Historisch

Benekes Tagebücher: Ein Dokument Hamburger Geschichte

Anne Voggenreiter, Frank Eisermann, Angela Schwarz und Ariane Smith gehören zum Team des Beneke-Projekts.

Anne Voggenreiter, Frank Eisermann, Angela Schwarz und Ariane Smith gehören zum Team des Beneke-Projekts.

Foto: Roland Magunia / Roland Magunia/Funke Foto Services

Ein Historikerteam editiert Tagebücher und Schriften von Ferdinand Beneke. Das Werk umfasst bereits mehr als 10.000 Seiten.

Hamburg. Wie ein Ort, an dem ein großer alter Schatz gehoben und so aufpoliert wird, dass die Nachwelt seine Bedeutung und Schönheit angemessen würdigen kann, sehen die karg ausgestatteten Kellerräume in der Bogenallee am Rande des Grindelviertels nicht aus. Hier, in einer Dependance der Uni Hamburg, arbeitet ein Team von sieben Historikern an der aufwendigen Edition der Tagebücher und Schriften des Hamburger Bürgers Ferdinand Beneke (1774– 1848).

Begonnen hat das Projekt vor mehr als 18 Jahren. Drei von insgesamt vier Abteilungen sind bereits als Bücher erschienen, sie umfassen die Jahre von 1792 bis 1816, insgesamt 10.852 Seiten in 20 Bänden auf drei Schuber verteilt, die zusammen annähernd einen Regalmeter benötigen. Bis spätestens 2024, zum 250. Geburtstag Benekes, soll die finale vierte Abteilung mit den Tagebüchern von 1817 bis 1848 herauskommen.

Danach könnte das Gesamtwerk noch in digitalisierter Form mit Suchfunktionen, Verlinkung und ergänzenden Anmerkungen auf CD-ROM oder online aufbereitet werden, damit der volle Umfang für die Forschung einfach zu erschließen wäre. „Das Projekt wird mich vermutlich noch bis zum Ende meines Berufslebens begleiten“, sagt Ariane Smith, die 2001 gemeinsam mit Frank Hatje begonnen hat, Benekes Schriften herauszugeben.

Ferdinand Beneke war promovierter Rechtsanwalt

Viel Aufwand für einen Unbekannten, mögen Skeptiker einwenden. Tatsächlich aber sind Benekes Tagebücher eine Hamburgensie, deren Bedeutung weit über die Stadt hinausreicht. „Diese Tagebücher sind ein einzigartiges Dokument auf der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert. Ohne den historischen Zufall eines Menschen, der einen außergewöhnlichen Sinn für Gegenwart hatte, aber auch für den historischen Zeitraum, in dem er lebte, wäre es zu diesem Dokument nicht gekommen“, hat Jan Philipp Reemtsma, dessen Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur die Edition finanziert, in einem Interview gesagt.

Ferdinand Beneke wurde in Bremen geboren. Er war promovierter Rechtsanwalt, als er nach Hamburg kam. 1797 wurde er Hamburger Bürger und machte schnell Karriere, weil er ein Mensch mit viel Gemeinsinn und ein geschickter Netzwerker war. Er engagierte sich über die Patriotische Gesellschaft in der Armenpflege, beteiligte sich am Widerstand gegen die napoleonische Besatzung und war nach der Befreiung Hamburgs Oberaltensekretär. Von 1816 bis 1848 übte er dieses Amt aus und nahm in der Vermittlung zwischen Bürgerschaft und Senat politischen Einfluss.

56 Jahre lang führte Ferdinand Beneke fast ohne Unterbrechung ein ausgesprochen detailliertes Tagebuch. Seine beruflichen und sozialen Erfahrungen sowie ein weiter politischer und kultureller Horizont bewirkten, dass diese Notate eine beispiellos umfangreiche und ergiebige Quelle zur Politik-, Kultur- und Sozialgeschichte des Bürgertums zwischen Aufklärung und Romantik
sind.

Benekes Schriften wurden bereits mit den berühmten Tagebüchern des Londoners Samuel Pepys (1633-1703) verglichen, die als wichtige Quelle der Restaurationsepoche im England des 17. Jahrhunderts und als oft deftige Alltagsgeschichte zu den besonders gern zitierten literarischen Werken im englischen Sprachraum zählen. Ariane Smith, Leiterin der Beneke-Edition, schätzt die Hamburger Tagebücher als noch bedeutsamer ein: „Benekes Wahrnehmungshorizont ist weiter als der von Pepys.“

Tagebücher waren bislang nur schwer zugänglich

Ferdinand Benekes Tagebücher waren ein Schatz, der Fachleuten als wertvoll bekannt war, aber trotzdem nicht gehoben worden war. Der gesamte im Staatsarchiv Hamburg verwahrte Beneke-Nachlass wurde zwar punktuell genutzt, war aber insgesamt schwer zugänglich, weil seines Umfangs wegen unüberschaubar und in den unterschiedlichen Handschriften von Beneke und Korrespondenzpartnern schwierig zu entziffern.

