Nachruf

Christo – der Mann, der den Reichstag verhüllte

Christo vor der Mastaba-Installation im Londoner Hyde Park.

Christo vor der Mastaba-Installation im Londoner Hyde Park.

Foto: Niklas Halle'n / AFP

Im Alter von 84 Jahren ist Christo in New York City gestorben. Mit seiner Frau Jeanne-Claude hat er die Kunstwelt verändert.

New York/Berlin. Im August 1961, als in Berlin die Mauer gebaut wurde, waren Christo und Jeanne-Claude bereits ein Paar. Sie lebten in Paris, der gemeinsame Sohn Cyril war im Jahr zuvor auf die Welt gekommen. Vater Christo, am 13. Juni 1935 als Christo Wladimirow Jawaschew im bulgarischen Gabrowo geboren, war nach seinem Studium an der Akademie der Künste dem Kommunismus entflohen und nach Zwischenstationen in Wien und Genf in Frankreichs Hauptstadt angekommen. Notorisch knapp bei Kasse, versuchte er sich mit Straßenkunst und Gelegenheitsporträts über Wasser zu halten.

Ein Freund hatte ihn Precilda de Guillebon empfohlen, von der er Gemälde in verschiedenen kunsthistorischen Stilrichtungen anfertigte. Die Tochter der de Guillebons, Jeanne-Claude, verliebte sich in den 26-jährigen Mann, der zufälligerweise am selben Tag und im selben Jahr geboren worden war wie sie. Der Widerstand der Eltern und die Tatsache, dass Jeanne-Claude bereits verlobt war, konnten nichts gegen die Verbindung ausrichten – Christo und Jeanne-Claude wurden zu einem symbiotischen Gespann, das die Kunstwelt verändern sollte.

Christo sog die florierende Pariser Kunstszene in sich auf und hatte schon angefangen, allerlei Alltagsgegenstände in mit Harz getränkter Leinwand zu verpacken. Als er 1961 gerade von einer Reise nach Deutschland zurückgekehrt war, kam die Nachricht vom Bau der Mauer – und mit ihr eine Idee.

Das geteilte Berlin ließ das Künstlerpaar nie los

Christo und Jeanne-Claude wollten die Rue Visconti, eine enge Gasse auf dem linken Seineufer, mit einer Mauer aus 89 ausgedienten Ölfässern versperren – „Der Eiserne Vorhang“ hieß das Projekt, das sich direkt auf den Mauerbau bezog. Obwohl die Behörden die Genehmigung verweigerten, bauten Christo und Jeanne-Claude am 27. Juni 1962 die Fässermauer eigenhändig auf, die dann für acht Stunden den örtlichen Verkehr lahmlegte – bei vielen aber auch ein Bewusstsein dafür wachrief, was es bedeutet, wenn selbstverständlich genutzte Wege plötzlich blockiert sind. Es war ein Projekt für Berlin, 37 Jahre vor dem verhüllten Reichstag.

Die Episode enthält schon vieles, was für den weiteren Lebensweg des Künstlerpaars typisch werden sollte. Christo und Jeanne-Claude dachten stets in spektakulären Dimensionen. Ein außergewöhnliches Organisationstalent gehörte ebenso zu ihrer Arbeit wie die Bereitschaft, auf Widerstände mit unbeugsamer Hartnäckigkeit zu reagieren. Und wie bei jedem weiteren ihrer Projekte verweigerten Christo und Jeanne-Claude die Annahme finanzieller Hilfen – um dann mit der Dokumentation ihres Zustandekommens, also mit Zeichnungen Christos und mit Fotos, Geld zu verdienen.

Christo und Jeanne-Claude verhüllten einen Küstenstreifen in Australien

Gerade in der Frühzeit war das ein jahrelanger Tanz am Rande des Bank­rotts. Christo und Jeanne-Claude zogen nach New York, sie nahmen 1968 mit einer gigantischen Ballonskulptur an der Documenta IV teil, im Jahr darauf verhüllten sie einen Küstenstreifen in Australien mit 93.000 Quadratmetern Synthetikgewebe. Im Oktober 1971 hängten sie einen gigantischen Vorhang in einem Tal der Rocky Mountains auf. Im selben Jahr schickte der in Berlin lebende amerikanische Historiker Michael S. Cullen eine Postkarte an Christo. Darauf war der Reichstag abgebildet.

Die geteilte Stadt hatte den Künstler nie losgelassen. Zuvor hatte er bereits darüber nachgedacht, die Mauer auf der Westseite mit einem 40 Kilometer langen Stoffzaun zu verhüllen – und sie durch ihre Unsichtbarkeit neu sichtbar zu machen. Aber war der Reichstag, den man auch von der anderen Seite der Mauer sehen konnte, nicht ein viel geeigneteres Objekt?

