Literatur

Ein Psychogramm der ostdeutschen Gesellschaft

Die Autorin Daniela Krien

Die Autorin Daniela Krien

Foto: imago stock

Der Diogenes Verlag bringt Daniela Kriens Erzählungsband „Muldental“ neu heraus. Keine beruhigende Geschichte.

Hamburg. Die Mulde ist ein kleiner Fluss in Sachsen und Sachsen-Anhalt, der bei Dessau in die Elbe mündet. Die Leipziger Autorin Daniela Krien beschrieb die Menschen an diesem Fluss in ihrem bereits 2014 erschienenen Erzählungsband „Muldental“: den Künstler, dessen Leben daran zerbricht, dass seine Frau sich einst mit der Stasi eingelassen hatte. Die beiden jungen Frauen, die unbedingt ein Stück vom Kuchen haben wollen, weswegen sie sich mehr oder weniger professionell als Sexarbeiterinnen versuchen, ohne zu merken, dass sie für diesen Job nicht geschaffen sind. Den Handwerker, der seinen Job verliert und daraufhin im Alkohol versinkt.

Keine glückliche Gegend, dieses Muldental, das bei Krien ein der Welt entrückter Ort ist, vergessen, vernachlässigt. Mit den tatsächlichen Gegebenheiten des breit durchs Flachland fließenden Gewässers hat das Beschriebene wenig zu tun, Kriens Mulde zeichnet sich dadurch aus, dass sie einen Ort bezeichnet, der nicht genau lokalisierbar ist und der durch seine Randlage beschrieben wird: Hier wird man in Ruhe gelassen, aber hier hat man auch keine großen Entwicklungsmöglichkeiten.

Verletzung und Frustration

Dass die Stasi im Muldental auftaucht, ist eher überraschend, dass die Leute ihr Geld zusammenhalten müssen, weniger. All das beschreibt die Autorin nüchtern, distanziert, mit Sinn für Empathie, der die ganz schlimmen Wendungen ausblendet: Als einer der Verlorenen sich in suizidaler Absicht die Schlinge um den Hals legt, bricht der Text ab, ein traumatisches sexuelles Erlebnis wird nur angedeutet.

Ursprünglich ist „Muldental“ beim Münchner Graf Verlag erschienen, der 2015 seine Arbeit einstellte. Es ist gut, dass der Diogenes Verlag die zehn Geschichten neu veröffentlicht, die wegen ihrer unspektakulären Zurückhaltung eigentlich prädestiniert wären, in Vergessenheit zu geraten: Es ist gut, weil Krien hier etwas erzählt über Klassenverhältnisse, darüber, wie die Deklassierten leben und wie sich in ihnen nach und nach eine destruktive Sehnsucht aufbaut. Im Grunde erstellt die Autorin hier ein Psychogramm der ostdeutschen Gesellschaft, in all ihrer Verletzung und ihrer Frustration.

Ja, „Muldental“ ist Heimatliteratur, aber beschrieben wird eine Heimat, in der Fremdenhass schwärt und Sozialneid, eine Heimat, in der Pegida und überdurchschnittliche Wahlergebnisse für Rechtsextreme Alltag sind. Keine beruhigende Geschichte.