Festival

SHMF-Chef: "Für uns gehört Hamburg zu Schleswig-Holstein"

| Lesedauer: 4 Minuten
Ob in diesem Jahr Musiker gemeinsam auf einer SHMF-Bühne stehen? Vielleicht draußen und vor kleinem Publikum? Noch ist vieles unklar.

Ob in diesem Jahr Musiker gemeinsam auf einer SHMF-Bühne stehen? Vielleicht draußen und vor kleinem Publikum? Noch ist vieles unklar.

Foto: Axel Nickolaus

Schleswig-Holstein Musik Festival: Festival-Chef Christian Kuhnt über Grenzstreitigkeiten und die Hoffnung auf Konzerte mit Publikum.

Lübeck. Natürlich hat auch Christian Kuhnt davon gelesen, von den „Grenzstreitigkeiten“ zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein in Coronazeiten. Von Hamburger Ferienhausbesitzern, die sich ihr Aufenthaltsrecht im nördlichsten Bundesland gerichtlich erstreiten wollen, von Polizeikontrollen und gelegentlichen Pöbeleien am Gartenzaun.

Doch der Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) sieht die Lage nicht so dramatisch: „Für uns gehört Hamburg zu Schleswig-Holstein“, sagt er. Die Verbindung zwischen beiden Ländern sei historisch so eng und emotional so positiv besetzt, da bleibe nichts nach – schon gar kein (Image-) Schaden für das Festival, das momentan ganz andere Probleme hat.

Auch das SHMF musste wegen des Coronavirus abgesagt werden

Vor wenigen Tagen hat Kuhnt das SHMF in der geplanten Form absagen müssen. Jetzt sitzt er in seinem Lübecker Büro („Ganz allein, viele Kolleginnen und Kollegen arbeiten von zuhause“) und lässt die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren. Als in Dänemark entschieden wurde, alle Großveranstaltungen bis 31. August zu verbieten, habe man schon geahnt, dass das SHMF betroffen sein werde. „Das Roskilde-Festival war bereits abgesagt und für mich bestand kein Zweifel daran, dass auch das Wacken Open Air nicht stattfindet. Da konnte die Klassik ja nicht so tun, als wäre sie gegen das Coronavirus immun.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Natürlich habe sich im Team Enttäuschung breit gemacht, jeder hänge schließlich auch gefühlsmäßig stark an den vom ihm betreuten Veranstaltungen. Insbesondere der geplante Schwerpunkt zum dänischen Komponisten Carl Nielsen habe im Vorfeld im gesamten Team für große Begeisterung gesorgt („Wir sind alle Nielsen-Groupies geworden“), aber nun gelte es eben, den Frust in positive Energie umzuwandeln: „Die Lust am Gestalten lässt sich nicht durch äußere Umstände brechen!“

Das Festival verschieben? Nicht möglich

Die für 2020 geplanten Konzerte auf 2021 zu schieben, ist nicht möglich – das Programm für 2021 steht schon weitgehend, Verträge sind geschlossen. Aber es soll einen „Sommer der Möglichkeiten“ geben, in dem eben doch vieles stattfindet. Wie genau der aussieht, vermag Kuhnt erst ab Ende April zu sagen, wenn die schleswig-holsteinische Landesregierung entschieden hat, welche Art von Veranstaltung unter welchen Rahmenbedingungen stattfinden kann. Man warte jetzt auf die Ausarbeitung der Hygienevorschriften: „Dann werden wir schauen, ob etwa bestimmte Konzerte unter freiem Himmel möglich sind.“ Zwar kenne man auch die dann geltenden Reisebestimmungen für Künstler noch nicht, sei aber optimistisch, dass es im Juli und August bereits Lockerungen gebe.

Unabhängig davon laufen Verhandlungen mit 3sat zur TV-Übertragung des für den 4. Juli in Lübeck geplanten SHMF-Eröffnungskonzerts und mit NDR Kultur. Der Radiosender wollte ursprünglich etwa 20 Konzerte übertragen – einiges könnte auf der Agenda bleiben, hofft Christian Kuhnt. Den Nielsen-Schwerpunkt wolle man jedenfalls halten, Harfenist Xavier de Maistre, Porträtkünstler 2020, solle ebenfalls zum Zuge kommen. Daran arbeite man derzeit „mit Feuereifer“.

Viel Unterstützung für den "Sommer der Möglichkeiten"

Zwar stehe die ganz konkrete Planung des „Sommers der Möglichkeiten“ noch aus, die Reaktionen der Künstler seien aber schon jetzt überwältigend. Ob Sol Gabetta, Martin Grubinger oder Avi Avital: Alle hätten sofort ihre Unterstützung zugesagt, „da hatte ich oft Tränen in den Augen“.

Große Unterstützung erfährt das SHMF auch von Publikumsseite. Dem Aufruf, Eintrittsgelder nicht zurückzufordern, sondern für Künstler in Not zu spenden, seien bereits Hunderte Kartenkäufer gefolgt. Für Kuhnt eine wichtige Initiative, die es in Hamburg ja im Klassikbereich auch von HamburgMusik, NDR und Konzertdirektion Dr. Rudolf Goette gibt. „Jeder Veranstalter sollte sich seiner Verantwortung gegenüber seinen Künstlern bewusst sein“, findet er. Manch freiberuflicher Musiker könne vielleicht vier Wochen ohne Konzerte und Unterricht überstehen, bei acht Wochen werde es finanziell „sehr eng“, aber ein halbes Jahr, wie derzeit nicht ausgeschlossen – für die allermeisten unmöglich: „Der Kreis der Bedürftigen wird mit jedem Tag größer.“ Auch ein Thema für diesen in jeder Hinsicht so unvergleichlichen Festivalsommer.

Aktuelle Programminfos: www.shmf.de