Diskussion

Kann Musik die Zersplitterung der Gesellschaft aufhalten?

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Marcus Stäbler

Im Körberforum diskutierten Experten aus ganz Europa über die Chancen und die Grenzen der Musikvermittlung

Hamburg. Unsere Gesellschaft zerfällt zusehends in einzelne Gruppen, Interessenblasen und Lebenswelten, die immer weniger miteinander zu tun haben. Eine gefährliche Entwicklung. Kann Musik dazu beitragen, diese Zersplitterung aufzuhalten und einen neuen Gemeinschaftssinn zu stiften? Das war eine der zentralen Fragen beim Symposium „The Art of Music Education“, das jetzt zum siebten Mal stattfand und auf Einladung von Körber-Stiftung und Elbphilharmonie Musikvermittlerinnen und Musikvermittler aus ganz Europa zu einem dreitägigen Branchentreff im Körberforum versammelte.

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda hat zur Hauptfrage des Symposiums eine klare Meinung. Die viel zitierte Vorstellung von Kunst als „Kitt der Gesellschaft“ sei für ihn „grandioser Unsinn“, wie er am Eröffnungstag sagte: „Kunst darf zerreißen. Kunst darf kaputtmachen. Kunst darf spalten, Kunst darf irritieren. Kunst darf uns wehtun. Aber Kunst hat nicht die Aufgabe Dinge zusammenzuführen.“

Ernüchterndes Fazit

Mit dieser Ansicht war Brosda nicht alleine. Auch Stefanie Carp, Intendantin der Ruhrtriennale, beschwor das Subversive der Kunst, und der ehemalige Bundestagspräsident Norbert Lammert verwehrte sich ebenfalls strikt dagegen, Musik und Kunst eine bestimmte Aufgabe, eine Verwertung zuzuweisen. Fazit: Kunst hat zwar sehr viel Sinn, aber eben keinen konkreten Zweck.

Die Gespräche und Beiträge von Brosda, Lammert und Carp beeindruckten mit ihrer gedanklichen Klarheit, berührten allerdings das besondere emotionale und kommunikative Potenzial der Kunstform Musik nur am Rande und ließen so eine wichtige Perspektive außer Acht.

Die Begegnung mit Musik anderer Kulturen kann ja sehr wohl dabei helfen, Fremdheiten abzubauen, besser zu verstehen und als bereichernd zu empfinden, das hat etwa das Elbphilharmonie-Festival „Salam Syria“ von 2017 wunderbar gezeigt. Dass die Freiheit der Kunst im Körber-Forum so vehement verteidigt wurde, ist kein Zufall – schließlich wird sie von den Feinden einer offenen Gesellschaft derzeit vermehrt angegriffen. Gerade Parteien von rechtsaußen behaupten gern ein vermeintliches Neutralitätsgebot der Kunst, das es gar nicht gibt.

„Wie viel Politik verträgt das Konzert?“

„Wie viel Politik verträgt das Konzert?“ lautete dann auch eine weitere zentrale Frage des Symposiums. Vor dem Konzert eine Rede halten und danach Musik spielen als wäre nichts gewesen: Das hält etwa Tobias Rempe, Geschäftsführer des Ensemble Resonanz, für aktionistisch. Trotzdem könne man sich in Anbetracht der aktuellen Themen nicht heraushalten, betonte Rempe und benannte ein konkretes Beispiel – als das Ensemble Resonanz vor ein paar Jahren ein Programm unter dem Motto „Heimathafen“ geplant hatte und zwei Wochen vor dem Konzert Geflüchtete aus Lampedusa in Hamburg ankamen.

„Dann denkt man sich, was machen wir denn jetzt? Das geht ja nicht, dass wir Musik zum Thema „Heimathafen“ aufführen und uns gar nicht zu diesem aktuellen Geschehen verhalten. Wir waren dann in der St. Pauli-Kirche, als die Menschen schon im Kirchenasyl waren und haben sie ins Konzert eingeladen.“

Wie dringend nötig so ein Branchentreff zum Thema der Musikvermittlung ist, belegte eine Analyse der Musikforscherin Esther Bishop. Sie hat die Studienrealität an deutschen Musikhochschulen untersucht und festgestellt, dass es in den sogenannten berufsfeldorientierten Fächern wie der Musikvermittlung zwar viele exzellente Angebote gibt, dass diese Angebote aber durch das Bachelor-Punktesystem und durch die interne Gewichtung an vielen Hochschulen noch immer die vierte oder fünfte Geige im Prioritätenkonzert spielen.