Kino

"Ich wollte immer schneller spielen, als ich es konnte"

Ina Weisse, 51, Schauspielerin und Regisseurin. Ihr aktueller Film konnte schon in viele Länder verkauft werden.

Ina Weisse, 51, Schauspielerin und Regisseurin. Ihr aktueller Film konnte schon in viele Länder verkauft werden.

Foto: imago stock / imago images/CordonPress

In ihrer zweiten Spielfilm-Regie geht Ina Weisse in "Das Vorspiel" an Grenzen. Der Film wurde schon in zahlreiche Länder verkauft.

Hamburg.  In den deutschen Kinos scheint die Zeit des Musizierens angebrochen zu sein. Vor wenigen Wochen erst startete Jan-Ole Gersters „Lara“, in dem Corinna Harfouch eine Mutter verkörpert, die wieder Kontakt zu ihrem Pianisten-Sohn aufnehmen möchte. Jetzt greift Nina Hoss in „Das Vorspiel“ zur Geige. Sie spielt eine ehrgeizige Frau, eine Lehrerin, die ein junges Nachwuchstalent unterrichtet, dabei vom Ehrgeiz zerfressen wird und auch noch ihren eigenen Sohn vernachlässigt. Auch in ihrer Ehe gibt es Probleme. Sie droht plötzlich sowohl als Ehefrau, Mutter, Musikerin und als Pädagogin zu scheitern. Aber sie kämpft.

Regie führt Ina Weisse. Wie immer in ihren Filmen ist glatten Oberflächen nicht zu trauen, fast überall lauert Gefahr. Es geht in „Das Vorspiel“ auch um Selbsttäuschung, Demütigung, Missverständnisse, Erziehung und den Umgang mit Macht. Das ist eine Menge Holz, doch Weisse hat eine Hauptdarstellerin, auf die sie sich verlassen kann, die sogar immer besser wird, wenn die Seelenlandschaft zerklüfteter ist.

„Mit Nina Hoss zu arbeiten war ein großes Vergnügen. Sie hat so viele Nuancen, während sich ihre Figur zwischen Sensibilität und Grausamkeit bewegt“, sagt Weisse, und sie muss das wissen, ist sie doch selbst eine gefragte Schauspielerin, die bereits drei Deutsche Fernsehpreise und einen Grimme-Preis gewonnen hat. Eine starke Hauptfigur braucht natürlich einen ebenbürtigen Partner. Die Wahl der Regisseurin fiel auf den Franzosen Simon Abkarian. Und die Entscheidung für ihn fiel schnell. „Bei einem ersten Essen mit Nina und Simon wirkten beide vertraut miteinander, ich konnte sie mir gut als Paar vorstellen.“

Regisseurin Ina Weisse hat 13 Jahre lang selbst Geige gespielt

Anna Bronsky, die Hoss spielt, ist eine Frau, die zwischen mehreren Polen zerrieben zu werden droht. Das liege auch am Sujet, sagt Weisse. „Der Beruf des Musikers steckt ja voller Widersprüche. Wenn man spielt, muss man zugleich vorausdenken, man muss sich vergessen und zugleich kontrollieren.

Die Geschichte hat sich dadurch herauskristallisiert, dass uns verschiedene Aspekte dieser Figur interessiert haben: ihre Suche nach dem Absoluten, ihre Unerbittlichkeit sich selbst gegenüber und gleichzeitig ihre Unsicherheit. Ihr Anspruch an sich selbst ist groß, aber auch gleichzeitig ihre Angst zu scheitern. Ihr Druck steigert sich im Laufe der Geschichte, wenn sie ihren Schüler immer mehr zu Höchstleistungen antreibt. Es geht ihr um den Jungen, aber letztlich geht es ihr um sich selbst.“

Und die Regisseurin weiß, wovon sie spricht. In diesem Film kann man wieder einen Bezug zu ihrer eigenen Erfahrungswelt herstellen. Das war schon bei ihrem Regiedebüt „Der Architekt“ der Fall. Weisses Vater hat in diesem Beruf gearbeitet. Und mit Streichinstrumenten kennt sie sich ebenfalls aus. Hoss lernte für ihre Rolle Geige zu spielen, Weisse brauchte das nicht mehr. „Ich habe 13 Jahre lang Geige gespielt. Mit sechs Jahren habe ich angefangen und dann bis zum Abitur weitergespielt. Ich war auch in einem Orchester. Als Kind mochte ich die Stücke mit hohem Tempo, ich wollte immer schneller spielen, als ich es konnte. Das Presto aus der 1. Sonate von Bach, das der Schüler übt, stand schon lange fest. Auch die Chaconne von Bach, das Stück, das Nina übt. Anders ist es beim Cello-Konzert, das am Ende des Films gespielt wird. Hier habe ich nach einem Stück gesucht, das nicht das Ende des Films interpretiert.“

Film ist schon in zahlreiche Länder verkauft worden

Doch auch wenn sie schon viel über das Instrument wusste, hat Weisse bei den Dreharbeiten Neues gelernt. „Der echte Geigenlehrer unseres Geigenschülers sagte: Geige spielen ist wie singen. Das Instrument ist dann wie die Verlängerung des menschlichen Körpers.“

Wie bei fast allen anspruchsvollen Arthouse-Filmen war auch hier die Finanzierung nicht leicht. Das änderte sich, als Margaret Ménégoz, die Produzentin der Filme von Michael Haneke, mit ins Boot kam. „Unser Buch lebt von Dingen, die zwischen den Zeilen stehen, sie sind nicht immer gleich offensichtlich und dadurch vielleicht auch nicht sofort zugänglich. Mein Produzent Felix von Boehm kannte Margaret Ménégoz und gab ihr das Buch. Sie las es und wollte es machen. Das war unser großes Glück. Durch sie kam Arte France und dann auch Arte Deutschland mit dazu.“

Und der Erfolg gibt ihr recht. Der Film ist schon in zahlreiche Länder verkauft worden, unter anderem nach Frankreich, Spanien, die USA, in die Benelux-Länder, Finnland, Schweden, Dänemark, England und Schottland.

Beim Filmfest Hamburg stellten Nina Hoss und Ina Weisse im September ihr Drama gemeinsam im Abaton vor. Für die Regisseurin war es ein Comeback, denn sie hatte in der Hansestadt ihr Filmstudium absolviert. Ihr damaliger Lehrer Hark Bohm war auch im Kino. Beim Hinausgehen sagte er leise zu ihr: „Ich bin stolz auf dich.“

Das Vorspiel“ läuft im Koralle und im Passage