Hamburg

Schauspielhaus-Inszenierung schafft es in die Top Ten

Theatertreffen in Berlin: Die Inszenierung „Anatomie eines Suizids“ von Katie Mitchell, die im Oktober Premiere feierte, vertritt Hamburg beim Schaulaufen der „bemerkenswertesten Inszenierungen“ (Archivbild).

Theatertreffen in Berlin: Die Inszenierung „Anatomie eines Suizids“ von Katie Mitchell, die im Oktober Premiere feierte, vertritt Hamburg beim Schaulaufen der „bemerkenswertesten Inszenierungen“ (Archivbild).

Foto: Stephen Cummiskey

Mit „Anatomie eines Suizids“ ist Hamburg beim Berliner Theatertreffen vertreten. Das sind die ausgewählten zehn Stücke.

Hamburg. Es ist ein guter Tag für die Theaterstadt Hamburg mit einem doppelten Erfolg bei der Auswahl zum Berliner Theatertreffen 2020. Eine Inszenierung und eine Koproduktion sind mit dem Prädikat „bemerkenswert“ gemeinsam mit acht weiteren Arbeiten aus dem deutschsprachigen Raum aus insgesamt 432 Inszenierungen zur Bestenschau eingeladen.

Katie Mitchells technisch anspruchsvolle Version von Alice Birchs düsterem Depressions-Reigen „Anatomie eines Suizids“ am Deutschen Schauspielhaus konnte die siebenköpfige Fachjury ebenso überzeugen wie Anta Helena Reckes „Die Kränkungen der Menschheit“, das an den Münchner Kammerspielen herauskam, aber von Kampnagel, dem HAU Hebbel am Ufer und dem Künstlerhaus Mousonturm mitproduziert wurde.

Berliner Theatertreffen: Das sind die ausgewählten Top Ten

  • „Anatomie eines Suizids“ von Katie Mitchell, Deutsches Schauspielhaus Hamburg
  • „The Vacuum Cleaner“ von Toshiki Okada, Münchner Kammerspiele
  • „Der Menschenfeind“ von Anne Lenk, Deutsches Theater in Berlin
  • „Hamlet“ mit Sandra Hüller („Toni Erdmann“), Schauspielhaus Bochum
  • „Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn“ von Regisseurin Helgard Haug und dem Rimini Protokoll
  • „Die Kränkungen der Menschheit“ von Anta Helena Recke
  • "TANZ. Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ von Choreografin Florentina Holzinger
  • „Der Mensch erscheint im Holozän – Ein Visual Poem nach Max Frisch“ vom Schauspielhaus Zürich
  • „Eine göttliche Komödie. Dante < > Pasolini“ vom Residenztheater München
  • „Süßer Vogel Jugend“ vom Schauspiel Leipzig

Einladung ist weiterer Erfolg für Intendantin Karin Beier

Die britische Regisseurin Mitchell, die schon die Uraufführung von „Anatomie eines Suizids“ am Londoner Royal Court Theatre verantwortete, erzählt in einem starken Formexperiment anhand der Geschichte dreier Frauen aus drei Generationen von der Weitergabe eines Vermächtnisses, für das hier stellvertretend die Krankheit Depression steht. 60 Szenen, von denen immer drei gleichzeitig zu sehen sind, sind dabei eindrucksvoll ineinander verwoben. In den Hauptrollen glänzen Julia Wieninger, Gala Othero Winter und Sandra Gerling.

