Bühne

Immer mehr Erwachsene begeistern sich für das Figurentheater

Regisseurin und Figurenbauerin Cora Sachs mit einem ihrer großen Werke in ihrem Atelier.

Regisseurin und Figurenbauerin Cora Sachs mit einem ihrer großen Werke in ihrem Atelier.

Foto: Roland Magunia

Die Arbeiten von Cora Sachs liegen im Trend. Sie baut Puppen und inszeniert fürs Junge Schauspielhaus.

Hamburg.  Ein kleines, freundliches Atelier im Hamburger Stadtteil Eilbek. Stoffteile, Nadeln und Pinsel auf dem Schreibtisch, in einer Ecke zwei Masken. Die eine mit Schiffermütze, die andere mit Fusselbart. Mit ihren sanft ausgepolsterten Gesichtern wirken sie geradezu menschlich. Vor dem Schreibtisch ist ein Kopf aus Stoff aufgenäht, dem noch Haare, Kopfbedeckung und Ohren fehlen. Cora Sachs, Regisseurin und Figurenbildnerin, zieht ihm Fransenfrisur und Mütze über. Fertig ist „ein Kind“.

„Der Körper setzt ja immer eine Grenze, physikalisch und biologisch. Figuren, Puppen und Objekte erweitern den Blick“, sagt Sachs. „Sie sind nicht mehr gekoppelt an den lebendigen, mimischen Schauspieler. Über Abstraktion können sie Dinge erzählen, die platt wirken würden oder nicht darstellbar wären.“ Damit biete Figurentheater die Chance einer genaueren Erzählweise. „Jeder Finger ist wichtig, was oft vergessen wird, wenn man über Sprache und Mimik geht“, sagt sie. „In der Körperarbeit mit Schauspielern kann man Figuren viel intensiver erarbeiten.“

Die Bremer Bühne Cipolla erhielt den Bleibtreu-Preis

Derzeit spürt Cora Sachs einen Aufwind in der Figurentheater-Szene, der sich an vielen Stellen beobachten lässt – insbesondere auch am Erfolg von Produktionen für ein erwachsenes Publikum. So spielte Nikolaus Habjans „F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig“ beim Hamburger Theater Festival zuletzt im restlos ausverkauftem St. Pauli Theater.

Und die Bühne Cipolla aus Bremen hat gemeinsam mit dem Theater Duisburg, dem Metropol Ensemble und Schaulust e. V. dank der Edgar-Allan-Poe-Adaption „Der Untergang des Hauses Usher“ 2019 den Monica Bleibtreu Preis in der Kategorie „(Moderner) Klassiker“ bei den Privattheatertagen gewonnen. Wegen der großen Nachfrage kehrt die zwischen Figuren- und Maskenspiel wechselnde Inszenierung vom 11. März an für fünf Termine an die Hamburger Kammerspiele zurück. Beide Stücke belegen vor allem die Kraft des Figurentheaters, auf der Bühne unaussprechliche Dinge zu erzählen, die einen Schauspieler schnell an seine Grenzen brächten.

Ihre Figuren alter Menschen haben etwas Berührendes

Auch Cora Sachs ist Teil dieser Erfolgsgeschichte. Die im Eilbeker Atelier entstehende Kindmaske wird Teil des Stückes „3 heben ab“ von Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel, das am 15. März im Jungen Schauspielhaus Premiere feiert. Es ist nach längerer Pause Sachs’ erste Arbeit am Stadttheater. Überwiegend ist Sachs, Jahrgang 1986, in der Freien Szene unterwegs. Und das sehr erfolgreich. Ihre für Kinder wie für Erwachsene entwickelten Arbeiten, die sich an der Grenze von Schauspiel, Tanz, Musik und Figurentheater bewegen, erhalten Preise, Förderungen und sind regelmäßig ausverkauft.

