Hamburg

„Das ist anders als vor der Kamera. Unmittelbarer“

Spielen ein Duett und liefern sich ein Duell:  Barbara Auer und  Johann von Bülow.

Spielen ein Duett und liefern sich ein Duell: Barbara Auer und Johann von Bülow.

Foto: Marco Moog

Barbara Auer und Johann von Bülow im Drama „Heilig Abend“ im St. Pauli Theater. So fühlt es sich für die Schauspieler an.

Hamburg.  Man könnte meinen, das St. Pauli Theater sei mit seinem Weihnachtsmärchen diesmal etwas spät dran: Vergangenen Montag hat das Stück „Heilig Abend“ Premiere am Kieztheater. Aber das täuscht, denn im Zwei-Personen-Stück von Daniel Kehlmann wird – in der Regie von Ulrich Waller – eine Universitätsprofessorin von einem Ermittler verhört, weil sie im Verdacht steht, ein Attentat ausüben zu wollen. Es ist der 24. Dezember, um Mitternacht soll die Bombe hochgehen. Von wegen „stille Nacht“!

Auer und von Bülow kennen sich schon lange

Auf der Bühne werden Barbara Auer und Johann von Bülow stehen. Er hat im Haus zuletzt „Constellation“ und „Die Weisen“ gespielt. Sie hat längere Zeit nicht mehr auf der Theaterbühne, stattdessen aber häufig vor der Kamera gestanden. „Es hat vorher irgendwie nie gepasst“, sagt sie. Beide Schauspieler kennen sich schon lange.

Haben sie schon einmal zusammen gespielt? „Nein, noch nicht einmal miteinander gedreht“, sagt von Bülow. Auer erhebt Einspruch: „Doch, an der Ostsee.“ Er rudert zurück: „Ja gut, aber wir hatten nicht mal Dialog miteinander.“ Sie widerspricht: „Wir sprachen miteinander im Arbeitszimmer deiner Filmfigur. Es war der ZDF-Zweiteiler ,Das tote Mädchen‘.“ Dass sich nach der aktuellen gemeinsamen Arbeit ähnliche Erinnerungslücken auftun, ist wohl nicht zu befürchten.

"Heilig Abend" für Weihnachten unterbrochen

Die Proben für „Heilig Abend“ haben bereits im November begonnen, waren aber über Weihnachten drei Wochen lang unterbrochen. Jetzt laufen Schlussproben. Hat die Unterbrechung gestört? „Es hat den Druck in der Phase vor Weihnachten herausgenommen. Als wir jetzt wieder eingestiegen sind, hat jeder etwas Neues mitgebracht.

Für die Restproben hätte ich gern etwas mehr Zeit gehabt“, sagt sie. Er sieht es ähnlich. „Wenn man ein Stück nach längerer Zeit wieder hervorholt, passiert es oft, dass man sich neu zuhört und anguckt. Dinge, die bisher ungefragt gespielt wurden, werden plötzlich hinterfragt. Wir profitieren ein wenig von diesem Effekt.“

"Inhaltlich ein Duell, schauspielerisch ein Duett"

Es geht im Stück darum, welche Freiheiten man aufgeben will, um Sicherheit zu bekommen, und was die Sicherheit noch wert ist, wenn man keine Freiheit mehr hat? „Es ist inhaltlich ein Duell, schauspielerisch ein Duett“, sagt von Bülow, den man von vielen TV-Rollen her kennt. Für ihn ist „Heilig Abend“ ein „relativ anspruchsvolles politisches Diskurs-Stück“.

Darf man aus der Sorge vor Terror Kunst machen? Da sind sich beide Darsteller einig. „Es geht ja nicht darum, Angst zu schüren“, findet Auer. „Man darf sich nicht einschüchtern lassen. Bei ,Charlie Hebdo‘ haben sie nach dem Anschlag weitergemacht.“ Ihr Kollege sieht es ähnlich. „Die Angst vor Terror kann nicht dadurch abgeschafft werden, dass man sie tabuisiert. Kehlmann ist viel zu schlau, um die Thematik reißerisch zu nutzen.“

Der Autor von Romanen wie „Die Vermessung der Welt“ hat offenbar auch als Dramatiker Qualitäten. „Je länger ich mich mit dem Stück beschäftige, desto mehr merke ich, was für ein Schatz das ist“, erkennt von Bülow.

Auer mit Lampenfieber auf der Bühne

Um den Schatz heben zu können, muss Auer gegen ihr Lampenfieber ankämpfen, das sie trotz der langen Berufserfahrung packt. „Das ist anders als vor der Kamera. Unmittelbarer. Am Filmset muss man anders mit der Energie haushalten, wenn man dort zehn, zwölf Stunden verbringt und nur ab und zu dran ist. Aber diese 80 Minuten nur zu zweit auf der Bühne sind ein anstrengender Ritt.“

Vielleicht hilft die Abwechslung, die beiden Akteuren auf der Bühne so gut wie sicher ist. „Was sich zwischen uns auf der Bühne tut, bewegt sich jeden Tag. Man kann vorher verabreden, was geschehen soll. In dem Moment, wenn man es tut, entwickelt es aber seine eigene Dynamik. Die ist an dem einen Tag so, am anderen ein bisschen anders“, sagt von Bülow. „Dafür ist es Theater.“

„Heilig Abend“ bis 14.2., 19.30, St. Pauli Theater; www.st-pauli-theater.de