Kultur

Hamburgs Bühnen hoffen und planen neu

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Stefan Reckziegel
Intendantin Isabella Vértes-Schütter vor dem Ernst Deutsch Theater. Über dem Portal steht normalerweise der Titel des aktuellen Stücks.

Intendantin Isabella Vértes-Schütter vor dem Ernst Deutsch Theater. Über dem Portal steht normalerweise der Titel des aktuellen Stücks.

Foto: Michael Rauhe

Ein Teil der Corona-Soforthilfen für etwa 30 Privattheater ist bereits geflossen. Ohne städtisches Geld droht First Stage das Aus.

Hamburg.  Auch am Montag hing noch ein großes Banner über dem Eingang des Winterhuder Fährhauses. „Alles, was Sie wollen“, lautet die Aufschrift, daneben Fotos der Stars Nora von Collande und Herbert Herrmann. In der gleichnamigen französischen Komödie hätten die Publikumslieblinge vom 17. April bis 31. Mai spielen sollen. Wegen der vom Hamburger Senat verfügten Schließung aller Theater Makulatur.

Das Motto „Alles, was Sie wollen“ wäre für das nach der Schließung angekündigte Hilfsangebot der Stadt für die Privattheater zwar vermessen. Jedoch hat Komödien-Leiterin Britta Duah ihr Lächeln wieder: Erstmals in der fast 32-jährigen Geschichte des Winterhuder Boulevard-Theaters haben sie und die Berliner Direktion Woelffer Geld von der Stadt Hamburg erhalten – die Corona-Krise macht es möglich, vielmehr nötig: Bis mindestens Ende Juni, der bisher angeordneten Schließung, hat die Komödie Winterhude keine Einnahmen, jedoch laufende Kosten. Wie üblich im Sommer weiter- oder sogar durchspielen will die Komödie zwar wie so manches der etwa 30 Hamburger Privattheater. Doch ob und wie, steht auf einem anderen Blatt.

Theatern eine Perspektive bieten

Was hilft, ist der „Förderantrag über den Ausgleich wirtschaftlicher Härten im Zusammenhang mit Maßnahmen zur Umsetzung der Allgemeinverfügungen Coronavirus“, wie es in Behördensprache heißt. Dieser von der Hamburger Kulturbehörde entwickelte Antrag soll insbesondere jenen Theatern, die bisher kaum oder gar nicht gefördert worden sind, eine Perspektive bieten. „Im ersten Schritt haben wir bereits knapp 2,5 Millionen Euro für die Privattheater zur Verfügung gestellt“, teilte Kultursenator Carsten Brosda (SPD) am Montag mit. „Gegenwärtig sind wir miteinander im Gespräch, wie wir diese Hilfe möglichst klug verlängern können. Dabei geht es auch darum auszuloten, wie wir zunehmend wieder die Produktion von Kunst und Kultur unter den gegebenen Rahmenbedingungen fördern können.“

Zu Britta Duahs Freude ist für den Zeitraum von Mitte März, der vom Senat angeordneten Schließung, bis Ende April schnell Geld bei der Komödie Winterhude eingegangen. Voraussetzung für die Zuwendung war, dass das Haus wie alle Theater die Kosten so weit wie möglich heruntergefahren hat inklusive Kurzarbeit. Mit dem Geld der Kulturbehörde gilt es nun, Fixkosten (Miete, Strom, Sozialversicherungsbeiträge, laufende Verträge) vorläufig zu decken.

