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Alltag in Coronazeiten: Warum Improvisation so wichtig ist

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Stefan Reckziegel
Steife Brise Improvisation. Theater. Training.

Steife Brise Improvisation. Theater. Training.

Foto: Gerrit Meier / steife brise

Die Hamburger Improtheater-Gruppe Steife Brise gibt Tipps für die Bewältigung des Alltags im Ausnahmezustand.

Hamburg.  „Bleiben Sie gesund!“ Das gehört dieser Tage zum guten und gut gemeinten Umgangston. Aber: „Bleiben Sie spontan!?“ Dieser Satz war in Coronazeiten bisher kaum zu hören. Dabei ist er für manche Programm. Für die Improvisationstheater-Gruppe Steife Brise etwa, das 1992 gegründete dienstälteste Impro-Ensemble der Hansestadt

Der 20 Mitglieder starken Truppe aus Altona sind wie vielen anderen Künstlern von heute auf morgen die Einnahmen weggebrochen, in diesem Fall jene aus Impro-Shows, Theater-Workshops und dem Business-Coaching. „Ungünstiges Geschäftsmodell – Arbeit mit Publikum“, formuliert es Impro-Schauspielerin Wiebke Wimmer sarkastisch.

Doch die Spontan-Spieler hätten – trotz aller nachvollziehbaren Existenzängste – ihren Beruf verfehlt, wenn sie sich nicht auf die völlig neuartige Krise einließen.

Frei nach dem Motto „Es ist unser Job, mit Situationen wie diesen klarzukommen“ haben Wimmer, auch Leiterin der Theaterschule, und ihr Improspieler-Kollege, der Steife-Brise-Geschäftsführer und Coach Torsten Voller, neue Modelle entwickelt, die auch für unser aller Alltag einsetzbar sein könnten.

Alltag in Coronzeiten: Weder Schockstarre noch Panik

„Die Improhaltung ist das Gebot der Stunde – jetzt, da auch die als fest angesehenen Strukturen sich stündlich verändern oder ganz wegfallen“, sagen Wimmer und Voller unisono. Die Kunst der Improvisation und ihre Grundsätze können helfen, die Planlosigkeit nicht nur auszuhalten, sondern eigene Handlungsoptionen zu behalten.

Weder Schockstarre noch Panik, das empfehlen die „Imprologen“. Die drei auf der Bühne gelebten Grundregeln des Improtheaters lassen sich durchaus auf das Berufs- und Privatleben übertragen, meinen die Spontan-Spieler. Erste Regel: Annehmen. Heißt in diesem Fall: eher nicht mehr verhandelbare Situationen akzeptieren wie etwa das Kontaktverbot.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Zweitens: Im Moment bleiben. Meint: bei der Kommunikation achtsam und beim Gesprächspartner sein, hören und sehen, was das Gegenüber sagt, insbesondere bei Videokonferenzen. Die lassen sich mit mehreren Teilnehmern auch dadurch auflockern, indem virtuell ein Stift weitergereicht werde – vorausgesetzt, die Schalte dauere 30, besser noch 60 Minuten, meint Voller. Noch besser sei es, auch mal aufzustehen oder durch den Raum zu gehen, nicht nur, weil die Stimme dann anders klingt.

Steife Brise gibt Onlineworkshops für Kursteilnehmer

Drittens: Mut zum Risiko. „Wir brauchen eine noch höhere Fehlertoleranz als sonst schon beim Improtheater“, sagt Voller. Noch vor einigen Wochen habe er nicht gedacht, dass Onlineworkshops mit Kursteilnehmern möglich seien. Jetzt geht es gar nicht anders. Er und seine Kolleginnen und Kollegen können jedoch nicht solch ein hohes Tempo anschlagen wie auf der Bühne.

„Es braucht mehr Zeit und mehr Konzentration“, hat Coach Voller nach den ersten gut zwei Stunden erkannt. Dank solcher neuen Formate müsse es auch nach der überstandenen Coronakrise nicht mehr „Entweder oder“, sondern „und“ heißen, so seine Erkenntnis.

Neue Wege können Einzelne im wahrsten Sinn auch beim Einkauf im Supermarkt gehen, wenn dort etwa in einem Gang die Abstandsregel nicht einzuhalten sei. Voller: „Womöglich entdecken Sie in einem anderen Regal ein ganz neues Produkt für ein Gericht.“ Oder auch ein altes? „Ananas aus der Dose für einen Toast Hawaii“, fällt Voller ein. Ganz spontan.

Das Essen seiner Jugend könnte er mal seinen Kindern (12 und 16 Jahre alt) servieren, sinniert der Familienvater. Umgekehrt könnten die ihn doch einfach mal an ihren Spielen auf dem Smartphone teilhaben lassen.

Die Neugier, sie gehört auch in der Krise dazu. „Wir sollten versuchen, eine Autonomie über unsere Handlungen zu erlangen, um möglichst selbstbestimmt leben zu können“, resümiert Torsten Voller.

Infos: www.steife-brise.de