„Indirekt haben wir die Möglichkeit, das alles einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, Arno Schmidt zu verdanken“, erzählt Ariane Smith. Der Schriftsteller war bei den Vorarbeiten für sein Buch über Friedrich de la Motte Fouqué und dessen Zeitgenossen auf Beneke gestoßen, der Kontakt zum romantischen Dichter Fouqué („Undine“) hatte. Der Schmidt-Verehrer Reemtsma, der über eine Stiftung auch den Nachlass von Arno Schmidt pflegt, war darüber auf Beneke gestoßen und sein Interesse wurde geweckt.

Zudem verfügt er über die Mittel, die aufwendige Edition zu finanzieren, und das in einer Weise, die beispielhaft ist. Als „unglaublich großzügig und darauf konzentriert, Wissenschaft und Forschung zu fördern“, beschreibt das Beneke-Team die unbürokratische Zusammenarbeit mit der Stiftung. „Sie ermöglicht uns eine große handwerkliche Gediegenheit, die im heutigen Wissenschaftsbetrieb eine große Ausnahme ist“, sagt Ariane Smith.

Sie berichtet von den Anfängen, als sie 2001 gemeinsam mit Frank Hatje den Auftrag bekam, die Grenzen des Projekts in einem Editionsplan abzustecken. „Wir standen vor einem meterlangen Tisch voller Akten. Neben den Tagebüchern lagen dort Zeichnungen, Karten, Memorabilien bis hin zu Haarlocken — ein ganzes Leben breitete sich vor uns aus. Uns war sofort klar: Es würde sehr langwierig werden, und wir bräuchten mehr Leute.“

Beneke hatte das Wohl der Stadt im Blick

Zu Beginn wurden einige richtungsweisende Entscheidungen getroffen: Anstelle eines Anmerkungsapparates, der das Ganze zum Schneckentempo verdammt hätte, sollten die Tagebücher transkribiert und in Korrekturschleifen sorgfältigst ediert und um Anhänge wie ein (aufwendig zu recherchierendes) Register mit Informationen zu Personen, Orten und Institutionen ergänzt werden. Als besonderen Service erarbeitete das Editionsteam mit Hilfe des kreativen Typographen Friedrich Forssman (der schon Arno Schmidts satztechnisch kompliziertes Hauptwerk „Zettels Traum“ bewältigt hatte) für die Kassette II eine vierstrahlige Zeitleiste, die es beim Lesen der Tagebücher ermöglicht, in vier Kolumnen immer den historischen Kontext (horizontal) und den chronologischen Fortgang (vertikal) zur Einordnung im Blick zu haben.

Resultat ist eine wissenschaftlich zuverlässige, aber zugleich auch für interessierte Laien sehr gut lesbare Ausgabe, die dank Benekes schriftstellerischem Talent kurzweilig ist und gegenüber dem populären Genre des historischen Romans den Vorteil der Authentizität hat. „Die Tagebücher sind auch ein Zeitkolorit, lehrreich, unterhaltsam und einfach zu lesen“, sagt Angela Schwarz aus dem Forscherteam.

Ariane Smith ordnet den Nutzen der Edition für die Wissenschaft ein: „Wir liefern das Fundament, legen Material für wissenschaftliche Erforschung vor“, sagt sie und fügt hinzu: „Das Ganze funktioniert als wertvolle Quelle, um Geschehnisse der Zeit und die Denkweise der Menschen damals besser zu durchschauen. Es ergeben sich oft interessante Abweichungen von der überlieferten Geschichtsschreibung, weil wir den Menschen näherrücken.“

Über die Jahre ist das Team, das vom Hamburger Historiker Franklin Kopitzsch beraten wurde, Ferdinand Beneke so nah wie niemand zuvor gekommen. „Ich verbringe mit kaum einem Menschen so viel Zeit. Es ist schon seltsam: Man begegnet immer wieder Bekannten, nur nicht in diesem Jahrhundert“, sagt Frank Eisermann. „Ich versuche, Distanz herzustellen, indem ich ihn konsequent sieze“, erzählt Anne-Kristin Voggenreiter. Und Angela Schwarz sagt: „Es gibt Seiten an ihm, die ich mag, zum Beispiel seine Selbstironie. Aber er ist oft auch missgünstig und hypochondrisch. Es gibt Tage, an denen er uns echt auf die Nerven geht.“ Insbesondere die Wandlung des von der Französischen Revolution begeisterten jungen Mannes zu einem patriotisch-nationalistisch gestimmten erweckten Christen beschäftigt die Beneke-Experten immer wieder.

Insgesamt aber war Beneke, da sind sich alle einig, ein Hamburger Bürger, der bei allem strategischen Handeln nicht persönlichen Vorteil, sondern das große Ganze und das Wohl der Stadt im Blick hatte, ein Idealist, der sich selbst gerecht sein wollte, der Kontakt zu allen Schichten pflegte und vom Interesse an Menschen getrieben war.