen und Experten weitgehend einig, dass bei Proben an der frischen Luft keine nennenswerte Infektionsgefahr besteht – sofern die Abstands- und Hygieneregeln eingehalten werden.

Outdoorsingen liegt wieder voll im Trend

Der Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Chor ist etwa am vergangenen Sonnabend auf den Schulhof des Goethe-Gymnasiums in Lurup umgezogen, der Filmmusikchor CineVocal war im Stadtpark zu Gast, die integrativen „Ohrwärmer“ der Harburger Kulturwerkstatt proben direkt am Wasser, beim Harburger Binnenhafen. Und das sind nur drei von vielen Beispielen. Outdoorsingen – schon in der Romantik sehr geschätzt und von Felix Mendelssohn mit seinem Zyklus „Im Freien zu Singen“ gefeiert – liegt wieder voll im Trend.

Die wahrscheinlich erste Freiluft-Chorprobe nach der Zwangspause dürfte in Wandsbek stattgefunden haben. Als die Lockerungen Ende Mai bekannt wurden, „habe ich sofort reagiert und meinen Chor ganz schnell angeschrieben“, erinnert sich Sörin Bergmann, Leiterin des Popchors MondayMonday. „Hausmeister und Schulleitung, alle haben zugestimmt – und dann haben wir das ausprobiert.“

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Seither proben die rund 40 Mitglieder von MondayMonday auf dem Schulhof der Wandsbeker Bovestraße. Durch die Wände der umliegenden Schulgebäude wird der Schall gut gebündelt, „sodass es tatsächlich nach Chor klingt. Es ist also nicht so, dass alles in die Luft pufft“, sagt Bergmann, die bei der Probe am vergangenen Mittwoch genau so beseelt wirkt wie die Sängerinnen und Sänger ihrer sympathischen Truppe. „Zu Hause vor dem Monitor zu sitzen und den anzusingen fand ich schon ein bisschen schwierig“, räumt der Bass Roland Vietzke ein. „Hier mit den Mondays wieder richtig zusammen zu sein, ist ein viel schöneres Gefühl!“.