Hollywood-Hoffnung

"Irre": Wie sich eine Hamburgerin Sandra Bullock schnappte

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Volker Behrens
Hauptdarstellerin Helena Zengel hat mittlerweile mit Tom Hanks gedreht.

Hauptdarstellerin Helena Zengel hat mittlerweile mit Tom Hanks gedreht.

Foto: Imago

Nora Fingscheidt ist mit ihrem Hit "Systemsprenger" Favoritin auf den Deutschen Filmpreis. Ein Interview mit der Regisseurin.

Hamburg/Vancouver.  Eigentlich ist es ein fester Termin im Branchen-Kalender: An diesem Freitag werden die Deutschen Filmpreise verliehen. Die Zeremonie wird wegen der Coronakrise natürlich anders aussehen als sonst, sie soll aber live übertragen werden. Hamburg könnte dabei gut vertreten sein: Insgesamt 23 Nominierungen gingen an Produktionen, die von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein unterstützt worden sind.

In fünf Kategorien darf sich Ilker Çataks „Es gilt das gesprochene Wort“ Hoffnung machen, in vier Sparten „Lindenberg! Mach dein Ding“. Weit vorn aber liegt die Hamburger Regisseurin Nora Fingscheidt mit ihrem Debütfilm „Systemsprenger“ über ein widerspenstiges Mädchen, den 600.000 Zuschauer im Kino sahen und der zehn Nominierungen einheimsen konnte. Derzeit arbeitet die 37-Jährige in Kanada an einem Film mit Sandra Bullock in der Hauptrolle. Es ist ihre erste Hollywoodproduktion, zwei Drittel des Films waren abgedreht, als das Virus auch hier für eine Unterbrechung gesorgt hat. Ein transatlantisches Telefongespräch.

Hamburger Abendblatt: Sie haben gerade ein ziemlich verrücktes Jahr hinter sich, das im Frühjahr 2019 mit der Nominierung von „Systemsprenger“ für den Berlinale-Wettbewerb begann. Es folgten viele Festivals und Auszeichnungen.

Nora Fingscheidt: Ich bin wahnsinnig dankbar, denn es hätte ja alles auch ganz anders kommen können. Wir sind so beschenkt worden mit der Art, wie der Film aufgenommen wurde und welche Aufmerksamkeit er bekommen hat. Er ist in so vielen Ländern gelaufen und hat bisher weit über 50 Preise gewonnen. Das ist überwältigend. Da wird man ganz demütig.

In Großbritannien ist er gerade erst gestartet – mitten in der Coronakrise. Aber wie?

Fingscheidt: Der Verleih hat sich entschlossen, ihn als Video-on-Demand auf den Markt zu bringen. Für mich ist das eine ganz neue Situation. Einerseits wünsche ich mir natürlich die große Leinwand, andererseits sorgt der Verleih so wenigstens dafür, dass der Film gesehen wird. Für das britische Kino hat unser Film ja durchaus ein vertraut-fremdes sozialdramatisches Thema.

In ein paar Tagen wird der Deutsche Filmpreis verliehen, wie man es noch nie gesehen hat. Sie sind auch nominiert. Wie funktioniert das?

Fingscheidt: Er wird im Fernsehen ausgestrahlt. Wir werden dann dazugeschaltet. Unser Schnittmeister Stephan Bechinger ist auch bei mir, wir arbeiten gemeinsam am nächsten Film. Dann sitze ich wenigstens nicht allein vor der Kamera.

Sie arbeiten an einem Film für Netflix, in dem Sandra Bullock die Hauptrolle spielt. Wie hängt der „Systemsprenger“-Erfolg damit zusammen?

Fingscheidt: Da gibt es eine direkte Verbindung. Veronica Ferres hat unseren Film auf der Berlinale gesehen. Sie hat eine Produktionsfirma, die Construction Film. Damit koproduziert sie regelmäßig Hollywood-Projekte. Sie kam auf mich zu und sagte, wir sollten zusammenarbeiten. Eines der Drehbücher war dieser Film mit Sandra Bullock. Sie hat ihren Partnern in Hollywood dann zwar den Link geschickt, allerdings habe ich nicht viel erwartet. Doch der amerikanische Produzent Graham King, der Filme gemacht hat wie Martin Scorseses „Departed“, und Sandra Bullock haben sich „Systemsprenger“ angesehen und waren aus dem Häuschen. Wenige Wochen später saß ich da zum Vorstellungsgespräch. Dann ist meine Familie für eine ganze Weile mit mir nach Los Angeles gezogen. Ist schon eine irre Geschichte.

