Hamburg

Devid Striesow: "Ich liebe dieses Deutsche Schauspielhaus"

Der Schauspieler Devid Striesow vor dem Deutschen Schauspielhaus.

Der Schauspieler Devid Striesow vor dem Deutschen Schauspielhaus.

Foto: Michael Rauhe

Am Sonnabend feiert „Ivanov“ Premiere am Schauspielhaus. Die Hauptrolle spielt Devid Striesow, bestens bekannt vom „Tatort“.

Hamburg.  Der Schauspieler Devid Striesow ist in Film und TV stark gefragt. Und immer wieder nimmt er sich Zeit für aufwändige Theaterprojekte. Derzeit probt er Tschechows „Ivanov“ am Deutschen Schauspielhaus in der Regie von Hausherrin Karin Beier. Beim Gespräch in einem Theater-Büro ist er vom langen Probentag noch so aufgedreht, dass sich seine Rede manchmal geradezu überschlägt.

Sie haben ja ein wahnsinniges Arbeitspensum, Theaterhauptrollen wie zuletzt in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ am Schauspielhaus oder in Thorsten Lensings Tournee-Stück „Unendlicher Spaß“, dazu sechs Jahre lang „Tatort“-Kommissar im Saarländischen Rundfunk, Filme wie „Die Fälscher“ oder „Ich war zuhause, aber“. Wie bewältigen Sie das alles?

Devid Striesow: Für die Zeit der „Ivanov“-Proben habe ich mir nichts anderes vorgenommen. Ich genieße die Theaterarbeit wahnsinnig intensiv. Man gewinnt ja über die Jahre nicht an neuer Energie und weiß, wie man mit der Kraft haushalten muss. So eine Rolle wie Ivanov bringt es mit sich, dass man sich mit Dingen auseinandersetzt, die nachhallen, wie etwa Depression. Da muss man mit umgehen. Das hört nicht auf, wenn man die Tür hinter sich zumacht.

Wissenswertes zum Deutschen Schauspielhaus in Hamburg:

  • Das Schauspielhaus im Stadtteil St. Georg ist mit 1200 Plätzen die größte Sprechbühne Deutschlands
  • Eröffnet wurde das Schauspielhaus am 15. September 1900 mit einer Aufführung der Iphigenie auf Tauris
  • Karin Beier ist Intendantin des Schauspielhauses
  • Zum Emsemble des Schauspielhauses zählen unter anderem Charly Hübner, Ute Hannig, Nina Wollny, Devid Striesow und Michael Wittenborn

Alles was Spaß macht, muss anstrengend sein, haben Sie mal gesagt. Macht „Ivanov“ Spaß?

Devid Striesow: Ja. Wenn man Mitte 40 ist, sind diese entleerten Zustände ein Thema. Wenn man so intensiv gearbeitet und überhaupt intensiv gelebt hat, um Erfahrungen zu machen, die man auf der Bühne gebrauchen kann. Die Ansprüche an einen Schauspieler wandeln sich. Man ist nicht mehr der jugendliche kraftvolle Liebhaber. Aber das muss ja auch gespielt werden. Nichts ist langweiliger als einen lethargischen Zustand über Lethargie zu erzählen. Modern finde ich, eine Leergezogenheit zu erzählen über einen Unruhezustand, eine Aufgewühltheit, eine Unsicherheit.

Ist Ivanov ein moderner Überdrüssiger einer sinnleeren, neoliberalen Wohlstandsgesellschaft?

Devid Striesow: Überdruss wäre ein bewusster Vorgang. Ivanovs Kraftpotenzial hat sich innerhalb eines Jahres um 90 Prozent reduziert. Ein reichhaltiger Tiegel an Symptomen wie Ohrensausen und psychotische Zustände treten auf, die man einer Depression, vielleicht auch einem Burn-Out zuschreiben kann. Er weiß nicht, woher es kommt. Er war einer, der unglaublich aktiv war, sich engagiert hat, begeistert hat und für die Frauen begehrenswert war. Heute sind ja alle sehr beschäftigt, aber wenn man mal die Tür zumacht und den Einzelnen sieht, dann ist der oft auch wie Ivanov leer und orientierungslos.

