Ausstellungen

Bilder, um die Welt zu begreifen in den Deichtorhallen

| Lesedauer: 4 Minuten
Vera Fengler
Zwischen Erinnerung und identitätsstiftender Modellierung: Juliane Jaschnows Videoinstallation „Rekapitulieren“ von 2019.

Zwischen Erinnerung und identitätsstiftender Modellierung: Juliane Jaschnows Videoinstallation „Rekapitulieren“ von 2019.

Foto: www.guteaussichten.org

Die Ausstellungen „Gute Aussichten“ und „Recommended“ zeigen junge deutsche Fotografie. Was die Besucher erwartet.

Hamburg. Mitten im Haus der Photographie befindet sich ein Ort, der große Geborgenheit ausstrahlt. Man tritt ein in eine Dunkelkammer und wird gefangen genommen von der Poesie eines Familienlebens: ein noch nicht abgeräumter Mittagstisch im Sonnenlicht, ein Kind, das fasziniert sein Spiegelbild anschaut, Lockenwickler im schwarzen Haar, eine Wäscheleine, die im Wind schaukelt. Die Fotografien haben einen leichten Rotstich; Nostalgie stellt sich ein, eigene Kindheitserinnerungen werden wach.

Und das ist auch die Intention der Fotografin Mika Sperling, die mit ihrer Serie „Mother Tongue“ (Muttersprache) zu den drei „Recommended“-Stipendiaten gehört, die von Olympus gefördert werden, aktuell in den Deichtorhallen gastieren, anschließend in Frankfurt am Main und Amsterdam zu sehen sein werden. „Sprache ist das Zentrum meiner Arbeit“, sagt die in Hamburg lebende Deutsch-Russin, die mit einem Vietnamesen verheiratet ist. Sie zeigt, wie trotz oder gerade wegen unterschiedlicher kultureller Hintergründe eine universelle Sprache (der Liebe) entsteht.

Persönlich, gesellschaftskritisch, politisch

Warum brauchen wir diese Fotos, wenn doch Millionen von Bildern im Internet um die Welt kreisen und dabei das Vertrauen in sie mehr und mehr schwindet? Was kann mein Bild, und was bedeutet es in der heutigen Zeit, Bilder zu machen? Das sind die Fragen, die sich die „erste Generation der Digital Natives“ stellt, so Josefine Raab, Gründerin der „Gute Aussichten“, die nun schon zum 16. Mal junge deutsche Fotografie als „Zeitspeicher“ präsentiert.

„Wozu Bilder?“ fragte auch vor einigen Jahren eine bemerkenswerte Ausstellung in der Villa Merkel in Esslingen. Weil uns Krisen und Kriege, gesellschaftliche Umbrüche, andere Menschen und ihre Gedanken angehen. Weil wir uns ein Bild von der Welt machen müssen, um sie zu begreifen und anderen begreiflich zu machen. „Mal ganz persönlich, mal gesellschaftskritisch, mal politisch“, so Intendant Dirk Luckow (natürlich mit Nase-Mund-Schutz wie alle Teilnehmer der ersten offiziellen Pressekonferenz nach Wiedereröffnung der Museen). Außer, dass die Stühle weiter auseinander gestellt, die Snacks für die Journalisten in braune Pappkartons zum Mitnehmen gepackt waren, war alles wie sonst auch. Abstandhalter? Fehlanzeige. Die Deichtorhallen bieten genügend Platz, um sich von anderen Besuchern zu distanzieren.

Großformatige Collagen

Unter 36 Einreichungen von Kunsthochschulen kürte die Jury, darunter Deichtorhallen-Kurator Ingo Taubhorn, neun Preisträger. „Krieg und Frieden in Zeiten globaler Desinformation“ lautet der diesjährige Titel der „Gute Aussichten“. Er zielt ab auf die Schwierigkeit, Nachrichten, die binnen Sekunden viral gehen, auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, setzt sich mit der Macht und Vermarktung von Schlüsselbildern auseinander und mit der schon von Susan Sontag benannten Gewöhnung an das Schreckliche.

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Lisa Hoffmanns Strategie wider diese Abstumpfung sind Gegenbilder: Die Absolventin der Kunsthochschule Muthesius in Kiel fügt Fotografien aus Kriegs- und Krisengebieten zu großformatigen Collagen zusammen. In „Essenz von Afghanistan“ oder „Essenz von Somalia“ muss der Betrachter sich sein eigenes Bild zusammensetzen, es erkennen. „Ich möchte auf diese Weise Interesse für den Konflikt wecken, den Betroffenen eine Stimme geben“, so die Fotografin.

Menschen sind gefangen in Algorithmen

Einen Konflikt (wieder) ins Bewusstsein zu bringen, etwas zu beschreiben, was eigentlich nicht zu beschreiben ist, ist auch die Motivation von Marco Mehringer: Der Absolvent der Bauhaus Universität Weimar fotografierte in Sarajewo von einer Ruine aus durch Einschusslöcher im Gemäuer. Lukas van Bentum von der Fachhochschule Bielefeld skizziert die junge Generation, die heute in Kaliningrad lebt – zwischen Russland und Westeuropa, zwischen Chancen und Ausweglosigkeit.

Tobias Kruse, Ostkreuz-Absolvent und „Recommended“-Stipendiat, besuchte die Deponie in Ihlenberg, wo Sondermüll aus ganz Westeuropa zu DDR-Zeiten gelagert wurde. „Bis heute weiß man nicht, mit welchen Auswirkungen auf die Umwelt“, so Kruse. Diese buchstäblich vergiftete Atmosphäre, eine Analogie zum vor allem im Osten des Landes immer wieder aufflammenden Rechtsradikalismus, spricht aus seinen Bildern.

Wo wir gerade beim Unheimlichen sind: Grant III-Preisträger Malte Sänger entschlüsselt Daten von Satelliten und ausrangierten Mobiltelefonen. „Wurden die Menschen früher von Maschinen aufgesogen, sind wir heute alle gefangen in Algorithmen. Darin menschliche Überbleibsel aufzuspüren, ist mein Hauptanliegen.“

„Gute Aussichten“ und „Recommended“ bis 30.8., Haus der Photographie (U Steinstraße), Deichtorstr. 1-2, Di-So 11.00-18.00, Eintritt 12,-/7,- (ermäßigt), Katalog 20,-