Corona-Krise

Johannes Oerding: "Es sieht wirklich düster aus"

Johannes Oerding gestikuliert unter einem Logo der Kampagne "Eventuell x Nie Wieder". Die Event- und Veranstaltungswirtschaft wirbt damit in der Corona-Krise für Unterstützung und Hilfe.

Johannes Oerding gestikuliert unter einem Logo der Kampagne "Eventuell x Nie Wieder". Die Event- und Veranstaltungswirtschaft wirbt damit in der Corona-Krise für Unterstützung und Hilfe.

Foto: Axel Heimken / Axel Heimken/dpa

Ohne Subventionen droht vielen Hamburger Veranstaltern die Insolvenz. Initiator von Autokino deutet auf weiteren Missstand hin.

Hamburg.  Sie zählt zu einer der Branchen, die durch die Corona-Pandemie als Erstes quasi auf Eis gelegt wurde. Und wird mutmaßlich eine der letzten sein, die wieder starten kann: die Veranstaltungsbranche. Konzerte, Events, Theater, Messen, Festivals und vieles mehr.

Während Restaurants wieder Gäste empfangen, Kitas und Schulen schrittweise öffnen und auch der Konsum im Einzelhandel wieder möglich ist, ist für die Veranstaltungsbranche noch immer unklar, wie und vor allen Dingen wann es weitergehen kann. Unabhängig vom genauen Zeitpunkt, fürchten viele, dass es für viele Akteure zu spät sein wird.

Vielen Veranstaltern in Hamburg droht Insolvenz

Auf diese besondere Notlage hat die Veranstaltung „EVENTuell nie wieder“ aufmerksam gemacht, die am Montagabend in den Messehallen stattfand. Mit dabei waren bekannte Unterstützer wie Musiker Johannes Oerding, Moderatorin Susanne Böhm, Holger Hübner (Veranstalter Wacken Open Air), Karsten Jahnke (Konzertveranstalter), Jens Stacklies (Altonaer Fischauktionshalle), Uwe Bergmann (Veranstalter Hamburg Cruise Days, Harley Days und Fan-Feste) und weitere. So unterschiedlich die verschiedenen Bereiche sind, auf der Podiumsdiskussion wurde deutlich: Ernst ist die Lage für alle.

Der Hamburger Musiker und Sprecher der Aktion Johannes Oerding etwa beschrieb ganz konkret, wie er persönlich und sein Team die Krise erlebt haben. „Wir waren bereits auf Tour und waren gerade dabei, in Rostock aufzubauen, als der behördliche Bescheid kam: abbauen.“ Er sei noch tagelang auf dem Hotelzimmer geblieben, weil er so schockiert gewesen sei. Die Ungewissheit macht ihm noch zu schaffen: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das mit Abstand und Masken gehen soll. Außerdem haben die Menschen die Tickets an den Kühlschränken hängen und freuen sich. Da kann ich ja nicht einfach sagen, die Hälfte darf nicht kommen.“

Hamburger Musiker Johannes Oerding ist Sprecher der Aktion

Das laufende Jahr 2020 beschrieb Oerding als ein verlorenes Jahr: „Und es ist ein Jahr, das wir nicht nachholen können.“ Er selbst habe Rücklagen bilden können, und so stehe er an diesem Abend vor allen Dingen stellvertretend für die ganze Branche: „Ich kenne viele Menschen, die Existenzsorgen haben. Da sieht es wirklich düster aus.“

Klar ist: Der wirtschaftliche Gesamtschaden der Szene ist schon jetzt enorm. Seit Anfang März kann die Milliarden-Branche durch die Pandemie kaum noch Umsatz machen. Mehrere Millionen Menschen in Deutschland verdienen kein Geld mehr: Menschen, die für Messen arbeiten, die Standorte für Feiern und Konzerte anbieten, Musiker, Veranstalter, Schausteller, Schauspieler, Caterer, Mobiliarverleiher, Dekorateure, Bühnen- und Messebauer und viele mehr. Laut Studien ist bereits jeder dritte Arbeitsplatz in der Veranstaltungsbranche gefährdet.

Und so sind – da waren sich an diesem Abend alle einig – wirksame Maßnahmen dringend gefragt. Soforthilfen oder Kurzarbeit würden nicht ausreichend greifen. Stattdessen brauche man ertragswirksame Subventionen, eine Zukunftsperspektive und die Erhöhung des Kurzarbeitergeldes.

Ohne Subventionen droht vielen Veranstaltern Insolvenz

Auch Wolfgang Frahm, Initiator der Aktion „Eventuell nie wieder“ und Geschäftsleiter der Hamburger Event-Firma Nordlite sagte: „Ohne Subventionen droht für die überwiegende Anzahl die Insolvenz. Wenn nicht zügig rettende Ideen entwickelt werden, wird es am Jahresende keine Firmen und Menschen mehr geben, die im kommenden Jahr in der Lage sein werden, Veranstaltungen zu organisieren und durchzuführen.“

Als entscheidender Aspekt für die Perspektive der Branche stellte sich an diesem Abend die Abstandsregelung von 1,50 Metern heraus. So sagte Holger Hübner vom Wacken-Festival: „Die Regelung muss weg, sonst geht es nicht.“

Aber die Branchenvertreter betonten am Montagabend auch, dass sie auch in diesen Zeiten viel zu bieten haben: etwa Ideen, Konzepte, Gesprächs- und Leistungsbereitschaft.

Der Veranstalter Uwe Bergmann sagte: „Wir brauchen wieder mehr Dynamik und Impulse, und es gibt ja auch schon Ideen. Etwa von großen zentralen Veranstaltungen abzusehen und stattdessen viele kleine zu organisieren.“ Für eine solche Dynamik habe etwa das Autokino gesorgt, das Bergmann auf dem Heiligengeistfeld veranstaltet. Doch die Hürden waren groß: „Das Erste, was ich bekommen habe, als ich mit dem Autokino aufs Heiligengeistfeld wollte, war eine große Rechnung.“ Und so sei klar: „Hier müssen beide Seiten aufeinander zugehen. Sonst bringt es nichts.“

Hupkonzert eines Konvois rollte an Messehallen vorbei

Dass die Branche in der Tat viel auf die Beine stellen kann, war während der Podiumsdiskussion bestens zu hören. Denn die Gesprächsrunde wurde durch das Hupkonzert eines Konvois untermalt, der parallel zu der Veranstaltung an den Messehallen vorbeirollte. Hunderte Mitarbeiter der Veranstaltungsindustrie nahmen daran teil.

Und als die letzten Trucks, Pkw und Lastwagen an der Glasfassade vorbeizogen, gab es dann – erstmals an diesem Abend – doch noch ein paar, zumindest vergleichsweise positive Worte. Sie kamen von Bernd Fritzges, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Veranstaltungsorganisatoren.

Er glaubt, dass sich die Veranstaltungskonzepte aber auch langfristig ändern werden. „Digitalisierung wird eine große Rolle spielen, genau wie dezentrale Konzepte und smarte Lösungen.“

Aber viel wichtiger ist für Fritzges dies: „Ich glaube, dass die die Wertschätzung für unsere Branche größer werden wird.“