Woher kommt Ihrer Meinung nach die Depression?

Devid Striesow: Das überlasse ich dem Zuschauer. Wir haben viel herausgenommen von diesen Selbstbefragungen, diesem „Was ist denn nur mit mir“. Da ist nur noch eine große, tiefe Verzweiflung. Man spürt auch, dass Ivanov wirklich einmal was bewegt hat. Diese Fallhöhe interessiert mich. Das ist keiner, der auch vor einem Jahr nichts gerissen hat und sich einbildet, einmal groß gewesen zu sein. Man weiß nicht, was mit ihm passiert ist.

Ist Tschechow einer ihrer Lieblingsautoren?

Devid Striesow: Die Arbeit mit seinen Texten hat mir bisher großen Spaß gemacht. Von „Onkel Wanja“ über „Der Kirschgarten“ bis zu „Ivanov“. Ich bin kein Tschechow-Kenner. Ich bin auch keiner, der Stücke über Stücke liest.

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Sie haben viele Jahre mit dem Regisseur Jürgen Gosch gearbeitet. Wer sind heute die prägenden Regisseure in Ihrem Leben? Karin Beier ist sicherlich eine davon.

Devid Striesow: Mit Thorsten Lensing bin ich seit 14 Jahren alle zwei Jahre mit einem neuen Stück auf Tour. Ich schätze seine Arbeitsweise und sein Verständnis, Welt und Theater zu begreifen, sehr. Daraus hat sich auch die Zusammenarbeit mit Karin Beier entwickelt. Ich liebe dieses Deutsche Schauspielhaus. Das ist für mich das schönste Theater in Deutschland. Dieser Blick in den Zuschauerraum ist, als würde man in den Arm genommen.

Was ist Karin Beiers besondere Qualität als Regisseurin?

Devid Striesow: Ich bin bislang um Leute herumgekommen, die sich Konzeptkünstler nennen. Bei ihr gibt es die Möglichkeit, sich auszuprobieren. Ich mag ihre Genauigkeit, die Klarheit, die Offenheit, das gegenseitig Zuhören.

Sie können ja selbst Fieslingen eine entwaffnende Freundlichkeit geben. Ist das der Kern Ihrer Spielleidenschaft?

Devid Striesow: In meiner letzten Serie nicht mehr. Wir haben in der Colonia Dignidad in Chile die Serie „Dignity“ gedreht, die jetzt auf der Streamingplattform Joyn läuft. Da spiele ich einen Arzt, der Kinder foltert und erschießt, der Frauen erwürgt und begräbt. Das hat ganz schön Energie gefressen. Da ist nichts Liebenswürdiges mehr dran. Schöner sind die ambivalenten Figuren.

Sie haben einmal gesagt, Schauspielerei sei Ihre Rettung. Wovor?

Devid Striesow: Das stimmt auf jeden Fall. Abgesehen davon, dass man es sehr gerne macht, muss man auch dafür gemacht sein, sich das Herz aus dem Leib zu reißen. Diese Leidenschaft kommt aus einer Art von Zerrissenheit, die man als Person hat und die man zum Glück auf dem Theater ausleben kann.

Sie haben ja eigentlich alles erreicht in Ihrem Metier. Wie finden Sie neue Ziele?

Devid Striesow: Ich möchte mich weiter Überraschungen aussetzen, die die Literatur bereithält oder ein gutes Drehbuch. Und im Privaten daran arbeiten, zufrieden zu bleiben.

„Ivanov“ Premiere Sa 18.1., 19.30, Schauspielhaus, Kirchenallee 39, Karten unter T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de