Corona und Kultur

Zehntausende sehen Zuhause-Festival auf Instagram

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Tino Lange
Johannes Oerding gehörten zu den Künstlern, die beim  Zuhause-Festival auf Instagram zu sehen waren.

Johannes Oerding gehörten zu den Künstlern, die beim Zuhause-Festival auf Instagram zu sehen waren.

Foto: Michael Rauhe

Johannes Oerding, Michael Schulte, Lotte, Max Giesinger und andere spielten in ihren Wohn- oder Arbeitszimmern.

Hamburg.  Viele große Popstars fingen klein an, als sie sich singend vor ihre Webcam stellten oder ihre ersten Konzerte bei YouTube hochluden und dadurch entdeckt wurden: The Weeknd, Justin Bieber und auch Michael Schulte haben es so geschafft. Und jetzt, wo die Corona-Krise das Livemusik-Geschäft zum Erliegen gebracht hat, kehren mehr und mehr Künstler zurück ins Netz und streamen ihre Auftritte aus dem eigenen Wohnzimmer oder Proberaum live zu den Endgeräten ihrer Fans.

Und da Netz auch vernetzen bedeutet, tun sich am Sonntag gleich acht Sängerinnen und Sänger zusammen für das #wirbleibenzuhause-Festival auf Insta­gram: Mathea, Michael Schulte, Lotte, Nico Santos, Àlvaro Soler, Max Giesinger, Lea und Johannes Oerding spielen von 18 Uhr an jeweils eine halbe Stunde in ihren Wohn- oder Arbeitszimmern und geben den Staffelstab an den nächsten weiter. „Wir können nicht viel, aber wir können Musik machen“, so Johannes Oerding beim Telefon-Interview vor dem virtuellen Festival. Er wolle die Menschen zumindest eine halbe Stunde lang aus ihren Sorgen und Problemen holen.

Nico Santos hat mehr zu tun als bei einer normalen Tournee

Nico Santos, Sänger sowie Songschreiber und Produzent von Sido, Capital Bra, Lena und Helene Fischer, trug die Idee eines Insta-Festivals an Oerding heran, der Rest ergab sich aus den Kontakten der beiden. „Dass das Ding so eine Welle macht, hätte ich allerdings nicht gedacht. Ich habe derzeit mehr zu tun als bei einer normalen Tournee, obwohl ich meine Wohnung seit einer Woche nur einmal zum Einkaufen verlassen habe“, so Oerding.

Vor dem Abendblatt-Gespräch hatte er bereits 16 Telefoninterviews mit diversen Radiosendern absolviert. Klar, Streaming-Konzerte sind derzeit notgedrungen ein heißes Ding, und das Aufgebot von #wirbleibenzuhause ist mit populären Namen besetzt. Aber ob berühmt oder nicht, wo Musik ist, ist Leben und gemeinsames Erleben.

Viele virtuelle Herzen und positive Kommentare

Wenn Musik läuft, wohlgemerkt. Während um 18 Uhr ein Posaunist draußen auf einem Barmbeker Balkon als Teil der bundesweiten Aktion Beethovens „Ode an die Freude“ spielt, bleibt Matheas Instagram-Kanal still bei dem eigentlich für diese Zeit angekündigten Auftakt von #wirbleibenzuhause. Was ist los da in Wien bei der Sängerin, die vor einem Jahr in ihrer Heimat mit dem Lied „2x“ einen Nummer-eins-Hit landete? Die Lösung: Instagram-Livestreams funktionieren nur auf der Smartphone-App und nicht im Browser. Das wussten viele nicht, wie die Kommentare auf Instagram zeigen. Also fix auf die App wechseln zu Buxtehudes ESC-Star Michael Schulte.

Viele virtuelle Herzen und positive Kommentare fliegen ihm von den in der Spitze 44.000 Zuschauern zu, als er unter einer Dachschräge seine neue Single „Keep Me Up“ in der Akustikvariante spielt. Das Lied ist nicht übel als Gruß an Ed Sheeran, die Klangqualität hingegen eher bescheiden, aber das ist eben in den nächsten Wochen das Maximum an Live-Musikkultur. „Es sind schwierige Zeiten, aber wir kommen da zusammen durch, bleibt zu Hause“, verabschiedet sich Schulte und schaltet nach Berlin zu Lotte. Auch bei der seit drei Jahren und zwei Alben stetig populärer werdenden Songschreiberin ist eine Wohnzimmertapete der „Backdrop“, wie man bei Konzerten den Bühnenhintergrund nennt.

Einladung zum Videochat

„Schau mich nicht so an“, singt sie, aber Zehntausende schauen sie an, die Herzen, Applaus-Emojis und Likes fliegen nur so. Bei einem richtigen Konzert würde Lotte vielleicht jetzt einen Fan auf die Bühne bitten, auf Instagram hingegen lädt sie zum Videochat ein – die ersten beiden Eingeladenen lehnen aber ab. „Dann spiel ich eben noch einen Song.“

Ist das die Musikwelt der Zukunft? Keine Stromgitarren, keine gigantischen Bühnen, kein Feuerwerk, kein Krabbeln auf den Knien auf der Suche nach den Kontaktlinsen in der fünften Reihe mitten im Pogo-Kreisel bei den Toten Hosen, keine Bierduschen, kein Rock ’n’ Roll mehr? Stattdessen Lagerfeuerklampfen wie bei Àlvaro Soler, Max Giesinger und Lea oder Klavierklänge wie bei Nico Santos auf dem kleinen Handydisplay? Natürlich hat die Welt aktuell viel dringendere Probleme und Herausforderungen, aber auf lange Sicht wäre das keine schöne Vorstellung, wenn man sich für „richtige“ Konzerte begeistert.

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„Ich vermisse nicht nur den Applaus und die Energie, es wirken ja noch 50 weitere Menschen an meiner Musik mit, von der Band bis zum Tourbus-Fahrer, die jetzt nicht arbeiten können“, so Oerding. Stattdessen war im Vorfeld Alleingang angesagt, das fing schon beim Freiräumen von zwei Quadratmetern in seinem Musikzimmer an. Am Sonntagabend spielt er unter anderem „An guten Tagen“ und „Alles brennt“. Und er weiß: „Wenn das alles mal vorbei ist, wird das erste Konzert nach Corona wohl für jeden Menschen das beste Konzert seines Lebens werden.“ Man möchte glatt zum Kühlschrank gehen und sich eine Solo-Bierdusche gönnen. So als Ode an die Vorfreude.