Schmunzeln Sie mit!

Feiner Humor für gute und schlechte Zeiten

Selbst vor dem Thema Neonazis macht eine gute Karikatur nicht halt: Hier geht es um die Einstufung rechtsextremer Täter als „Einzeltäter“.

Selbst vor dem Thema Neonazis macht eine gute Karikatur nicht halt: Hier geht es um die Einstufung rechtsextremer Täter als „Einzeltäter“.

Foto: Miriam Wurster

Im neuen Buch „Hamburger Strich“ zeigen 15 namhafte Cartoonisten aus der Hansestadt eine Auswahl ihrer Karikaturen.

Hamburg. Auch wenn auf St. Pauli das Rotlicht derzeit weitgehend ausgeknipst sein muss, hat der „Hamburger Strich“ durchgehend geöffnet. Das behauptet ein Künstler, dessen Mundwerk ähnlich frech ist wie die Botschaft seiner Zeichnungen. Til Mette, seit einem Vierteljahrhundert Woche für Woche im Magazin „Stern“ pfiffig präsent, gehört zu einer Allianz von 15 Cartoonisten, die mit einem neuen Buch auf besondere Art beweisen: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Dass dieses originelle, fantasievolle und in jeder Beziehung farbenfrohe Werk aus dem KJM-Verlag in Blankenese realisiert wurde, entspringt einer der unkonventionellsten Kreativrunden unserer Stadt: einem Stammtisch in der bürgerlichen Taverne Ägäis in Altona-Nord. Dort trifft sich, in lockerem Verbund, einmal im Monat ein knappes Dutzend Freigeister zum intellektuellen Klönschnack. Die Grafiken dieser künstlerischen Koryphäen sind in praktisch allen großen deutschen Zeitungen und Magazinen zu sehen – vom „Spiegel“ bis zur „Zeit“, von „Cosmopolitan“ bis zum Satiremagazin „Titanic“, vom Abendblatt bis zur „Süddeutschen“. Vielfach erkennt man den typischen Strich.

Motto des Teams: „Achtung, witzig. Auf den Punkt und auf den Strich“

In seinem Kontor in einer ehemaligen Schmiede in den Elbvororten hörte der Verleger Klaas Jarchow vom Kreis kreativer Köpfe. „Meine Neugier war auf Anhieb geweckt“, erinnert er sich. Sein Verlagsprogramm ist klein, aber fein. Der Preis für unternehmerische Freiheit ist ein außerordentlicher Zeitaufwand. Ohne Wagemut geht gar nichts.

Zu den KJM-Autoren zählen der „Apfelflüsterer“ Eckart Brandt, die Poetry­-Slammerin Mona Harry und der Schiffeforscher Thomas Kunadt. Im Sommer 2019 nahm der Verleger am Stammtisch der Cartoonisten im griechischen Restaurant an der Langenfelder Straße Platz. Durch und durch beseelt, nicht nur vom Essen und fruchtigem Wein, wurde ein Beschluss gefasst: Wir machen uns gemeinsam ans Werk. Der Grundgedanke: jeweils sechs bis zehn Cartoons der 15 Künstler, eingeleitet von einem zweiseitigen, handschriftlich auszufüllenden Fragebogen. Die Künstler lieferten pünktlich. Alles Profis eben. Neben vielen wirkten Jan Rieckhoff, Miriam Wurster und Tim Oliver Feicke bei der Entstehung mit. Motto des Teams: „Achtung, witzig. Auf den Punkt und auf den Strich.“

Der Titel ist Programm

Das nunmehr veröffentlichte Resultat kann sich sehen und lesen lassen. Der Titel ist Programm: „Hamburger Striche“. Während die Zeichner aus Hamburg kommen, dürfen und sollen (!) die Motive Grenzen sprengen. Die zumeist urkomischen Fragebögen, in Originalfassung abgedruckt, sind allein die Lektüre wert.

Und auch wenn sich der gleichfalls zeichnende Komiker Otto Waalkes augenzwinkernd leicht pikiert gab, der illustren Runde nicht anzugehören, schrieb er ein launiges Vorwort. Dass Otto und Verleger Jarchow in Elbnähe Nachbarn sind, förderte die Zusammenarbeit.

Waalkes liefert das Vorwort, die anderen „ihre“ Ottifanten

Als pfiffige Gegenleistung versprach das 15er-Team dem namhaften Mitstreiter je eine persönliche Darstellung von Waalkes Fantasiegeschöpf, dem Ottifanten. Diese Grafiken sollten bei einer Ausstellung und Buchpräsentation Mitte April 2020 in der „Fabrik der Künste“ in Hamburg-Hamm vorgestellt werden. Daraus wird leider nichts. Doch ist aufgeschoben bekanntlich nicht aufgehoben.

Da größere Runden aktuell nicht angesagt sind, trafen sich auf Abendblatt-Initiative zwei der 15 Kreativen des 128 Seiten umfassenden Werks zum Fachgespräch: die Illustratorin Maren Amini (37) sowie der Cartoonist und Maler Til Mette (63). Mette kam mit seinem Motorrad-Oldtimer der Marke Triumph von zu Hause aus Iserbrook angeknattert. Ort des Zusammensitzens am vergangenen Freitagnachmittag war die Galerie Fritzen an der Wohlwillstraße auf St. Pauli.

Hamburg ist die Hauptstadt der Cartoons

Seite an Seite mit zwei seelenverwandten Freundinnen betreibt Maren Amini dort eine kleine Galerie, in der sie ihre handbearbeiteten Unikate in gerahmter Form verkauft. Amini und Mette halten auf der Bierbank trotz beruflicher Nähe gebührenden Abstand. Sie lebt auf dem Kiez, er in Iserbrook. Kenner wissen, dass Hamburg die Hauptstadt der Cartoons ist.

Solche pointenreichen Grafiken als Bildwitze zu bezeichnen wäre zu simpel. Doch geht es in diese Richtung. Ohne viele Worte ein Thema spitz auf den Punkt zu bringen, das ist die Kunst. „Während die gesellschaftspolitischen Zeichner in Berlin überwiegend im Alleingang unorganisiert vor sich hin werkeln“, weiß Mette, „pflegen wir in Hamburg den Zusammenhalt“. Das neu erschienene Buch ist ein Ausdruck dieser Verbundenheit.

Kunst in Zeiten von Corona

Maren und Til kennen sich aus Zeiten des „Achterhauses“ in Bahrenfeld. Dort teilten sich beide ein Atelier, in dem heute nur noch Mette schafft. Manchmal bis Mitternacht. Wer den „Stern“ seit 1995 wöchentlich mit drei Cartoons versorgt, weiß, dass Spaß am Zeichnen mit einer Menge Arbeit verbunden ist. Auf Knopfdruck sprudelt’s nur selten.

Apropos: Wie gehen die Künstler in Zeiten von Corona mit Cartoons um? Eine einheitliche Festlegung existiert nicht. Maren Amini sieht sich sehr wohl als gesellschaftspolitische Zeichnerin, meint in diesem Fall jedoch: „Damit der Kopf zur Ruhe kommt, lasse ich lieber die Finger davon.“ Im wahrsten Sinn des Wortes . „Es ist unser Job, so etwas zu machen“, sagt Til Mette. „Dafür sind wir da.“ Deutschland sei „groß genug für zwei Themen“. Außerdem: „Kritische Zeichnungen zu ernsten Themen können Trost spenden.“