Mohammad Rasoulof

Goldener Bär für Hamburg – Regisseur darf nicht dabei sein

| Lesedauer: 7 Minuten
Ein Goldener Bär für Hamburg: Das Drama "Es gibt kein Böses" des im Iran festgehaltenen Wahl-Hamburgers Mohammad Rasoulof wurde auf der Berlinale ausgezeichnet. Seine Tochter Baran nahm den Goldenen Bären für ihn entgegen.

Ein Goldener Bär für Hamburg: Das Drama "Es gibt kein Böses" des im Iran festgehaltenen Wahl-Hamburgers Mohammad Rasoulof wurde auf der Berlinale ausgezeichnet. Seine Tochter Baran nahm den Goldenen Bären für ihn entgegen.

Foto: Thomas Niedermueller/Getty Images)

"Es gibt kein Böses" wurde mit dem Goldenen Bären gekürt. Doch der Regisseur Mohammad Rasoulof wird im Iran festgehalten.

Hamburg. Eigentlich sollte es sein Moment sein. Der iranische Regisseur Mohammed Rassulof, der seit 2012 in Hamburg lebt, hat einen politischen Film über die Todesstrafe in seinem Land gedreht. „Es gibt kein Böses“ heißt das Episodendrama, das bei der Berlinale den Goldenen Bären gewinnt. Als Jurypräsident Jeremy Irons die Entscheidung verkündet, fehlt Rassulof jedoch: Er darf den Iran derzeit nicht verlassen.

Stattdessen nimmt seine Tochter Baran, die in Deutschland lebt, die Auszeichnung entgegen. Sie sei überwältigt und glücklich und gleichzeitig sehr traurig. „Denn dieser Preis ist für einen Filmemacher, der heute nicht hier sein kann“, sagt sie in Berlin. „Dieser Preis ist für ihn.“

Hamburgs Kultursenator: Welt schaut weiter auf Rasoulof

Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD) betonte, dass die Auszeichnung unterstreiche, "wie politisch der Film und die Berlinale sind". Brosda sagte: "Hoffentlich kann Mohammed Rasoulof den Bären bald selbst in die Hände nehmen. Ich hoffe sehr, dass er möglichst schnell wieder aus dem Iran in seine Wahlheimat Hamburg ausreisen darf." Der Preis zeige, dass die Welt weiter auf Rasoulof schaut und man sein Werk und seine Gedanken nicht wegsperren kann. "Die Auszeichnung erinnert uns daran, wie fragil die Freiheit der Kunst ist und wie sehr wir auf sie achten müssen", so der Kultursenator.

Rassulof über das Handy nach Berlin zugeschaltet

Rassulof gehört wie sein Kollege Jafar Panahi („Taxi Teheran“) zu den Filmemachern, die in ihrer Heimat immer wieder Probleme haben. Beide waren nach Protesten gegen die Präsidentschaftswahlen 2009 verurteilt worden. Derzeit steht eine neue Strafe im Raum. Rassulofs Reisepass wurde ihm abgenommen, er sitzt aber nicht im Gefängnis. Nach Berlin wurde er am Sonnabendabend über das Handy zugeschaltet.

"Mit dem Goldenen Bären für Mohammad Rasoulof hat die Berlinale-Jury einen herausragenden Film von einem der relevantesten Regisseure unserer Zeit geehrt". sagte auch Helge Albers, Geschäftsführer der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein. Sie habe aber auch ein wichtiges Zeichen gesetzt – für die Kunstfreiheit und gegen die Unterdrückung unabhängiger Filmschaffender. "Wir wollen, dass Rasoulof bald zurück nach Hamburg kehren kann und hoffen, dass er künftig ohne Einschränkungen seiner Arbeit nachgehen darf", so Albers.

Mohammed Rassulofs „Es gibt kein Böses“ – vier Geschichten

Mohammed Rassulofs „Es gibt kein Böses“ („Sheytan vojud nadarad“), eine deutsch-tschechisch-iranische Koproduktion, erzählt nicht eine, sondern vier kurze Geschichten. Zunächst begleitet man einen liebevollen Familienvater dabei, wie er sich um seine alte Mutter sorgt. Er erscheint als durchschnittlicher Zeitgenosse. Doch dann stellt sich heraus: Seine Arbeit ist es, nachts im Gefängnis – per Knopfdruck – Hinrichtungen zu vollziehen.

