Porträt von Gerhard Gundermann

Ein DDR-Sänger, der auch im Westen fasziniert

Der Liedermacher Gerhard Gundermann wurde 1955 in Weimar  geboren. Er starb  1998 in Spreetal.

Der Liedermacher Gerhard Gundermann wurde 1955 in Weimar geboren. Er starb 1998 in Spreetal.

Foto: picture-alliance

Regisseur Andreas Dresen über den Helden seines Films „Gundermann“ und das Konzert im Deutschen Schauspielhaus.

Hamburg.  Als im Mai vergangenen Jahres die Deutschen Filmpreise vergeben wurden, sahnte ein Werk ganz groß ab. Gleich sechs Lolas gingen an „Gundermann“, das warmherzige Porträt des gleichnamigen DDR-Liedermachers, der auch Baggerführer im Braunkohletagebau war. Inszeniert hat ihn Andreas Dresen, Regisseur so erfolgreicher und hoch gelobter Filme wie „Halt auf freier Strecke“, „Wolke 9“ und „Sommer vorm Balkon“. Mit den Songs aus dem Film und noch einigen Liedern mehr treten Dresen, Hauptdarsteller Alexander Scheer und Band am 3. März im Schauspielhaus auf.

Hamburger Abendblatt: Warum kommt dieses Konzert erst jetzt, fast anderthalb Jahre nachdem der Film in den Kinos startete?

Andreas Dresen: Wir haben den Film damals bereits bei einigen Premieren mit der Band begleitet, übrigens auch im Abaton. Die Musik kam immer sehr gut an, und dann gab es viele Nachfragen, ob wir nicht auch unabhängig vom Film Konzerte spielen wollen. Das war für uns überraschend, aber offenbar gibt es ein Bedürfnis, die Lieder von Gundermann live zu hören. Seitdem hat sich das ein bisschen verselbstständig. Wir spielen in diesem Jahr 15 Konzerte, teilweise auch in relativ großen Locations. Es ist natürlich ein Geschenk, dass wir diese Lieder jetzt in die Welt tragen dürfen.

Der Film hat ein Kunststück geschafft. Menschen, die Gerhard Gundermann vorher schon kannten, konnten ihn wiederfinden, die anderen konnten ihn neu entdecken. Haben Sie eine Erklärung, warum dieser Spagat gelungen ist?

Dresen: Letztlich wohl, weil sich in seiner Persönlichkeit eine universale Geschichte spiegelt. Es war natürlich unser Wunsch, ihn als Künstler bekannt zu machen. Über seinen manchmal widersprüchlichen Charakter kann man aber auch etwas über die Komplexität des Lebens in der DDR erfahren. Das erstarrt in der öffentlichen Darstellung sonst ja oft in Klischees.

Er hatte zweifellos viel Poesie an Bord, war aber nicht mit besonders viel Humor ausgestattet, oder?

Dresen: Ich habe ihn persönlich leider nicht kennengelernt. Humor war aber wohl nicht so seine Stärke, er ist eher ein leidenschaftlicher Kämpfer gewesen. Doch in seinen Texten gibt es durchaus auch ironische Repliken.

Gundermanns Grab ist für einige Fans zu einer Art Wallfahrtsort geworden. Wie finden Sie das?

Dresen: Schön! Man sucht ja so einen Ort, um mit jemandem, der einem etwas bedeutet, zu kommunizieren. Das ist im Umgang mit dem Tod etwas ganz Wichtiges, man führt eine Art Zwiegespräch mit dem Verstorbenen. Eigentlich braucht es dazu natürlich keine Friedhöfe. Gundermanns Grab in Hoyerswerda muss man ganz schön lange suchen. Fans legen dort Briefe und kleine Andenken ab. Nach einem unserer Konzerte im Hunsrück hat mir ein Paar aus Frankfurt am Main erzählt, Gundermann durch den Film erst kennengelernt zu haben. Sie haben dann ihren gesamten Jahresurlaub in der Lausitz verbracht und waren auch am Grab. Verrückt, was?

Der Mensch steht in Ihrem Film im Mittelpunkt, aber Sie haben auch grandiose Bilder vom Braunkohlebergbau eingefangen. Dieses Thema war im deutschen Kino bisher ziemlich unterrepräsentiert.

