CD-Kritiken

Traumhaft: Zwei Jazzlegenden jenseits der 80

| Lesedauer: 2 Minuten
Holger True
Pianistin und Komponistin Carla Bley.

Pianistin und Komponistin Carla Bley.

Foto: Tomasz Gzell / picture alliance / dpa

Weltklasse-Jazz: Das Trio von Pianistin Carla Bley und die Band von Saxofonist Charles Lloyd haben neue Alben veröffentlicht.

2018 hatte Pianistin und Komponistin Carla Bley aus Krankheitsgründen viele Konzerte absagen müssen, und mancher fürchtete, die damals 82-Jährige nie wieder live zu erleben. „Carla was hit by a bucket of shit“ heißt es dazu im Booklet ihrer aktuellen Trio-CD „Life Goes On“ (ECM) – es hatte sie voll erwischt, unter anderem setzte ihr eine schwere Bronchitis zu.

Doch davon ist auf diesem Album, das drei von ihr komponierte Suiten versammelt, glücklicherweise überhaupt nichts mehr zu spüren. Hier gibt sie den mal lakonischen, mal bluesig-melancholischen Grundton vor, auf den ihr Lebensgefährte, Bassist Steve Swallow, und Saxofonist Andy Sheppard mit großer Behutsamkeit einsteigen.

Das ist kammermusikalischer Jazz in höchster Vollendung, von ECM-Chef Manfred Eicher wie gewohnt enorm transparent und mit nie versiegender Liebe zum Detail produziert. „Wir haben gelernt, gemeinsam zu atmen, wenn wir spielen“, sagt Carla Bley. Dieser gemeinsame Atem ist es, der ein Album trägt, das bei aller Entspanntheit stets von der Fokussierung auf das eigene Klangideal durchdrungen ist.

Charles Lloyd auf der Höhe seiner Kunst

In derselben Alters- und Qualitätsklasse spielt Charles Lloyd, der seinen 80. Geburtstag am 15. März 2018 auf der Bühne des Lobero Theatre in Santa Barbara (Kalifornien) feierte. Gemeinsam mit Julian Lage (Gitarre), Gerald Clayton (Piano), Reuben Rogers (Bass) und Eric Harland (Schlagzeug) spielte er mehrere furiose Sets, die sich nun auf „8: Kindred Spirits – Live From The Lobero“ (Blue Note/Universal) finden. Als CD bzw. Doppel-LP, jeweils mit Konzert-DVD, und für Komplettisten als knapp 200 Euro teures Super-Deluxe-Set mit insgesamt zwölf statt vier Stücken (CD-Version), Hardcover-Buch und zwei Lithografien.

Ob sich die Investition lohnt, kann nur jeder Käufer selbst entscheiden, aber gar keine Frage: Charles Lloyd ist hier auf einem Gipfel seiner Kunst zu hören, als spirituell Suchender in den Fußstapfen eines John Coltrane – wohl kaum zufällig zeigt das Albumcover ihn in einer Art Mönchskutte. Beseelt ist sein Spiel, voller Sehnsucht und Harmonie. Manchmal, etwa im mehr als 20-minütigen „Dream Weaver“, ist der Weg vom Sanft-Melodieverliebten zum wild Eruptiven gar nicht weit.

Wer den spirituellen Jazz der 60er von Größen wie Pharoah Sanders, Albert Ayler und allen voran natürlich Coltrane liebt, kommt an diesem bewegenden Alterswerk von Charles Lloyd nicht vorbei.