Wie in dieser ersten Episode sind in allen die Grenzen zwischen Gut und Böse fließend. Dabei geht es aber immer um eine Frage: Entscheiden sich Menschen – unter oft extremen Bedingungen – für oder gegen das Gute? Beispielsweise ein junger Wehrdienstleistender, der ein Todesurteil vollstrecken soll. Darf er eine andere Person bezahlen, damit die an seiner Stelle die Schuld auf sich nimmt?

Spannungen im Iran zwischen Filmemachern und Behörden

Der Film sei gleichzeitig „sanft und verheerend“, sagte der diesjährige Jurypräsident und Oscar-Preisträger Jeremy Irons. Der Augenblick, in dem ein Fuchs davoneile, ein Auto auf der Straße liegenbleibe, ein Mann seiner Frau die Haare färbe: Vier Geschichten, die zeigten, welches Netz autoritäre Regime zwischen Menschen weben würden, um sie zur Unmenschlichkeit zu zwingen. „Ein Film, der Fragen über unsere Verantwortung und Entscheidung im Leben stellt.“

Seit Jahrzehnten herrschen im Iran zwischen Filmemachern und Behörden große Spannungen. Drehbücher müssen im Kultusministerium abgenommen werden. Auch nach Ende der Dreharbeiten muss die Aufführung des Films genehmigt werden. Manche Szenen etwa zwischen Mann und Frau, die in Deutschland gängig wären, sind nicht erlaubt.

Rassulof: Vier Produktionen von vier Regisseuren angemeldet

Auch Rassulof dürfte offiziell eigentlich nicht drehen, er schafft es mit Unterstützung seines Teams aber trotzdem. Details dazu will das Filmteam in Berlin nicht verraten. Dem „Tagesspiegel“ sagte Rassulof, sie hätten vier Produktionen von vier Regisseuren angemeldet. Bei Kurzfilmen schaue die Zensur nicht so genau hin.

Die Situation iranischer Filmemacher ist auf der Berlinale immer wieder Thema. Das Festival hatte zum Beispiel 2011 mit einem besonderen Moment an Jafar Panahi erinnert: Weil der seinen Platz in der Jury nicht einnehmen konnte, blieb der Stuhl leer. Mit seinem heimlich gedrehten Film „Taxi Teheran“ gewann er 2015 trotzdem den Goldenen Bären – ebenfalls in Abwesenheit.

US-Abtreibungsdrama gewinnt den Großen Preis

Zwei weitere Favoriten des Festivals gewannen Hauptpreise: das US-Abtreibungsdrama „Never Rarely Sometimes Always“ den Großen Preis der Jury und die französische Satire „Effacer l’historique“ (Den Verlauf löschen) den einmaligen Bären „70. Berlinale“. Und dass der Italiener Elio Germano zum besten Darsteller für seine Leistung im Künstlerdrama „Hidden Away“ gekürt werde, hatten Experten schon am zweiten Berlinale-Tag prophezeit. Auch der deutsche Film durfte triumphieren. Als beste Schauspielerin wurde Paula Beer („Bad Banks“) für ihre Titelrolle in Christian Petzolds „Undine“ ausgezeichnet. Der Silberne Bär für eine Einzelleistung ging an den legendären Kameramann Jürgen Jürges für seine Arbeit an Ilya Krhzhanovskiys „Dau. Natasha“. Auch wenn der Film selbst bei Kritik und Publikum eher Ratlosigkeit hervorgerufen hatte.

Die Berlinale 2020 war nicht nur ein Jubiläumsfestival, sondern auch ein Neustart. Die ersten Filmfestspiele unter der neuen Doppelspitze mit Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek und Programmleiter Carlo Chatrian. Vor allem an Letzterem wurden hohe Erwartungen geknüpft. Er sollte es anders machen als sein Vorgänger Dieter Kosslick. Der hatte zwar das Festival zu einem allumfassenden Stadt-Event ausgebaut und Stars wie Zaungäste mit seiner guten Laune beglückt, mit der Auswahl seiner Filme jedoch oft kein glückliches Händchen bewiesen.

Nun liefen auf der 70. Berlinale im Wettbewerb Filme, von denen man 80 Prozent auch bei Dieter Kosslick gesehen hätte. Vom Hauptsieger aus dem Iran einmal abgesehen gab es kaum politische Filme, die Diskussionsthemen setzten. Stattdessen viel Kunstgewerbliches. Und die wenigen Stars, die Chatrian auf den roten Teppich locken konnte, kamen überwiegend für die schlechtesten Festivalfilme: „Siberia“ und „The Roads­ ­Not Taken“.

( dpa/HA/zdr )