Pandemie

Die Risiken des gemeinsamen Singens in Corona-Zeiten

| Lesedauer: 6 Minuten
Marcus Stäbler
Chorsingen, das ist Lebensfreude pur. Während der Corona-Pandemie birgt diese gemeinsame Aktivität allerdings auch Gefahren.

Chorsingen, das ist Lebensfreude pur. Während der Corona-Pandemie birgt diese gemeinsame Aktivität allerdings auch Gefahren.

Foto: Getty Images/iStockphoto

Warum besonders für Chormitglieder die Gefahr einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 besonders hoch zu sein scheint.

Hamburg.  Tobias Brommann liebt seinen Job. Der Kantor am Berliner Dom, der in Hamburg studiert hat und zehn Jahre an der Vicelinkirche in Sasel tätig war, ist Kirchenmusiker mit Leib und Seele. Er vermisst die reale Begegnung mit seiner Kantorei schmerzlich. „Es tut wahnsinnig weh, auf die Proben zu verzichten“, wie Brommann bekennt. Und trotzdem halte er diesen Verzicht im Moment für das Beste, „weil es unvernünftig wäre, sich mit einer großen Gruppe zum Singen zu treffen.“

Brommann weiß, wovon er spricht. Er hat sich selbst mit dem Coronavirus infiziert. Am 9. März probte seine Domkantorei das Liverpool Oratorio von Paul McCartney, rund 80 Sängerinnen und Sänger füllten den Sophie-Charlotte-Saal, der eine Fläche von 120 Quadratmetern umfasst. „Ich stand einige Meter entfernt vor dem Chor, die Korrepetitorin saß noch etwas weiter weg“, erinnert sich der Kantor. Die Probe verlief wie gewohnt, sie dauerte zweieinhalb Stunden, niemand wies Anzeichen einer Erkrankung auf.

Doch fünf Tage später änderte sich das Bild: „Ich bekam eine E-Mail von einem Chormitglied, das positiv auf Covid-19 getestet worden war.“ Daraufhin schrillten Brommanns Alarmglocken, er bat seine Choristen, zu Hause zu bleiben, und informierte das Gesundheitsamt.

Alle Corona-Infizierten sind wieder genesen

Im Laufe der nächsten Tage stellt sich heraus: rund 60 der 80 Sängerinnen und Sänger sowie Tobias Brommann selbst und die Korrepetitorin bekommen Symptome in verschiedenen Verläufen. „Das reichte von Geschmacksverlust bis hin zu leider auch sehr schweren Fällen mit Krankenhausaufenthalten. Ich bewege mich da in der Mitte. Mein größtes Problem waren die Kopfschmerzen und vor allem: Es hat dreieinhalb Wochen gedauert, bis ich wieder auf dem Damm war.“

Mittlerweile sind zum Glück alle Infizierten wieder genesen. Doch die schlagartige Ausbreitung des Coronavirus in der Berliner Domkantorei – die inzwischen auch vom Robert-Koch-Institut untersucht wird – gibt Anlass zur Sorge. Zumal es sich nicht um einen Einzelfall handelt. Auch im bayerischen Hohenberg, im französischen Hombourg-Haut und in Stade sind mehrere Chormitglieder nach dem gemeinsamen Singen teilweise schwer erkrankt. In Amsterdam waren 102 von 130 Choristen des Het Amsterdams Gemengd Koor nach Proben und einer Aufführung der Johannes-Passion Anfang März infiziert, vier davon sind verstorben. Auch in den USA hat es in der Nähe von Seattle beim Skagit Valley Chorale zwei Todesfälle unter Choristen gegeben, obwohl dort bereits Abstands- und Hygieneregeln eingehalten wurden.

Diese Ballung ähnlicher Fälle wirft eine auch für mehr als 100 Chöre in Hamburg wichtige Frage auf: Ist Chorsingen in der gewohnten Form besonders riskant? Und welche Möglichkeiten haben Sängerinnen und Sänger, sich zu schützen? Für eine endgültige Antwort darauf ist es zum jetzigen Zeitpunkt zu früh – aber es gibt erste Untersuchungen, die sich damit beschäftigen und Anhaltspunkte liefern.

Komplexes Phänomen

Christian Kähler, Professor für Strömungsmechanik an der Bundeswehr-Uni in München, hat am vergangenen Donnerstag Beobachtungen zur Ausbreitung von Tröpfchen und kleinen Schwebeteilchen beim Singen und beim Spielen von Blasinstrumenten veröffentlicht. Bereits am vergangenen Dienstag hatten die Bamberger Symphoniker einen ähnlichen Test durchgeführt, in Kooperation mit dem Freiburger Institut für Musikermedizin. Beide Versuche deuten an, dass sich die Luftverwirbelungen beim Singen nur maximal einen halben Meter vor dem Mund ausbreiten.

Als Reaktion auf diese ersten Versuche hat das Freiburger Institut seine Risikoeinschätzung für Musikerinnen und Musiker angepasst. Nachdem es noch am 25. April empfahl, auf Chorsingen vorerst zu verzichten, beschränkt sich die aktualisierte Version auf den Rat, zwei Meter Abstand zu wahren. Die Forscher der Münchner Testreihe halten 1,5 Meter für ausreichend.

Beide Einschätzungen beziehen ihre Aussagen allerdings nur auf eine Analyse im Moment der Tonproduktion selbst, einem Teilbereich des komplexen Phänomens. Welche Rolle die besonders tiefe Atmung von Sängerinnen und Sängern in einer Probe und im Konzert spielt, wird ebenso wenig untersucht wie die Frage, ob sich kleinste Schwebeteilchen, die sogenannten Aerosole, im Laufe einer längeren Probe in einem geschlossenen Raum womöglich zu einer infektiösen Wolke verdichten könnten. Bei diesem Thema stochert die Wissenschaft oft noch buchstäblich im Nebel.

Warnung der Berliner Charité

Weil nicht annähernd gesichert ist, wie viele Aerosolpartikel aus dem Atem einer infizierten Person tatsächlich Viren tragen und wie lange das Virus in dieser Form überlebt, wäre es nötig, diesen Bereich näher zu erforschen. Auch um sicherzustellen, dass die empfohlenen Abstandsregelungen tatsächlich ausreichen, um das gemeinsame Singen von größeren Gruppen in geschlossenen Räumen ohne Angst um die Gesundheit zu ermöglichen. Die Berliner Charité schreibt dazu in ihrer aktuellen Beurteilung zur Ansteckungsgefahr am 4. Mai: „Gemeinsames Singen im Chor/Ensem­ble ist nach wie vor kritisch zu beurteilen.“ Aber der Wissensstand ändert sich nahezu täglich.

Bürgermeister: Corona-Lockerungen für Hamburg
Bürgermeister: Corona-Lockerungen für Hamburg

Kantor Tobias Brommann behilft sich, wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen, mit Onlineproben am Bildschirm – und leitet vorerst nur Gottesdienstauftritte von Mini-Ensembles aus wenigen Sängern, die im riesigen Berliner Dom ausreichend Platz für große Sicherheitsabstände haben. Ein erster, vorsichtiger Schritt, um einerseits das Risiko so gering wie möglich zu halten und andererseits doch etwas Chorgesang anzudeuten.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden