Kunst

Raffael erst 2021 in Hamburg – doch Fans müssen nicht warten

| Lesedauer: 6 Minuten
Vera Fengler
Der Kupferstecher Johann Friedrich Wilhelm Müller (1782–1816) fertigte in jahrelanger Arbeit einen Stich der Sixti­nischen Madonna.

Der Kupferstecher Johann Friedrich Wilhelm Müller (1782–1816) fertigte in jahrelanger Arbeit einen Stich der Sixti­nischen Madonna.

Foto: Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett / bpk

Die Kunsthalle wollte den Renaissance-Meister im 500. Todesjahr groß feiern. Wo seine Werke schon heute zu sehen sind.

Hamburg.  Die Jahrhundertschau in den Scuderie in Rom war Anfang März mit großem Pomp eröffnet worden, da musste sie – virusbedingt – schon wieder schließen. „Tragisch für die Kollegen“, findet Kurator David Klemm, „und für Raffael, er hätte es verdient, in seinem 500. Todesjahr noch einmal gefeiert zu werden“.

Raffaello Santi (1483–1520) aus Urbino, der geniale Maler der italienischen Hochrenaissance, der berühmte Gemälde wie die „Sixtinische Madonna“ schuf, schon als 25-Jähriger mit Aufträgen überhäuft wurde, die Papstgemächer im Vatikan mit Fresken ausstatten durfte und schließlich zum Bauleiter im Petersdom avancierte – selbst dieser Superstar wurde schließlich von Michelangelo und Leonardo da Vinci verdrängt. Aber dazu später mehr.

Hamburgs größte „Raffael“-Ausstellung auf 2021 verschoben

In der Hamburger Kunsthalle befanden sich David Klemm und sein Kollege Andreas Stolzenburg, der Leiter des Kupferstichkabinetts, mit ihrem Team gerade in der heißen Phase; die in Hamburg bisher größte „Raffael“-Ausstellung hätte im Mai starten sollen, mit 150 Zeichnungen, Druckgrafiken sowie Reproduktionen berühmter Gemälde und Fotografien. Nun wurde die Schau auf Januar 2021 verschoben.

„Natürlich hätten wir lieber im Jubiläumsjahr ausgestellt. Aber ich bin froh, dass wir dieses Zeitfenster im Hubertus-Wald-Forum bekommen haben“, sagt Klemm, „unser Vorteil ist, dass wir aus unserem eigenen Bestand schöpfen können und nicht auf Leihgeber angewiesen sind“.

Klemm: "Raffael bediente die Sehnsucht nach Schönheit“

Allein fünf originale Handzeichnungen des Meisters besitzt die Kunsthalle. Sie stammen aus dem kostbaren Erbe des Sammlers Georg Ernst Harzen, das das Kupferstichkabinett einst begründete: die dreiteilige Studie eines Kinderkopfes (1505 und 1506), „Kopf eines Cherubs“ (1509 bis 1511) und der „Heilige Sebastian“ (um 1505).

„Die Schönheit seiner Figuren fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Raffael hat das klassische Maß gefunden“, erklärt Klemm, der sich schon während seines Studiums mit dem Künstler beschäftigt hat. „Das ist es, was die Menschen über vier Jahrhunderte so an ihm begeistert hat: Raffael bediente die Sehnsucht nach Schönheit.“

Und noch etwas anderes zeichnet seinen Stil besonders aus: die exakte Linienführung, die sich in Körperdrehungen und Gesten zeigt (im Gegensatz zu da Vincis Sfumato-Technik). Raffaels Arbeiten boten sich damit perfekt für den Kupferstich an.

„Raffael ist der erste uns bekannte Künstler, der Werke von renommierten Stechern reproduzieren ließ, um seine Bildideen zu verbreiten und natürlich auch zu vermarkten.“ Nach seinem frühen Tod – Raffael starb mit 37 Jahren in Rom, vermutlich an den Folgen einer Malaria-Erkrankung – reisten zahlreiche Künstler nach Italien, um die Werke des berühmten Künstlers zu kopieren, manche im Auftrag reicher Fürsten, andere für umtriebige Verleger oder aus eigenem Interesse, darunter die Hamburger Victor Emil Janssen und Carl Julius Milde.