Und warum sind Sie jetzt in Kanada?

Fingscheidt: Wir haben hier gedreht und einen Schnittplatz. Die Situation ist hier recht entspannt. Ich kann noch raus und zu Fuß zu unserem Schnittplatz gehen.

Ein riesiger Schritt von einem kleinen Arthouse-Film zu so einer Hollywood-Produktion mit Sandra Bullock. Worum geht es?

Fingscheidt: Das Projekt basiert auf dem BBC-Dreiteiler „Unforgiven“. Unser Film hat momentan noch keinen Titel. Es geht um eine Frau, die 20 Jahre lang wegen Mordes im Gefängnis gesessen hat und dann freikommt. Dann macht sie sich auf die Suche nach ihrer kleinen Schwester, die damals zur Adoption freigegeben wurde. Es ist eine Mischung aus Drama und Thriller, sehr emotional, aber trotzdem spannend.

Wie sind Sie als relativer Neuling aufgenommen worden?

Fingscheidt: Gut, mit offenen Armen. Ich hatte das Gefühl, dass die Leute wussten, worauf sie sich einlassen. Ich habe einen erfahrenen Kameramann an die Seite gestellt bekommen. Ich war aber bei allen Teamgesprächen dabei, mir wurde nichts aufgezwungen. Es war ein angenehmer Austausch auf Augenhöhe. Ich durfte sogar meinen wichtigsten Partner, unseren Schnittmeister, mitbringen, mit dem ich schon seit zehn Jahren zusammenarbeite. Für eine gemeinsame kreative Sprache ist das wichtig.

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Fühlt es sich anders an, dort einen Film zu machen als hier?

Fingscheidt: Es ist ja eigentlich dieselbe Arbeit. Wie wird eine Szene aufgelöst? Sind die richtigen Emotionen da? Wie könnte man den Take noch einmal anders spielen? Versteht man die Hauptfigur? Das ist überall auf der Welt gleich. Es ist wie beim Kochen, nur die Töpfe, Herde und Zutaten sind ein bisschen anders. Die Abläufe sind etwas unterschiedlich, und das Team ist größer.

Wird Ihr aktueller Film Ihnen bei kommenden Projekten hilfreich sein?

Fingscheidt: Hoffentlich ja! Wenn ich das hier halbwegs gut über die Bühne bekomme, werden sie sagen, die kann auch mit größeren Budgets umgehen und Verantwortung aushalten.

Sie sind jetzt seit Oktober in der „Neuen Welt“, nehmen Ihre Heimat also von außen wahr. Was fällt Ihnen auf?

Fingscheidt: Ich denke oft an meine Eltern, aber auch an Freunde und Bekannte. Ich schaue regelmäßig die „Tagesschau“, denn es interessiert mich natürlich, wie das Land mit dieser Situation umgeht. Ich mache mir aber auch Sorgen um Europa als Ganzes, was bedeutet das für das EU-Friedensprojekt? Wie halten die Länder zusammen?

Wie sieht Ihr Alltag zurzeit aus?

Fingscheidt: Vormittags unterrichte ich meinen Sohn, nachmittags sitze ich im Schneideraum. Ich habe großes Glück, dass ich diese Zeit immerhin noch produktiv nutzen kann. Wir wurden auch mitten im Dreh gestoppt und warten, wann es weitergehen kann.

Und wie sind Sie so als Lehrerin?

Fingscheidt: Ich erreiche das Grundschul-Aushilfsniveau. Mein Sohn geht gerade in die 3. Klasse. Wir bekommen von der amerikanischen Schule ein Programm, das man gemeinsam abarbeiten kann: lesen, schreiben, rechnen, aber auch musizieren und Handarbeit. Ich lerne jetzt, wie man strickt.

„Systemsprenger“, DVD, 120 Min., ab 12 J., EuroVideoMedien, ca. 14,- Euro