Covid-19

Wie Hamburgs Kultur mit der Corona-Quarantäne umgeht

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Maike Schiller und Stefan Reckziegel
Der Aushang in der fürs Thalia Theater typischen Schrift sagt es: Hier spielt vorerst niemand.

Der Aushang in der fürs Thalia Theater typischen Schrift sagt es: Hier spielt vorerst niemand.

Foto: Roland Magunia

Kultursenator sucht mit Vertretern der Staatstheater und der privaten Bühnen nach schnellen Hilfen wegen Einnahmeausfällen.

Hamburg.  In der Kultur ist es wie im normalen Leben: Nichts geht über ein gutes persönliches, offenes Gespräch. Auch in der Krise. In der Corona-Krise ist indes auch das schwierig, wenn nicht sogar unmöglich – zumindest dann, wenn eine Gruppe hätte zusammenkommen sollen. So wie am Montag in der Behörde für Kultur und Medien an den Hohen Bleichen. Das Schild am Eingang spricht Bände: Es weist darauf hin, wegen des Virus von Besuchen abzusehen und sich im Zweifel per E-Mail zu melden. Oder eben in besonderen Fällen zu telefonischen Gruppen-Gesprächen.

Senator Carsten Brosda (SPD) hatte zwar zahlreiche Theater-Intendanten mit einem persönlich unterzeichneten Schreiben zum „Gespräch über die Auswirkungen von Covid-19“ für den Nachmittag geladen. Wegen der „dynamischen Entwicklung“, so Sprecher Enno Isermann, entschied sich die Behörde jedoch am Vormittag, separate telefonische Schaltkonferenzen abzuhalten – erst mit Vertretern der Staatstheater, danach mit jenen der Privattheater und der Freien Szene Hamburgs. Und was die etwa 20 zugeschalteten Theatervertreter nach dem jeweils mehr als einstündigen Austausch von Brosda hörten, machte ihnen Hoffnung, dass sie die existenzbedrohenden Wochen, eventuell sogar Monate ohne Auftritte und Einnahmen überstehen können.

Probenbesprechungen über Video-Chat

„Es war eine konstruktive Bestandsaufnahme“, sagte Corny Littmann, der Chef von Schmidt, Tivoli und Schmidtchen. Ohnsorg-Intendant Michael Lang hält Brosda sogar „für den besten Anwalt, den sich die Hamburger Kultur vorstellen kann“. Und Thalia-Intendant Joachim Lux fand es gut und richtig, dass Brosda im Gespräch mit ihm und seinen Kolleginnen Karin Beier (Schauspielhaus) und Amelie Deuflhard (Kamp­nagel) den Bereich Sprechtheater als eigenes Thema behandelte. „Uns ist klar, dass auch wir unseren Beitrag leisten müssen“, sagte Lux.

Doch obwohl ein Schild am Eingang des Thalia Theaters die Einstellung des Spielbetriebs bis 30. April verkündet, war die Kasse (anders als im Schauspielhaus und an der Staatsoper) bis Montagabend noch besetzt, das Kundenzentrum derweil geschlossen.

Aber den Produktionsbetrieb einstellen? Das wollte Lux am Montag noch nicht. „Arbeit ist ja auch Sinnstiftung“, meinte der Intendant. Der Regisseur Antú Romero Nunes probte den ganzen Tag lang auf der Großen Bühne „Ode an die Freiheit“, sein Kollege Jan Bosse trifft sich an diesem Dienstag mit seinem Team. Erst dann wird entschieden, ob und wie geprobt werden kann. Thalia-Regisseurin Charlotte Sprenger hat ebenfalls mit der Arbeit an „Opening Night“ begonnen, ihre Probenbesprechungen finden über Video-Chat statt.

Ohnsorg-Ensemble zum Textlernen nach Hause geschickt

Auch am Schauspielhaus wurde am Montag noch geprobt: Hier sind es die Regisseure Michael Thalheimer („Quai West“) und Alexander Riemenschneider („Idomeneus“), die noch arbeiten, ebenso wie die Backstage-Gruppen der Theaterpädagogen. „Das kann sich natürlich, wie im Moment in allen Bereichen des Lebens, täglich ändern“, sagte Sprecher Wolfgang Kaldenhoff.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Im Ohnsorg liefen die Proben für „Dat Füerschipp“ – die plattdeutsche Adaption von Siegfried Lenz’ „Das Feuerschiff“ sollte 12. April Premiere feiern – bis zum Wochenende. Diese Woche hat Chef Lang das Ensemble zum weiteren Textlernen nach Hause geschickt.

Schnell verfügbare Hilfsangebote

Dass den Schauspielern, aber auch den Mitarbeitern vor und hinter den Kulissen geholfen werden muss, ist Carsten Brosda bewusst. „Zum einen, um jetzt alle möglichst vor einer Infektion zu schützen, und zum anderen, um die Auswirkungen für die Kultur und Kreativwirtschaft, die angestellten und freischaffenden Künstlerinnen und Künstler so gering wie möglich zu halten.“

Deshalb wies der Senator bei den Telefonschalten zunächst auf bestehende, schnell verfügbare Hilfsangebote wie Kurzarbeitergeld und die Kredite der KfW hin. Außerdem sollen die Theater die konkreten Bedarfe der Häuser ermitteln, damit die Behörde möglichst zielgenau, schnell und unbürokratisch helfen könne. Brosda: „Wir sind dabei, eigene weitere Instrumente zu entwickeln.“

Ein Modell könnte darin bestehen, dass Privattheater, die bereits Zuschüsse von der Kulturbehörde erhalten, diese im Vorgriff auf das Haushaltsjahr 2020/21 bekommen, um Engpässe zu überbrücken. Das jedoch kann Brosda nicht allein verfügen, das wäre Sache der Hamburgischen Bürgerschaft.

Brosda will weiter den Austausch suchen

Schwieriger sieht es für Bühnen aus, die weder institutionelle noch Projektförderung erhalten wie das Imperial Theater, die Komödie Winterhude und die Schmidt-Bühnen. Allein für die sechs Wochen bis Ende April nannte Littmann einen Bedarf von 2,2 Millionen Euro – im gleichen Zeitraum des Vorjahres hatten seine Theater 1,65 Millionen Euro erwirtschaft. Bei der kurzfristig kreierten Live-Show „Schmidtflix – Die Streaming-Show“ heute aus dem Schmidtchen (20.15 Uhr, www.tivoli.de) wird Littmann erst mal als „Sidekick“ dabei sein.

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Carsten Brosda will weiter den Austausch suchen – auch, aber nicht nur mit den Theaterleuten. „Je mehr wir wissen, umso besser können wir helfen. Unser Ziel ist es, dass alle, vom staatlichen Theater über die private Bühne und den Musik-Club bis zu den Künstlerinnen, Künstlern und Kreativen, möglichst gut durch diese Zeit kommen. Das wird für alle eine besondere Kraftanstrengung.“