Aufgeblättert

Leselust: Die Liebe in ihren vielen Variationen

Sex ist oft super. In der Literatur. Und im Leben. Diese Autoren haben sich dem Thema auf kluge Weise genähert. Lesungen in Hamburg.

Hamburg. Sex ist natürlich meistens super. In der Literatur. Und im Leben. Wer ab den 1980ern am Westberliner Bahnhof Zoo ankam, entdeckte dort mit etwas Glück eine ältere Dame mit einem handgemalten Schild, „Ficken ist Frieden“ stand auf der einen Seite, „Ficken ist wichtig“ auf der anderen. Katja­ Lewina eröffnet ihr Buch mit dieser Begegnung und setzt so ein erstes Signal, wohin sie mit „Sie hat Bock“ (Dumont, 224 Seiten, 20 Euro), ihrem Rundgang durch den sexpositiven Feminismus, möchte: zu einem selbstbewussten Eintreten für sexuelle Selbstbestimmung, das keinen Gedanken darauf verschwendet, sich lächerlich zu machen.

Es ist schön, dass Lewina weitergeht, dass sie Sexualität auch als nicht nur angenehmes Erlebnis beschreibt, dass sie andeutet, wie unser Verhältnis zum Sex etwas sagt über unser Miteinander und letztlich über die Gesellschaft als Ganzes. Dass sie schließlich die Dame am Bahnhof Zoo aus ihrer selbst gewählten Sonderlingsrolle befreit, indem sie erwähnt, dass es sich hier um Helga Goetze handelte, 2008 gestorbene Künstlerin und Aktivistin. Gleichzeitig rennt Lewina aber mit ihrer Körperbegeisterung offene Türen ein. Dabei wäre die interessantere Frage, weswegen öffentliche Moral und Schamhaftigkeit es schaffen, diese Türen immer wieder zu schließen. Diese Frage stellt das mehr Lifestyle-Journalismus als echte Analyse sein wollende Buch aber nicht.

Die Protagonistin in Olivia Wenzels „1000 Serpentinen Angst“ (Fischer, 349 Seiten, 21 Euro) hat viel Sex. Expliziten, fantasievollen, wahllosen Sex. Sex, der ihr Halt gibt in ihrer Achterbahnfahrt zwischen Identitätskonzepten: als Schwarze. Als Ostdeutsche. Als queerer Mensch. Als Deutsche, die in den USA die Wahl Trumps erlebt und so in einen Albtraum aus Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit stürzt. Wenzel schreibt atemlos, über weite Strecken in Dialogen – dass die Mittdreißigerin vom Theater kommt, ist offensichtlich, man kann sich „1000 Serpentinen Angst“ gut auf einer Bühne vorstellen. Als Roman funktioniert der kluge, vielschichtige Text aber auch. Wenzel stellt ihn am 12. Mai (20 Uhr) in der Buchhandlung Lüders (Heußweg 33) vor.

Der schönste Moment einer Beziehung ist, wenn die Beziehung anfängt, sich alles noch in der Schwebe befindet. Frank Berzbach beschreibt in „Die Schönheit der Begegnung“ (Eisele Verlag, 192 Seiten, 20 Euro) „32 Variationen über die Liebe“: Boy meets Girl, und dann entwickelt sich da was, immer wieder von Neuem (und hin und wieder entwickelt sich auch nichts, das ist dann halt so). Aufgebaut ist der Text wie ein Musikstück, und einen gewissen kunsthandwerklichen Charakter kann man Berzbachs stilistisch tadelloser Fingerübung nicht absprechen, nur: Spätestens ab der zehnten Variante des Kennenlernens, Umkreisens und Sich-Findens hat man das Konzept auch verstanden. Zumal der in Köln und Hamburg lebende Autor einen nicht ganz unwichtigen Aspekt von Beziehungen seltsam verschämt ausspart: den Sex. Dabei ist Sex doch meistens super. Berzbach liest am 18.3. (20.30 Uhr) bei Cohen & Dobernigg (Sternstraße 4) .