Die Künstler gingen mit 13 Millionen Dollar in Vorleistung

Christo und Jeanne-Claude begannen mit einem jahrelangen Werben um die deutsche Zustimmung zur Verhüllung des Reichstages – während sie weitere Großprojekte in aller Welt umsetzten. In der Biscayne Bay bei Miami wurden Inseln mit pinkfarbenem Kunststoffgewebe umhüllt, 1984 verpackten Christo und Jeanne-Claude die berühmte Pariser Brücke Pont Neuf in sandfarbenen Stoff, in Japan und Kalifornien wurden 1990 mehr als 3000 gelbe und blaue Schirme aufgestellt.

Christo und Jeanne-Claude reisten in dieser Zeit mehr als 30-mal nach Deutschland, um bei den politisch Verantwortlichen für die Verhüllung des Reichstags zu werben – bis 1994 die Zeit endlich reif dafür war. Nach einer leidenschaftlich geführten Debatte stimmte der Deutsche Bundestag am 25. Februar mit 292 zu 223 Stimmen für die Verhüllung – und zwar unmittelbar vor dessen Umbau zum neuen Sitz des Bundestages.

Die Künstler lehnten auch diesmal jede Subvention ab, sie gingen mit 13 Millionen Dollar in Vorleistung. Sie hatten sich für ein silbrig glänzendes Material entschieden: um fast 110.000 Qua­dratmeter aluminiumbedampftes Polypropylengewebe, das mit blauen Seilen aus demselben Stoff verbunden werden sollte. Für die Unterkonstruktion waren außerdem 200 Tonnen Stahl erforderlich. Christo und Jeanne-Claude war es wichtig, für die Verhüllung keine Kräne oder anderes schweres Gerät einzusetzen, weshalb 90 Profi-Kletterer engagiert wurden. Am 24. Juni waren die Arbeiten abgeschlossen.

Wer sich in den darauffolgenden 14 Tagen den Reichstag aus der Nähe ansah, konnte ihn kaum wiedererkennen. Das Gebäude, in dem die erste deutsche Demokratie ausgerufen und zu Grabe getragen worden war, wirkte plötzlich leicht und ergreifend schön – wie eine ungeheuer große, glänzende Bonbonschachtel, die jemand im Regierungsviertel vergessen hatte. Das silbrige Material reflektierte das Licht, während der Wind in den Bahnen spielte, alles schien in ständiger Bewegung.

Nach Jeanne-Claudes Tod arbeitete Christo weiter

Der Zauber, der vor diesem Kunstwerk ausging, zog die Besucher in Scharen an. Auf der Wiese vor dem Reichstag breitete sich Volksfeststimmung aus, „Verhüllter Reichstag als Touristen-Magnet“, titelte die „Berliner Morgenpost“. Und Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth, die sich lange für das Projekt starkgemacht hatte, bilanzierte zufrieden: „Wir haben keinen Pfennig bezahlt, aber ein großes Geschenk bekommen.“ Geschätzte fünf Millionen Besucher kamen, um sich dieses Geschenk anzusehen.

Auch für den verhüllten Reichstag galt, was Christo einmal als Grundidee der Projekte des Künstlerpaars beschrieben hatte: „Niemand kann sie kaufen, niemand sie besitzen, niemand kommerzialisieren, niemand kann Eintritt für ihre Besichtigung verlangen – nicht einmal uns gehören diese Werke. Unser Werk handelt von Freiheit, und Freiheit ist der Feind allen Besitzanspruchs, und Besitz ist gleichbedeutend mit Dauer. Darum kann das Werk nicht dauern.“

Christo starb am Sonntag im Alter von 84 Jahren in New York City

Diesem Konzept folgten auch die mehr als 7500 mit Stoffbahnen behängten Metalltore, die 2005 im New Yorker Central Park aufgestellt wurden, die Schwimmkörper, mit denen 2016 der italienische Iseosee für Fußgänger zugänglich gemacht wurde („The Floating Piers“) oder die Tonnenpyramide („The Mastaba“), die 2018 im Londoner Hyde Park schwamm.

Auch nachdem Jeanne-Claude 2009 gestorben war, arbeitete Christo weiter an seinen Projekten, zuletzt an der Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris, die nun ohne ihn fertiggestellt werden wird. Christo starb am Sonntag im Alter von 84 Jahren in New York City.

Steinmeier: "Christo hat das Unvorstellbare verwirklicht"

Seine Kunst war immer zwei schlagenden Ideen gefolgt, zwei Leitsätzen allen künstlerischen Schaffens: des Sichtbarwerdens durch Verfremdung und der Vergänglichkeit des Schönen. Diese verstand er mit Jeanne-Claude in eine so klare Bildsprache umzusetzen, dass fast jeder sie verstehen konnte. Entsprechend bestürzt fielen die Reaktionen auf seinen Tod aus.

„Seine Hartnäckigkeit ermöglichte uns, den Blick auf die Welt in neuen Formen und Farben zu sehen und zu denken“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte, Christo habe „das Unvorstellbare nicht nur ausgedacht, sondern es verwirklicht.“ Der verhüllte Reichstag habe sich „als Symbol für ein weltoffenes Deutschland in unsere Herzen eingebrannt. Schöner und freier konnte Kunst nicht wirken.“ Die Erinnerungen daran werden bleiben.