Große Gala

Hamburg: Kulturstiftungsabend mit klarer Anti-AfD-Haltung

| Lesedauer: 4 Minuten
Falk Schreiber
Hamburgische Kulturstiftung hatte zur Überraschungsgala ins Hansa-Theater geladen. Die Band Refugato spielte entspannte Reggae-Songs.

Hamburgische Kulturstiftung hatte zur Überraschungsgala ins Hansa-Theater geladen. Die Band Refugato spielte entspannte Reggae-Songs.

Foto: Maxim Sergienko

Deutliche Statements gegen Rassismus bei der Gala im Hansa Theater, die Spenden in Höhe von 30.000 Euro zusammenbrachte.

Hamburg.  „Willkommen im KitKat-Club!“, begrüßt St.-Pauli-Theater-Intendant Ulrich Waller das Publikum. Was passt, weil die Hamburgische Kulturstiftung zur mittlerweile zehnten Überraschungsgala ins Hansa-Theater geladen hat; auf dieser Bühne läuft aktuell Wallers Inszenierung des Musicals „Cabaret“, und das spielt in ebenjenem fiktiven KitKat-Club. Allerdings gibt die Begrüßung auch den dunklen Ton des Abends vor: „Cabaret“ beschreibt den Vorabend der nationalsozialistischen Machtübernahme, die ausgelassene, fröhliche Stimmung übertüncht einen Tanz auf dem Vulkan. Und ist das das richtige Ambiente für eine Gala?

Waller findet schon: „Wieviel Haltung braucht ein Künstler, wenn er Unterhaltung macht?“, fragt er, und Kulturstiftungs-Vorstand Gesa Engelschall nimmt den Ball dankend auf. Dass die AfD bei der Bürgerschaftswahl am Vorabend sich nur knapp über die Fünf-Prozent-Hürde geschleppt habe, sei zwar schön, aber kein Grund zur Beruhigung, erklärt Engelschall.

Hamburgische Kulturstiftung: „Gegen Rassismus Hetze"

Die Freiheit der Kunst nämlich sei weiterhin gefährdet, und da würde die Hamburgische Kulturstiftung mit Macht dagegenhalten: „gegen Rassismus, Hetze, jede Form von Ausgrenzung!“ Und so ist auch die Förderpraxis des vergangenen Jahres eine, die der AfD kaum gefallen dürfte: 142 Initiativen wurden mit über 900.000 Euro unterstützt, multikulturelle Projekte, Arbeiten mit Jugendlichen aus sozial benachteiligten Stadtvierteln, Kunst, die sich nicht in ein Schema pressen lässt. „Bewegend, ans Herz gehend, humorvoll, schräg“, beschreibt Engelschall das Programm, von dem ein kleiner Ausschnitt im Hansa-Theater präsentiert wird.

Ein bunter Abend ist das, im besten Sinne: Die Schüler Hakim Teptoup und Piet Jeske lesen Prosatexte, Sarya Rahman Ahmed ein Gedicht ihrer Schwester Sahar. Die Jugendlichen vom Mandolinenorchester Sol spielen nahöstliche und griechische Volkslieder sowie den US-Protestsong „We Shall Overcome“, was den grenzenlosen Charakter der Musik hübsch unterstreicht. Und die aus Geflüchteten zusammengesetzte Gruppe Refugato spielt ein Reggae-Set.

Große Gala mit Trickfilm, Jazz und Klassik

Aber es soll ja nicht nur entspannt zugehen, sondern auch schräg, laut Engelschall. Wofür der Auftritt der Band FrontMan steht. „Es wird rockig!“ kündigt die TV-Journalistin Kirsten Rademacher (die mit klug gesetzten Spitzen durch den Abend führt) die Band an, aber was dann folgt, ist ganz und gar nicht rockig – FrontMan ist ein Projekt der Choreografin und Tänzerin Juliana Oliveira, in dem die klassische Rockstarperformance dekonstruiert wird, wild, campy, aggressiv, vor allem aber völlig tonlos.

Außerdem zu sehen: Der reizende Trickfilm „Von Piraten und Prinzessinnen“ des Kinderprojekts Wir machen die Welle, ein Kurzkonzert von Michel Schroeder (Trompete) und Marie Bender (Harfe) zwischen Jazz und Klassik. Sowie eine Kostprobe aus „Cabaret“: Hauptdarstellerin Anneke Schwabe singt zwei Songs aus dem Musical, unprätentiös, ironisch, im schwarzen Overall, der jeden falschen Glamour verneint.

Hannelore Hoger liest Siegfried Lenz

Die schon vielfach gefeierte Theatergruppe Die Azubis präsentiert einen Ausschnitt aus ihrem Stück „Das Böse“. Das Publikum muss Fragen zur eigenen Anfälligkeit fürs Böse beantworten: Hat man schon einmal jemanden geschlagen? (Wenige.) War man seinem Partner schon mal untreu? (Einige.) Glaubt man, das Kunst die Welt positiv verändern kann? Dass diese Frage von der großen Mehrheit bejaht wird, macht jedenfalls Hoffnung.

Zum Abschied liest Hannelore Hoger Siegfried Lenz’ kurze Erzählung „Das unterbrochene Schweigen“ – ohne Gage, die Lesung ist ihre Spende an die Kulturstiftung, während das Publikum insgesamt 30.000 Euro beiträgt. Und auch ansonsten beweist die 77-Jährige, dass sie zurecht als coolste Socke der deutschsprachigen Schauspielkunst gilt: „Hamburg!“ betritt sie mit erhobener Faust die Bühne, „Habt ihr nicht toll gewählt?“ Zu wenig Haltung jedenfalls kann man diesem Abend nicht vorwerfen.