Bühne

Rosemarie Wohlbauer ist mit 82 noch zu jung für Oma-Rollen

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Stefan Reckziegel
Rosemarie Wohlbauer vor ihrer Bücherwand. Ihre Zweizimmerwohnung ist ihr Kreativzentrum.

Rosemarie Wohlbauer vor ihrer Bücherwand. Ihre Zweizimmerwohnung ist ihr Kreativzentrum.

Foto: Roland Magunia

Die Schauspielerin spricht „Hanni und Nanni“ und „Die drei ???“. Nun gibt sie ihr eigenes Programm – über Kurt Weill und Lotte Lenya.

Hamburg.  Sie in ihrer Wohnung anzutreffen ist nicht selbstverständlich. Nicht nur, weil Rosemarie Wohlbauer viermal pro Woche in ein großes Eimsbütteler Fitnesscenter geht. „Aber nur in geführte Kurse wie Rückengymnastik“, sagt sie. Allein Geräte, das wäre ihr „zu langweilig“. Klar, dass sie die Treppen in den dritten Stock locker schafft.

Für Rosemarie Wohlbauer ist das Fitnessprogramm indes kein bloßes Hobby, es ist Teil ihrer Berufsauffassung. Ihre fast 83 Jahre sieht man der Schauspielerin nicht an, aus ihr sprechen jedoch sechs Jahrzehnte Berufserfahrung. Schon in den 50er-Jahren habe sie „alles gefressen, was damals an Theaterstücken rausgekommen ist“, erzählt die in Hamburg geborene Österreicherin. Ihre Ausbildung absolvierte sie an der Hochschule für Musik und Theater von 1959 bis 1962 unter dem legendären Schauspiel-Professor Eduard Marks.

Rosemarie Wohlbauer hat eine lange Vita

Ihre Vita ist lang. Gewiss, Film- und Fernsehrollen waren und sind auch darunter, in den frühen 1990ern eine feste in der ZDF-Serie „Unsere Hagenbecks“, später ein paarmal im ARD-„Großstadtrevier“. Doch Rosemarie Wohlbauer sagt: „Ich bin mehr Bühnen-Schauspielerin als Film- und Fernseh-Darstellerin.“ Dazu kommt ihre Tätigkeit als Sprecherin für den Europa-Hörspiel-Verlag. Als Internats-Direktorin Frau Theobald hat sie in der „Hanni und Nanni“-Reihe eine feste Rolle, ihre Stimme kennen Millionen. Rosemarie Wohlbauer steht auf, holt aus dem Bücherregal im Wohnzimmer eine Vinyl-LP: „Die Zeitreisende“ aus der „Die drei ???“-Reihe. 2018 sprach sie in jener Folge der Krimi-Serie die Titelrolle – die Hülle ist noch versiegelt.

Schon damals war bei der Schauspielerin, die im gesamten deutschsprachigen Raum gespielt hat und Mitte der 60er-Jahre sogar in Süd- und Mittelamerika, der Entschluss gereift, endlich ein eigenes Projekt auf die Bühne zu stellen. Dank eines Buchgeschenks stieß sie auf die Briefwechsel von Kurt Weill und seiner Ehefrau Lotte Lenya: „Sprich leise, wenn du Liebe sagst.“ Aus Anlass des 120. Geburtstages des in Dessau geborenen US-amerikanischen Komponisten am 2. März führt Wohlbauer den literarisch-musikalischen Abend am Wochenende gleich zweimal in der Komödie Winterhude auf. Dafür hat sie den Schauspieler Frank Roder und die Pianistin Nadja dan Bernhardt gewonnen.

Unterricht beim US-Vocal-Coach John Lehman

In ihrem Wohnzimmer stimmt sie das Lied „Berlin im Licht“ an. Rosemarie Wohlbauer weiß, was sie singt. Und dass sie mit dem Kollegen Roder den Zuschauern die ungewöhnliche Liebes- und Emigrations-Geschichte eines Mannes aus jüdisch-traditionellem Elternhaus mit einer Schauspielerin aus einfachen Wiener Verhältnissen von 1926 bis 1950 behutsam näherbringen muss. Wohlbauer: „Es waren zwei extreme Menschen, die da aufeinanderprallten.“

Dass sie in Weills und Bert Brechts „Die Dreigroschenoper“ vor gut 25 Jahren die Rolle der Mrs. Peachum gespielt und gesungen hatte, damals am Landestheater Schleswig-Holstein, kommt ihr zugute. „Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ ist auch Teil ihres Projekts. Hätte Rosemarie Wohlbauer aber nicht stimmlich an sich gearbeitet, wer weiß, ob sie noch so aktiv wäre: Sie nahm Unterricht beim US-Vocal-Coach und Gesangsdozenten John Lehman, einem Wahlhamburger. Dadurch entdeckte sie Musical und Chanson für sich.

Mit 68 zu „jugendlich-vital“

Vor Rückschlägen bewahrte sie das nicht. 2005 etwa erhielt sie vor der Uraufführung des Udo-Jürgens-Musicals „Ich war noch niemals in New York“ im Hamburger Operettenhaus von der Stage Entertainment eine Absage für die Rolle der alten Mutter Maria. Begründung: Sie sei zu „jugendlich-vital“. Damals war Rosemarie Wohlbauer 68.

Stattdessen spielte sie von 2008 an fünf Jahre lang in der Schmidt-Theater-Erfolgsproduktion „Villa Sonnenschein“ den Ex-Schlager-Star Carlotta von Pörtschach. Ironie der Geschichte: Bereits 2010 bekam sie einen Anruf von der Stage, ob sie nicht die Maria in „Ich war noch niemals in New York“ spielen könne. Der Regisseur habe gewechselt. Wohlbauer konnte – später. Sie füllte die Rolle dann in Zürich und bis 2017 zwei Spielzeiten lang auf Tournee aus.

Touren macht ihr bis heute Spaß

Das Touren macht ihr bis heute Spaß. Bedingung: „Ein Hotel sollte immer bei der Gage dabei sein.“ Bei längeren Theater-Gastspielen wie in Bern oder Zürich habe sie auch selbst eine möblierte Wohnung gemietet, sagt sie.

„Wir Alten fallen seltener aus.“ Das habe viel mit Disziplin zu tun. „Wir kommen zur Not auch mit dem Kopf unterm Arm“, sagt sie – und lacht. „Ich bin ein altersloser Typ. Für die Werbe-Oma komme ich nicht infrage.“ Auch im realen Leben ist sie keine Oma. „Ich habe eine brauchbare Rente und bin dankbar, dass ich keine körperlichen Einschränkungen habe.“ Stichwort: Eigenverantwortlichkeit. „Der Schauspielerberuf“, weiß sie, „ist ja oft auch ein unsicherer.“

„Sprich leise, wenn du Liebe sagst“ Sa 29.2., 19.30, So 1.3., 18.00, Komödie Winterhude/Kl. Saal, Hudtwalckerstr. 13, Karten zu 23,-