Viel Aufsehen hat ihre bezaubernde Produktion „Wenn wir tanzen, summt die Welt“ über ein mehr als 80 Jahre altes Ehepaar, Erinnerung und Abschied erregt. Als Anerkennung dafür gab es 2018 den Rolf-Mares-Preis als herausragende Inszenierung. Insbesondere ihre oft surreal geformten Figuren alter Menschen haben etwas ausgesprochen Berührendes. Auch der Schildkrötenwagen des alten Huber aus „Schöner warten auf Herrn Huber“ ziert ihr Atelier. Er sei zu schade, um ihn auf den Dachboden in den stetig wachsenden Fundus zu verbannen.

Sie sammelt Beobachtungen

Wie aber kommt sie auf solche, mitunter herrlich absurde Ideen? „Ich sammle Beobachtungen. Wie Leute sich bewegen. Skurriles auf der Straße oder in der U-Bahn“, sagt Cora Sachs lachend. „Eigentlich schreibt das alles das Leben. Das kann ich mir gar nicht ausdenken.“

Ihre Begeisterung für Figuren wurde früh geweckt. Als Kind nahm ihr Großvater sie immer zu den Pole-Poppenspäler-Tagen nach Husum mit. Schon als junges Mädchen stand für sie fest, dass sie Kostümbild und Regie verbinden wollte, beides hat sie später in Hamburg studiert. In der Kombination aus Regie, Kostüm- und Figurenbild hat sie die Möglichkeit, verblüffende eigene Welten zu kreieren. Träumerische, surreale, fantastische oder auch skurrile.

Wenn eine neue Produktion ansteht, erkundet Cora Sachs zunächst die Ausgangslage. Was wird für den Inhalt benötigt? Bei „3 heben ab“ mischt sie Sprechtheater mit Figurentheater. „Drei Kinder stellen sich vor, sie wären gefangene Tiere in einem Pappkarton. Als Fruchtfliege, Leuchtkäferin und Frosch verarbeiten sie im gemeinsamen Spiel ihre Erfahrungen mit der Außenwelt: Existenzialismus, Gender-Debatte, Vegetarismus“, so Sachs. „Das muss man erst mal verstehen. Aus dieser Spiel-Fantasie entstehen spannende, liebenswerte Figuren zwischen Tier und Mensch.“

Jede Maske ist maßgefertigt

Wie die Inszenierung entstehen die Figuren nach und nach. Jede Maske, jedes Kostüm ist maßgefertigt. Auch die Schauspieler lieben die Verkleidung als Erweiterung ihrer Möglichkeiten. Sie schätzen es, dass sie unter dem Stoff – anders als unter Latex – nicht schwitzen.

Der Aufwind des Figurentheaters freut auch Dörte Kiehn vom 1988 gegründeten Arbeitskreis Hamburger Puppen- und Figurentheater, dem auch Cora Sachs angehört. „Aus unserer Sicht hat sich das sehr positiv entwickelt. Anfangs waren wir beim Jugendamt angesiedelt, inzwischen wird das Figurentheater als Kunstform begriffen. Man hat die Möglichkeit, Schattenbilder, Fantasien und Träume lebendig werden zu lassen, bei denen der Mensch an seine Grenze kommt.“ Inzwischen stehen dem Figurentheater auch alle Projekt-Fördermittel der Kulturbehörde zur Verfügung.

Insgesamt sei noch Luft nach oben, findet Cora Sachs, es fehle an Nachwuchs, die Szene sei auf Produzieren in kleinem Rahmen und anschließendes Touren durch Kitas und Schulen ausgelegt. Dass in Hamburg Privat- und Stadttheater wie das Monsun Theater oder das Junge Schauspielhaus ihre Häuser zunehmend für das Figurentheater öffnen, ist ein Gewinn für die Künstler – vor allem aber für die Zuschauer.

„Der Untergang des Hauses Usher“ Mi 11. 3., 20.00, bis 1.4., Hamburger Kammerspiele, Hartungstraße 9–11, Karten unter T. 413 34 40

„3 heben ab“ für Kinder von 6 bis 10 J., Premiere Fr 13.3., 19.00, Junges Schauspielhaus/ Große Probebühne, Kirchenallee 39, Karten unter T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de