Corona-Folgen für Kultur

Was wird aus dem norddeutschen Festivalsommer?

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Tino Lange
Für 2020 schwer vorstellbar: Besucher des „Hurricane“-Schwesterfestivals „Southside“ im Juni 2019 in Neuhausen ob Eck.

Für 2020 schwer vorstellbar: Besucher des „Hurricane“-Schwesterfestivals „Southside“ im Juni 2019 in Neuhausen ob Eck.

Foto: picture alliance

Bislang wurde noch kein Pop-Festival in und um Hamburg abgesagt – die Veranstalter warten noch auf die behördlichen Anweisungen.

Hamburg.  Tanzen und hüpfen in verschwitzten Menschenknäueln, trinken und knutschen im Sonnenuntergang, Schlange stehen vor Mobiltoiletten, drei Tage lang nicht duschen: Das war der Sommertraum für Zehntausende Musikfans im Norden. Doch dann drehte das Coronavirus der Livemusik den Saft ab, und damit steht auch die nahe Zukunft der Festivals Hurricane (19. bis 21. Juni, Scheeßel), Deichbrand (16. bis 19. Juli, Cuxhaven), Wacken Open Air (30. Juli bis 1. August, Wacken) und MS Dockville (21. bis 23. August, Hamburg) mit ihren jeweils 50.000 bis 75.000 Besuchern in den Sternen.

Gleiches gilt für zahlreiche kleinere Veranstaltungen wie das „Müssen alle mit Festival“ in Stade (29. August), das Elbjazz im Hamburger Hafen (5. bis 6. Juni), Spektrum (1. August) in Wilhelmsburg, Wutzrock (7. bis 9. August) in Allermöhe, diverse Freiluft-Raves und die Open-Air-Konzerte auf der Stadtparkbühne in Winterhude (20. Mai bis 12. September).

Konzerte waren die ersten Termine, die in Coronakrise untersagt wurden

Konzerte und ähnliche Kulturtermine mit großen Menschenaufkommen auf engem Raum waren die ersten Termine, die in der Coronakrise untersagt wurden, und sie werden auch die letzten sein, die wieder zugelassen werden. Dennoch wurde noch keines der norddeutschen Festivals abgesagt, abgesehen vom bereits ausverkauften Wacken Open Air und vom kostenlosen Wutzrock sind überall noch Karten erhältlich. Und das in Zeiten, in denen in Deutschland und international bereits zahlreiche renommierte Festivals wie das englische Glastonbury Festival, das Roskilde Festival in Dänemark und die Fusion im Mecklenburgischen Lärz von den Veranstaltern abgesagt wurden.

Festivals dieser Größenordnung sind ein Millionengeschäft, ein Kleinuniversum mit 100 bis 200 der größten Bands und angesagtesten Newcomer, potenten Sponsoren, mächtigen Labels und Konzertagenturen und der kaum übersichtlichen Ameisenstraße der Technik- und Bühnenbauvermietungen, Caterer, Gastro-, Security- und Sanitärbetriebe. Mehrere Tausend Mitarbeiter sorgen für einen möglichst reibungslosen Ablauf, der Aufbau beginnt bereits Wochen vor einem Festival. Eine Absage tritt eine lange Kette von Dominosteinen mit wirtschaftlichen und persönlichen Folgen für die Beteiligten um.

Veranstalter reagieren zurückhaltend

Entsprechend zurückhaltend reagieren die Veranstalter auf Anfragen zu möglichen Absagen, Notfallplänen sowie finanziellen Folgen sowohl für die Organisatoren als auch für die Ticketkäufer. „Unsere Vorbereitungen für den Festivalsommer laufen derzeit weiter, soweit das in dieser besonderen Situation möglich ist. Auch wir verfolgen die aktuelle Nachrichtenlage natürlich aufmerksam und sind bereit, alles zu tun, um unsere Gäste, Mitarbeiter und alle Beteiligten zu schützen.

Finanzsenator: So funktioniert der Hamburger Schutzschirm

Was das konkret heißt, ist zurzeit leider noch nicht absehbar, und diese Unsicherheit belastet uns persönlich genauso wie viele Besucher“, teilte Hurricane-Veranstalter FKP Scorpio mit, „natürlich halten wir nach wie vor engen Kontakt zu den zuständigen Behörden, und allen Beteiligten ist natürlich klar, dass der Verlauf der Pandemie nur schwer vorherzusagen ist und ihre Entwicklung noch keinen Grund gibt, die derzeitigen Schutzmaßnahmen geschweige denn Veranstaltungsverbote zu lockern.“

Festivals warten auf die verordnete Absage

Im nahezu gleichen Wortlaut antwortete Elbjazz-Festivalleiter (und Reeperbahn-Festival-Geschäftsführer) Alexander Schulz, und auch in den Mitteilungen und Postings in den sozialen Netzwerken von Deichbrand und Dockville ist der Tenor vergleichbar: Man gehe derzeit von einer Durchführung der Festivals aus, werde aber behördlichen Bestimmungen umgehend Folge leisten. Anders gesagt: Die Festivals warten auf die verordnete Absage.

Denn die Festivals halten nicht aus einer naiven Hoffnung auf eine Besserung der Lage nach Ostern an ihren Terminen fest, sondern aus Haftungs- und Versicherungsgründen. Eine behördlich erzwungene Absage lässt sich gegenüber Vertragspartnern und Ticketkäufern leichter abwickeln. Bislang haben besorgte oder in finanzielle Notlagen geratene Ticketkäufer noch nicht die Möglichkeit, ihre Tickets erstattet zu bekommen.

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Und auch nach den zu erwartenden Absagen ist noch nicht absehbar, ob und welche Veranstalter das Geld für die Karten zurückzahlen – oder von der kürzlich von der Regierung vorgeschlagenen Gutscheinregelung für ausgefallene Veranstaltungen Gebrauch machen könnten. Festivalkarten für 2020 wären dann Gutscheine für nächstes Jahr. Die großen Festivals sind zumeist gut organisiert und – nach den Wetterkapriolen der letzten Jahre – auf kurzfristige Verschiebungen eingestellt. Mit der Absage für 2020 beginnen die Vorbereitungen für 2021.

Ein Optimismus, den das Reeperbahn Festival nicht teilen kann. „Wir verfolgen die aktuelle Nachrichtenlage aufmerksam und gehen derzeit davon aus, dass das Reeperbahn Festival 2020 wie geplant stattfindet“, schreibt Festivalsprecher Frehn Hawel, aber: „In einer Zeit, in der große Teile unserer Branche mit erheblichen Existenzsorgen zu kämpfen haben, wäre es schön, wenn wir für unsere besonders schwer getroffenen Kolleg*innen, wie Veranstalter und Clubs und Spielstätten, nach monatelanger, weltweiter Schockstarre den Auftakt in eine Zeitrechnung ‚Post-Corona‘ anbieten könnten.“

Informationen zum Coronavirus:

Denn dieses Festival ist vom 16. bis zum 19. September nicht auf eine, sondern auf über 100 Spielstätten auf und um St. Pauli angewiesen. Hinter den Kulissen herrscht Sorge, dass viele Spielstätten die aktuelle Zwangspause finanziell nicht überleben könnten. „Generell gibt es zu der Zukunft aller Festivals derzeit nur eine seriöse Antwort“, schreibt Hawel: „Wir wissen es nicht.“