Corona-Folgen für Kultur

Große Sorgen in der freien Szene Hamburgs

Choreografin Jessica Nupen hat zwei Jahre an „The Nose“ gearbeitet. War jetzt alles umsonst?

Choreografin Jessica Nupen hat zwei Jahre an „The Nose“ gearbeitet. War jetzt alles umsonst?

Foto: Annette Stiekele

Für selbstständige Künstler brechen gleich mehrere Verdienstmöglichkeiten weg. Viele befinden sich in einer akuten Notsituation.

Hamburg.  Noch bis vergangene Woche probte die Hamburger Choreografin Jessica Nupen mit einem 45-köpfigen Team ihre bislang größte Produktion, die Tanz-Rap-Oper „The Nose“, die auf Kampnagel Premiere feiern sollte. Doch dann wurden die Nachrichten täglich schlechter, und am Donnerstag kam schließlich die Anordnung der Kulturbehörde, dass alle Stadttheater und damit auch Kampnagel im Angesicht der Corona-Pandemie zunächst bis Ende April den Betrieb einstellen müssen. „Das waren sehr grausame Tage“, sagt Jessica Nupen, die zwei Jahre auf die Premiere hingearbeitet hat. „Ich kam mir vor wie eine bewegliche Dartscheibe, die aus immer neuen Richtungen Pfeile abfangen muss.“

Mit einem Kernteam harrt sie nun weiter auf Kampnagel aus. Kümmert sich um Papierkram. Sucht nach Wegen, ihrem geschockten künstlerischen Team Bezahlung zu ermöglichen. Nach der Absage musste sie kurzfristig für 15 Künstlerinnen und Künstler Heimflüge nach Südafrika organisieren. Innerhalb von 24 Stunden saßen alle im Flugzeug. Sicherheit und Gesundheit gehen vor.

Stillstand durch Coronavirus trifft Hamburgs Kulturschaffende hart

Der durch das Virus bedingte Stillstand trifft Kulturschaffende hart. Stadttheater leiden unter Einnahmeverlusten, aber noch härter trifft es die vielen Selbstständigen der freien Szene, die sich derzeit einem doppelten Verdienstausfall gegenübersehen. Denn neben den abgesagten Vorstellungen schlagen vielfach auch die Schulschließungen zu Buche: Der Unterricht im darstellenden Spiel ist für viele Künstlerinnen und Künstler ein regelmäßiges zweites Standbein – Honorare, die jetzt ebenfalls ausbleiben. Zudem verfügen die wenigsten über Rücklagen, da sie auch in normalen Zeiten unter prekären Bedingungen arbeiten.

Matthias Schulze-Kraft, Leiter des Lichthof Theaters, das viele Produktionen der freien Szene zeigt, ist nur wenig besser dran. Er hat sich mit seinen Mitarbeitern erst einmal für zwei Wochen in häusliche Quarantäne begeben. Ein Mitglied eines künstlerischen Teams wurde Ende vergangener Woche positiv auf Covid-19 getestet. Der betroffene Künstler war zu Dreharbeiten nach München gereist, wo er Symptome entwickelte und sich nun ebenfalls in Quarantäne befindet, es gehe ihm aber gut, so Schulze-Kraft, der versucht, nach vorne zu blicken. „Man muss gucken: Was kann man absagen, was kann man verschieben, welche Regelungen sind mit den Künstlern zu treffen?“ Das Hauptproblem sei jetzt erst einmal, mit der Unsicherheit umzugehen.

Nupen hofft auf eine Uraufführung am 26. und 27. Mai

Jessica Nupen hat für „The Nose“ eine auch für die freie Szene außergewöhnliche Summe von 310.000 Euro eingeworben. Die Kulturstiftung des Bundes und zahlreiche Stiftungen sind involviert. Die Extrakosten für eine Wiederaufnahme der Proben, denn das Stück war ja noch nicht fertig, würden sich auf noch einmal ein Drittel der bisherigen Kosten belaufen. Noch hofft Nupen auf eine Uraufführung am 26. und 27. Mai beim koproduzierenden Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Aber, wer weiß schon, was dann sein wird?

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Die jüngste Absage betrifft das Festival der darstellenden Künste Hamburgs „Hauptsache Frei“, das eigentlich vom 31. März bis zum 4. April stattfinden sollte. Das Leitungsduo aus Julian Kamphausen und Susanne Schuster strickt derzeit an einem Modell, das zwar keine Aufführungen per Stream online präsentieren wird, aber die Inhalte der Produktionen transportieren und dem Netzwerkgedanken gerecht werden soll.

Akute Notsituation

Viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler befinden sich in einer akuten Notsituation. „Sie arbeiten in so unterschiedlichen Systemen, deswegen ist das Thema komplex, rechtlich kompliziert und sehr divers“, berichtet Barbara Schmidt-Rohr vom Dachverband freie darstellende Künste Hamburg e. V. Bei einem Treffen mit der Kulturbehörde haben das Netzwerkbüro des Dachverbandes und die Privattheater am Dienstag ihre akuten Nöte geschildert.

Coronavirus: Die Fotos zur Krise

Die einzige Instanz, die jetzt den Knoten lösen könne, sei die Kulturbehörde. „Zum einen geht es darum, dass alle Förderungen auch ausbezahlt werden“, so Barbara Schmidt-Rohr. „Außerdem handeln ja die koproduzierenden Theater Verträge mit den Künstlerinnen und Künstlern aus und sind bei höherer Gewalt wie in diesem Fall vertraglich nicht verpflichtet, die Gagen zu bezahlen. Wichtig wäre, dass laufende Produktionen, die gerade in Arbeit sind, jetzt bezahlt werden. Auch wenn sie verschoben werden müssen oder gar ganz entfallen.“ Flexibilität und unbürokratische Hilfe sei vonnöten.

Kultursenator Brosda stellt schnelle Hilfe in Aussicht

Für einige Kunstschaffende sei ein Verschieben keine Option. Ersatztermine stehen im Moment in den Sternen, und die Spielpläne der kommenden Saison sind teilweise schon fix. Theatermacher im Bereich der Kinder- und Jugendtheater seien noch schlechter gestellt, da sie häufig vom Touren leben und nun alle Auftritte wegbrechen. „Die aktuelle Situation verdeutlich nochmals, wie prekär die Leute arbeiten“, so Barbara Schmidt-Rohr. Schuld an der misslichen aktuellen Lage vieler Kunstschaffender sei auch die Logik des Fördersystems. „Wenn die Förderungen nicht für kurze, einzelne Projekte gestrickt wären, sondern für längere Zeiträume, hätten die Künstlerinnen und Künstler die Möglichkeit, finanzielle Löcher besser auszugleichen.“

Kultursenator Carsten Brosda (SPD) hat bereits schnelle unbürokratische Hilfe in Aussicht gestellt. „Alle freien Künstlerinnen und Künstler können sich darauf verlassen, dass Förderzusagen der Stadt bestehen bleiben, auch wenn die geplanten Produktionen jetzt nicht umgesetzt werden können“, so Brosda. Er appelliere auch an andere Fördereinrichtungen, ebenfalls in dieser Weise zu agieren.

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„Außerdem rate ich allen Künstlerinnen und Kreativen, die gerade zu Recht Sorge haben, sich über die bestehenden Hilfsangebote der Grundsicherung für Selbstständige zu informieren. Dort gibt es schnelle Hilfe, die aktuell vom Bund noch einmal an die Lage angepasst wird.“ In Berlin und Hamburg arbeite man mit Hochdruck an Notfallfonds, mit denen bei besonderen Härten unbürokratisch geholfen werden soll.