Kunsthalle: Sandra Pisot präsentiert Lieblingswerke (1/3)​
Kunsthalle: Sandra Pisot präsentiert Lieblingswerke (1/3)​

Zahlreiche Reproduktionen zentraler Werke

Was vielen nicht bekannt ist: Auch der Frühromantiker Philipp Otto Runge fertigte einige herausragende Zeichnungen im Stile Raffaels an, zum Beispiel „Kopf eines Apostels im Profil“ von 1801 oder „Madonna mit Kind“ von 1799.

So kommen nicht nur Bilder aus dem Umkreis des Malers, sondern auch zahlreiche Reproduktionen zentraler Werke hinzu. Einen Großteil der rund 1700 Exponate umfassenden Raffael-Sammlung der Kunsthalle (1000 davon kann man schon jetzt in der Sammlung-Online betrachten) machen Druckgrafiken aus.

Die Ausstellung wird den Bogen bis ins 20. Jahrhundert spannen und zeigen, wie weit Raffaels Einfluss in die moderne Kunst ragt. So ließ sich der US-amerikanische Objektkünstler Cy Twombly zu einer Version der „Schule von Athen“ inspirieren, und auch er malte das Motiv „Leda mit dem Schwan“.

Kunsthallen-Mann Klemm geht in seiner Suche nach dem Einfluss des italienischen Künstlers sogar so weit, dass er in den heutigen Beauty-Sendungen letztlich auch Raffaels klassische Ideale vorfindet.

Bis 2021 wird die Ausstellung erweitert

Und doch ist der Künstler, der als Statue die rechte Seite des Kunsthallen-Altbaus flankiert (und eben nicht Kollege Albrecht Dürer, was man bei einem deutschen Museum eher vermuten würde), etwas in Vergessenheit geraten. Dies sei zum einen dem Zeitgeist geschuldet, so Klemm. Darüber hinaus gaben der als eigensinnig geltende Michelangelo oder die Mythen, die sich um da Vincis Erfindungen ranken, einfach mehr Stoff für Geschichten her als die glatte Erfolgsbiografie von Raffael.

Umso mehr freut es den Kurator, dem großen Künstler im kommenden Jahr eine Bühne zu bieten, die ihn in vielen verschiedenen Facetten und in der Breite seiner Qualität und Bedeutung zeigt – bis hin zu einem historischen Künstlerbuch, das das Leben und Werk Raffaels beschreibt.

Bis es so weit ist, wird gerahmt, passepartouriert, weiter geforscht und am Ausstellungskatalog gearbeitet. Mit etwas Glück könnten auch noch ein paar zusätzliche Druckgrafiken erworben werden; ansonsten, sagt Klemm, sei der Markt an Raffael-Werken leer gefegt oder die Originale schlichtweg zu teuer beziehungsweise fest in römischen Institutionen verankert.

Kunsthalle: Sandra Pisot präsentiert ihre Lieblingswerke (2/3)​
Kunsthalle: Sandra Pisot präsentiert ihre Lieblingswerke (2/3)​

Raffael digital: 2021 feiert ihn die Kunsthalle

Bis zum Sommer sollen die restlichen 700 Werke des Raffael-Albums wissenschaftlich erschlossen und digitalisiert werden, so Klemm, der Leiter des Digitalisierungsprojekts ist. Er ist sich sicher: „Auch in seinem 501. Todesjahr wird Raffael das Publikum begeistern.“

„Raffael-Album“ mit wissenschaftlichen Erläuterungen und Kommentaren in der Sammlung-Online unter www.hamburger-kunsthalle.de/sammlung-online, „Raffael“-Ausstellung in der Kunsthalle vom 22.1. bis 25.4.2021

Kunsthalle: Sandra Pisot präsentiert Lieblingswerke (3/3)​
Kunsthalle: Sandra Pisot präsentiert Lieblingswerke (3/3)​