Dresen: Ja, leider, wie generell die Arbeitswelt, finde ich. Die Tagebau-Landschaft ist schrecklich, archaisch und erhaben zugleich. Man versteht Gundermanns Poesie besser, wenn man weiß, dass er dort gearbeitet hat. Er hat in seinem Bagger über dieser Mondlandschaft gesessen und dort seine Lieder geschrieben. Dabei fand er es furchtbar, solche Wunden in die Landschaft zu schlagen, denn in seinem Herzen war er ein Grüner. Aber er wusste eben auch: Wenn er da nicht die Kohle abbaggert, gehen die Lampen aus. Das war ein großer Widerspruch.

Davon hat es mehrere gegeben. Was Politik anbetrifft, war er Opfer und Täter, hat auch für die Stasi gearbeitet. Wie hat er das alles unter einen Hut bekommen?

Dresen: Das sind die Widersprüche, in die sich ein Mensch verstrickt, wenn er sich so stark einbringt. Gundermann hat sich ja nicht rausgehalten aus gesellschaftlichen Konflikten. Er war ein Kämpfer, der die Auseinandersetzung in der DDR und auch in der Zeit danach nicht gescheut hat. Wenn man sich so einmischt, holt man sich schnell eine blutige Nase. Der Schritt zum Verrat ist oft nur ganz klein. Das ist bis heute wohl so.

Es gibt im Film eine kleine Szene, in der Gundermann bei einem Konzert im Backstagebereich Bob Dylan begegnet. Das ist fiktiv, oder?

Dresen: Er hat tatsächlich als Vorband bei Dylans Konzerten gespielt. Fiktion ist, dass sie miteinander gesprochen haben, denn der Amerikaner war immer sehr abgeschirmt. Gundermann hat auch mit Joan Baez gespielt, die im Gegensatz dazu ganz kommunikativ und offen war. Die Szene mit Dylan hat meine Drehbuchautorin Laila Stieler erfunden. Er sagt da, dass Springsteen für ihn der Größte ist. Er war wirklich ein Riesen-Fan vom Boss, und wir spielen im Konzert auch einen Cover-Song, zu dem er den deutschen Text geschrieben hat.

Zu welchem?

Dresen: „Racing In The Streets“. Bei ihm heißt er „Europa“ und klingt, als sei er für die Gegenwart geschrieben.

Zurzeit läuft die Berlinale. Ist das für Sie eher Pflicht oder Kür?

Dresen: Ich bin ihr aufs Engste verbunden. Meine Filme sind dort im Forum, im Panorama und im Wettbewerb gelaufen. Ich war in der Kurzfilm- und der Hauptjury. Ich gehe da immer wieder gern ins Kino. Es ist toll, dass sich die Filmszene der Welt bei mir um die Ecke trifft, denn ich wohne ja in Potsdam. Gerade bin ich in der Vorbereitung für einen neuen Film und kann mich mit potenziellen Geldgebern und Kollegen treffen. Sie sind fast alle da.

Worum geht es in Ihrem neuen Filmprojekt?

Dresen: Ich werde wohl viel in Norddeutschland unterwegs sein, denn die Geschichte spielt überwiegend in Bremen. Murat Kurnaz kommt von dort und hat fünf Jahre unschuldig in Guantánamo eingesessen. Wir wollen die Geschichte seiner Mutter Rabiye und des Anwalts Bernhard Docke erzählen. Beide haben Murat über fünf Jahre hinweg freigekämpft. Dafür haben sie unter anderem den US-Präsidenten vor dem Supreme Court verklagt und gewonnen. Das muss man erst mal schaffen. Es wird eine Geschichte über die Kraft der Schwachen und darüber, dass man nicht immer sagen sollte: Ich kann ja eh nichts tun. Man kann!

Alexander Scheer, Andreas Dresen & Band spielen „Gundermann“ Di 3.3., 20.00, Schauspielhaus, Karten ab 25,-. Das Zeise zeigt am Sonntag, 1.3., um 11 Uhr den Dokumentarfilm „Gundermann Revier“ über den Musiker.

Der Film „Gundermann“ (Pandora Film), 123 Min., o. A., ist auf DVD erhältlich und kostet ca. 13,-. Alexander Scheer ist am 29.2. und 1.3. in „Lazarus“ im Schauspielhaus zu sehen.