Die Schmidt-Bühnen erhalten erstmals Hilfe: 500.000 Euro

Je nach Größe der privat geführten Theater liegen die ausgezahlten Hilfen zwischen 10.000 und 500.000 Euro. Auch die Schmidts Tivoli GmbH als bisher unsubventionierter Privattheaterbetrieb mit 270 Mitarbeitern erhielt am Montag erstmals nach fast 32 Jahren finanzielle staatliche Unterstützung: eine halbe Million Euro Soforthilfe für Schmidt Theater, Schmidts Tivoli und Schmidtchen. „Wir sind sehr dankbar für den Zuschuss, der uns bei der längerfristigen Planung hilft. Die Corona-Krise und die damit verbundene Theaterschließung treffen uns hart, und das möglicherweise noch auf lange Sicht“, sagte Schmidt-Gründer Corny Littmann, der die Geschäfte mit Tessa Aust führt.

Corona-Lockerung: So sieht's für Gastro, Theater, Kitas aus

Die Auflagen, wie nach Gesundheits- und Arbeitsschutz geprobt und gespielt werden muss, betreffen alle Theater. Die Komödie Winterhude (586 Plätze), das Ernst Deutsch Theater (743) und das Ohnsorg (414) müssen zusätzlich sehen, wie sie ihre bis zu 6000 Abonnenten, für die jeweils schon drei Stücke ausgefallen sind, angesichts von Abstandsregelungen von mindestens 1,50 Meter künftig unterbringen. „Wir überlegen, ob wir zusätzlich jede zweite Reihe ausbauen sollen“, erläutert Isabella Vértes-Schütter, Intendantin des Ernst Deutsch Theaters. „Dann könnten wir nur mit etwa 150 Plätzen rechnen.“ Doch ob sich das rechnet? Im Normalfall strebt das institutionell geförderte EDT einen Eigeneinnahme-Anteil von 70 Prozent an. In jedem Fall möchte die Chefin mit den Proben für das erste, noch zu benennende Stück der neuen Spielzeit (Premiere: 20.8.) am 6. Juli beginnen; noch leuchtet über dem Eingang das Motto „Bleiben Sie gesund!“

Probleme der kleineren Theater

Ihr Ohnsorg-Kollege Michael Lang hat für Mitte Juli die Premiere der Karaoke-Komödie „Tussi-Park“ angesetzt, im August das Sommer-Gastspiel des Trios Bidla Buh. Doch Lang weiß: „Der Spielplan danach muss komplett überarbeitet werden.“ Statt acht bis zehn Schauspieler auf der Bühne kann sich der Chef derzeit nur „kleine, handhabbare Stücke“ vorstellen. Dennoch will er wie Vértes-Schütter „künstlerisch etwas anbieten“. Sein doppeldeutiges Arbeitsmotto: „Den mit Abstand coolsten Spielplan.“

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Dem Imperial hätte der im März angelaufene Wallace-Krimi „Die Tür mit den sieben Schlössern“ bis Ende April eine Auslastung von 100 Prozent beschert. Nun soll das Stück wegen der Corona-Zwangspause bis Spätsommer 2021 auf dem Spielplan bleiben. Eine Bespielung mit Sicherheitsabstand im Saal lohnt sich für Florian Lienkamp (kaufmännischer Leiter) und Intendant Frank Thannhäuser bei dann nur noch 30 Prozent Kapazität nicht. Der findige Thannhäuser hat indes bereits drei Spielszenen und eine Kuss-Szene umgeschrieben, damit die Darsteller den Sicherheitsabstand wahren können. Wie die Komödie Winterhude und die Schmidt-Bühnen hat das Imperial erstmals Hilfe der Kulturbehörde erhalten, „unbürokratisch und schnell“, so Lienkamp. „Es ist wichtig, dass laufende Kosten ein kleineres Theater wie unseres nicht erdrücken.“

Das aber könnte dem First Stage passieren, bisher beim Antrag auf Förderung nicht berücksichtigt. „Das ist noch in der Prüfung“, hieß es am Montag aus der Kulturbehörde. Ohne Liquiditätshilfe droht dem First Stage, das nichts mit dem Musical-Multi Stage Entertainment zu tun hat, vermutlich das Aus. Das moderne barrierefreie Theater in Altona-Altstadt hatte erst 2016 eröffnet.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden