Ausnahmezustand

Wie Hamburger Buchhandlungen Corona trotzen

Die Auszubildende Julie Hell belädt jetzt immer am späten Nachmittag ein Lastenrad mit Büchern, die sie Kunden nach Hause bringt.

Die Auszubildende Julie Hell belädt jetzt immer am späten Nachmittag ein Lastenrad mit Büchern, die sie Kunden nach Hause bringt.

Foto: Roland Magunia

Die Läden sind zu, der Verkauf geht weiter. Wer Lesestoff online ordert, kann dies lokal tun – bequem und solidarisch.

Hamburg.  Die Titel im Schaufenster der Ottenser Buchhandlung Christiansen sprechen Bände: „Heimweh nach einer anderen Welt“ von Ottessa Moshfegh steht dort zum Beispiel und das Sachbuch „1918 – Die Welt im Fieber“. Aber auch Graham Swifts Roman „Da sind wir“, der – wenn man den Titel nur leicht verändert – auch die Situation vieler lokaler Buchhandlungen in Hamburg ganz gut zusammenfasst: Wir sind da.

Auch jetzt, auch wenn der Laden geschlossen bleiben muss. „Die Telefone sind fast durchgehend in Betrieb“, sagt Sönke Christiansen, der das traditionsreiche Unternehmen seiner Familie („Bücher seit 1878“) am Spritzenplatz betreibt und froh ist, „dass unser Onlineshop so gut funktioniert“. Kunden, die da „nicht so affin“ seien, bietet Christiansen an, Bücher telefonisch zu bestellen und im Stadtteil zu liefern. Zwischen 16 und 18 Uhr schwingt sich die Auszubildende Julie Hell aufs Lastenfahrrad und steuert die Kunden an. Bücher und Rechnung kommen in eine Papiertüte und werden vor die Tür gestellt – maximale Distanz bei maximalem Service.

Buchhandlungen in Hamburg weisen auf ihre Onlineshops hin

Der Buchhändler als Buchbote – das ist in den kommenden Wochen und vielleicht auch Monaten die Devise in Hamburg. Die Buchhandlungen der Stadt wollen in Zeiten geschlossener Läden weiter für ihre Kunden da sein und nicht zuletzt im Geschäft bleiben. Auf ihren Webseiten, in den sozialen Medien und auf den Aushängen der analogen Buchhandlungen weisen derzeit alle auf ihre Onlineshops hin.

Kann ja nicht sein, dass wegen Corona nur noch Amazon Bücher verkauft. Punkten wollen (und können) viele lokale Anbieter mit direktem Kundenkontakt auch per Telefon und prompten Kurierdiensten, nach Möglichkeit sogar noch am selben Tag. „Wir merken, dass die Leute gerade mehr lesen“, erzählt Sönke Christiansen. Viele hätten sich regelrecht mit Lesestoff eingedeckt.

Hoffen auf Solidarität der Hamburger

Auch in sämtlichen Filialen der Buchhandlung Heymann werde derzeit hinter verschlossenen Türen gearbeitet, berichtet Geschäftsführer Christian Heymann: „Die Kunden bestellen nicht nur Bücher, sie fragen auch nach Lese-Empfehlungen, Ratgeberliteratur oder Büchern für die Beschäftigung des Nachwuchses.“

Der Gegner ist für die 1928 gegründete Buchhandlung Heymann wie stets leicht auszumachen – in diesen Zeiten noch deutlicher als sonst schon. Es ist eben nicht nur das Virus, es ist auch der internationale Versandhandel des Jeff Bezos. Weswegen Heymann, nicht ungeschickt, auch an das Gebot der Stunde appelliert. Die Solidarität nämlich. „Wir setzen darauf“, sagt Heymann, „dass die Hamburgerinnen und Hamburger sich mit dem lokalen Einzelhandel solidarisch zeigen und bei uns bestellen.“

Es gilt, Amazon auszustechen

Um Amazon auszustechen, schickt auch Heymann seine Mitarbeiter nun, falls die gewünschten Titel vorrätig sind, schnellstmöglich los. „Zu Fuß, per Fahrrad oder mit dem Mofa, auf diese Weise sind wir sogar noch schneller als die großen Versender“, sagt Heymann. Für Sozialdistanz soll dank bargeldloser Bezahlung und im Falle des Falles der Deponierung des Büchersacks einfach vor der Haustür gesorgt sein. Ähnliche Angebote machen auch Buchhandlungen wie Stories!, Cohen + Dobernigg und Felix Jud ihren Kunden. Sie alle wollen ab sofort telefonisch beraten und Bücher per Post oder per Kurier verschicken.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Sogar die Kinderbuchhandlung Knuffels, die zu den kleinsten Lektüreversorgern der Stadt gehören dürfte, arbeitet so. „Wir sind noch in der Findungsphase“, gesteht Dieter Lomp, seit zwölf Jahren Knuffels-Inhaber. „Aber im Moment läuft es. Auch dadurch, dass die Bücherhallen wegfallen, kaufen Eltern mehr für ihre Kinder.“ Manche winken ihm durchs Schaufenster, manche kaufen Gutscheine für später, „das ist ja wie ein zinsloses Darlehen.“ Aber das Einkaufsverhalten ändere sich, merkt Lomp an. Niemand kann ja kommen und stöbern, niemand kann etwas entdecken, von dem er noch gar nicht wusste, dass er es gern hätte. Spontankäufe fallen aus.

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Für die meisten Buchhandlungen ist das Digitalgeschäft ohnehin eine wirtschaftliche Notwendigkeit, jetzt umso mehr. Wie im Falle des gesamten Einzelhandels kann die Corona-Krise existenzbedrohend werden. Bei Heymann heißt es, dass der analog verloren gegangene Umsatz aufgefangen werden muss, „um länger durchzuhalten“. Wegen laufender Kosten kann es für etliche Buchhandlungen schnell düster werden, wenn die Umsätze ausbleiben.

Börsenverein bittet um Einrichtung eines Notfallfonds

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat die Bundesregierung deshalb um die Einrichtung eines Notfallfonds gebeten, um Buchhandlungen im Falle des Falles zu unterstützen. „Außerdem bittet der Verband die politisch Verantwortlichen zu prüfen, wie sie die Buchbranche dabei unterstützen können, die Grundversorgung der Bevölkerung mit Büchern auf lokaler Ebene zu gewährleisten, etwa durch gesundheitspolitisch vertretbare Ausnahmeregelungen“, heißt es in einer Pressemitteilung.

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Unterstützung kommt auch von den Verlagen. In Hamburg ist es beispielsweise Tim Jung, der Hoffmann-und-Campe-Verleger, der sich für die Buchgeschäfte starkmacht. Jung hält es für wichtig, „dass alle, die sich nun entsprechend mit Büchern eindecken, dabei an ihre lokalen Buchhändler denken, um unsere wunderbare Buchhandelslandschaft in Hamburg“ über die Krise hinaus zu erhalten“.