Philosoph

Ernst Cassirer war ein großer Denker und Demokrat

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Sven Kummereincke
Ernst Cassirer, hier in den 20er-Jahren an seinem Schreibtisch, gehörte zu den bedeutendsten Philosophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er war lebenslang überzeugter Demokrat und Liberaler.

Ernst Cassirer, hier in den 20er-Jahren an seinem Schreibtisch, gehörte zu den bedeutendsten Philosophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er war lebenslang überzeugter Demokrat und Liberaler.

Foto: Wissenschaftliche Stiftung

Vor 75 Jahren starb der Philosoph und Rektor der Hamburger Universität – eine neue Biografie würdigt sein Leben und Werk.

Hamburg.  Den endgültigen Untergang der ihm so verhassten National­sozialisten mitzuerleben war ihm nicht mehr vergönnt. Ernst Cassirer, einer der bedeutendsten Philosophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und Rektor der Hamburger Universität, starb vor 75 Jahren – am 13. April 1945 – im New Yorker Exil an einem Herzinfarkt. Dreieinhalb Wochen später endete die Nazi-Diktatur, vor der der hellsichtige Gelehrte und überzeugte Demokrat schon im März 1933 geflüchtet war. Im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Juden hatte er sich keinerlei Illusionen über die Pläne der Nationalsozialisten gemacht. Aus Anlass des 75. Todestages hat die Hamburger Autorin Susanne Wittek im Auftrag der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung eine Biografie des großen Denkers geschrieben, in der seine Hamburger Jahre im Mittelpunkt stehen.

Ernst Cassirer wurde am 28. Juli 1874 im damals deutschen Breslau als Sohn eines Kaufmanns geboren. Er machte in seiner Geburtsstadt Abitur und ging anschließend nach Berlin, wo er zunächst Jura, dann Philosophie, Mathematik und Literaturgeschichte studierte. Nach Stationen in Leipzig, Heidelberg und München ging er nach Marburg – dort lehrte Hermann Cohen, dessen Schriften er mit Enthusiasmus studiert hatte. Cohen, ebenfalls Jude, war führender Kopf der sogenannten Marburger Schule und vertrat eine mathematisch und wissenschaftlich orientierte Philosophie. Cassirer wurde sein Lieblingsschüler, die Promotion des 26-Jährigen mit der Höchstnote bewertet. Bald darauf heiratete er seine Cousine Antonie „Tony“ Bondy, mit der er dann drei Kinder hatte: Heinrich, Georg und Anne.

Cassirer bekam den Antisemitismus zu spüren

Cassirer machte in diesen Jahren mit mehreren Veröffentlichungen von sich reden, gewann einige Preise und schien eine glänzende akademische Laufbahn vor sich zu haben. Doch nun bekam er das zu spüren, was er nach eigenen Angaben in seinem bisherigen Leben nie hatte erleben müssen: Antisemitismus. Erst nach einigen vergeblichen Anläufen nahm die Berliner Universität 1906 seine Habilitationsschrift an – und das erst, nachdem der hoch angesehene Wilhelm Dilthey für ihn eingetreten war. „Bis heute hält sich die Legende, Dilthey habe geäußert: ,Ich möchte nicht der Mann sein, von dem die Nachwelt einmal sagen wird, er habe Cassirer abgelehnt‘“, schreibt Susanne Wittek.

Trotz solcher Fürsprecher blieb Cassirer eine ordentliche Professur versagt, was manchmal sehr offen mit seiner Abstammung begründet wurde – zum Beispiel, „dass unsere einheimische Bevölkerung eine besonders starke Abneigung gegen das Nichtgermanische besitzt, und dass diese in Sachen philosophischer Weltauffassung, in welcher der Schleswig-Holsteiner ein in die Tiefe gehender Grübler ist, sich besonders zeigt“, wie es aus Kiel hieß.

Er gab auch Kurse an der Volkshochschule

Erst der verlorene Weltkrieg und die Weimarer Demokratie wendete das Blatt: Von der nun endlich gegründeten Hamburger Universität erfolgte 1919 der Ruf auf den philosophischen Lehrstuhl, den Cassirer sogleich annahm. Er war auch einer der wenigen Professoren, die sich nicht zu fein waren, auch an der ebenfalls gerade gegründeten Volkshochschule Kurse zu geben. Zwar war das politische Klima in Hamburg (zunächst) mit einer deutlichen Mehrheit für die demokratischen Parteien günstig, der Antisemitismus aber war nicht verschwunden.

Schon 1919 gab es judenfeindliche Pamphlete einiger studentischer Verbindungen. Die Mehrheit der Professorenschaft war national-konservativ: Alljährlich feierten sie am 18. Januar den Tag der Reichsgründung (bezugnehmend auf die Ausrufung des Kaiserreichs 1871); der demokratischen Verfassung wurde bis zum Ende der Republik nur einmal gedacht – 1930, als Cassirer Rektor war und die Feier durchsetzte.

Fruchtbare Hamburger Jahre

Trotz solchen Klimas waren die Hamburger Jahre außerordentlich fruchtbar. 1923 bis 1929 erschienen die drei Bände seines Hauptwerks „Die Philosophie der symbolischen Formen“. Sie brachten Cassirer internationale Anerkennung, wozu auch seine viel beachtete öffentliche Disputation 1929 mit Martin Heidegger in Davos beitrug.

Untrennbar mit diesen Jahren verbunden ist Cassirers Freundschaft mit dem Gelehrten Aby Warburg. Der Bankierssohn hatte seinem damals erst zwölfjährigen Bruder Max das Erstgeborenenrecht als Bankchef abgetreten, wofür dieser versprechen musste, ihm stets genug Geld für seine Bibliothek zu geben. Max hielt Wort, auch als die „Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg“ (KBW) auf 60.000 Bände wuchs. Warburg war es auch, der Cassirer überredete, in Hamburg zu bleiben, als dieser 1928 ein sehr lukratives Angebot aus Frankfurt erhielt (und das auch für eine üppige Gehaltserhöhung in Hamburg nutzte). Warburg verstarb 1929, kurz nachdem Cassirer zum Rektor der Universität gewählt worden war.

Aufrechter Demokrat

Es war auch das Jahr, in dem die Scheinblüte der „Goldenen Zwanziger“ mit der Weltwirtschaftskrise endete und radikale Kräfte immer stärker wurden. Cassirer gehörte aber zu denen, die für Republik und Demokratie einstanden. Es war ihm ein Herzensanliegen, 1930 die Universitätsfeier für die Weimarer Verfassung gegen viele Widerstände durchzusetzen. Und er sah mit großer Sorge, dass an der Universität der Einfluss von der NSDAP nahestehenden Studentenorganisationen immer größer wurde.

Nur sechs Wochen nach der Machtübernahme der Nazis verließ er mit seiner Familie das Land. Sie gingen zunächst nach Großbritannien, wo Cassirer in Oxford einen Lehrstuhl bekam, anschließend nach Schweden und 1941 schließlich in die USA – dort lehrte er in Yale und an der Columbia. Nach seinem Tod 1945 geriet Ernst Cassirer relativ schnell in Vergessenheit, doch in den 1980er-Jahren begann eine Art Renaissance, und die Fachwelt entdeckte ihn neu. Für Hamburg spielte er aber nicht nur als Gelehrter eine bedeutende Rolle, sondern auch als aufrechter Demokrat in einer Republik, die aus Mangel an solchen Menschen zugrunde ging.