„Katie Mitchell inszeniert das kunstvoll komponierte Stück als feinnervigen Abend über den Schmerz, am Leben zu sein, und den Versuch, die eigene Existenz in den Griff zu bekommen“, heißt es in der Jurybegründung. Dabei entsteht ein inhaltlich wie formal herausforderndes Tryptichon der Traurigkeit. Die Struktur sei „nicht nur klug vorgegeben, sondern meisterhaft gelöst“, hieß es auch in der Abendblatt-Premierenkritik. Verflechtung, Präzision und Simultanität sind beachtlich. „Es bleibt aber auch eine formale Spielerei. Während die als kunstvolle Übung beeindruckt, bewirkt sie doch eine Distanz. Irritierend. Und womöglich in all der Düsternis ein Segen.“

Die Einladung ist ein weiterer Erfolg für Karin Beiers Schauspielhaus-Intendanz und zeigt erneut, dass es sich auszahlt, auch auf weniger leicht konsumierbare Theaterkost zu setzen. Mit der britischen Regisseurin Katie Mitchell, die für ihre technische Präzision mindestens ebenso bekannt ist wie für eine Unerbittlichkeit des Erzählens und die Wahl feministischer Stoffe, verbindet Beier eine langjährige Zusammenarbeit.

Erstmals ging die Hälfte der Einladungen an Frauen

Für eine feministische Lesart steht auch die junge Regisseurin und Theateraufsteigerin Anta Helena Recke. In ihrer Bühneninstallation „Die Kränkungen der Menschheit“, die Anfang März auf Kamp­nagel gastiert, hinterfragt sie in einem Glashaus-Setting die von Sigmund Freud einst benannten Kränkungen: die Erde ist nicht Mittelpunkt des Universums, der Mensch stammt vom Affen ab, und er kann sein Unterbewusstsein nicht kontrollieren. Hinzu kommt bei ihr die Vorstellung von einer Menschheit, die christlich, weiß und europäisch ist.

Es gibt an der Theatertreffen-Auswahl wenig zu bemängeln. Sie ist in mehrerlei Hinsicht überlegt und ausgewogen. Erfreulich ist die Entwicklung, Regisseurinnen endlich stärker wahrzunehmen – die Jury selbst hatte sich eine Geschlechterparität auferlegt. Und so stammt erstmals in der Geschichte des Theatertreffens die Hälfte der zehn Einladungen mit Katie Mitchell, Anne Lenk, Anta Helena Recke, Claudia Bauer und Florentina Holzinger von anerkannten Künstlerinnen. Man kann hier aber nicht hämisch von einem Quotenbonus sprechen. Alle diese Regisseurinnen sind weithin für die Qualität und Risikofreude ihrer Arbeit und für starke Handschriften anerkannt.

Auch freie Stücke unter den Theater-Top-Ten

Eine erfreuliche Vielfalt herrscht bei den gewürdigten Theaterformen auch jenseits der beiden Hamburger Arbeiten. Klassisches Schauspiel ist mit Anne Lenks „Der Menschenfeind“ vom Deutschen Theater Berlin, Antonio Latellas „Eine göttliche Komödie. Dante<>Pasolini“ vom Residenztheater München, Johan Simons’ „Hamlet“ vom Schauspielhaus Bochum“ und Claudia Bauers „Süßer Vogel Jugend“ vom Schauspiel Leipzig stark vertreten.

Aber auch freie, eher performative, experimentelle Theatercollagen und sogar eine Choreografie erwiesen sich als einladungswürdig. Rimini Protokoll überzeugte erneut, diesmal mit der Koproduktion „Chinchilla Arschloch, waswas. Nachrichten aus dem Zwischenhirn“, Alexander Giesche mit „Der Mensch erscheint im Holozän“ vom Schauspielhaus Zürich, Toshiki Okada mit „The Vacuum Cleaner“ von den Münchner Kammerspielen, und auch die in großer Koproduktion entstandene Performance „Tanz. Eine sylphidische Träumerei in Stunts“ der auch regelmäßig auf Kampnagel gastierenden Florentina Holzinger fährt nach Berlin.

Berliner Theatertreffen: 1. bis 17. Mai „Anatomie eines Suizids“ wieder am 28.2., 20.00, 8.3., 18.00, 26.3., 20.00, am Schauspielhaus, Karten unter T. 24 87 13 „Die Kränkungen der Menschheit“ wieder 5.-7.3., jew. 20.00, Kampnagel, Karten unter T. 27 09 49 49