Kritik

Getanzte Verschwörungstheorie: Zarentochter in Ottensen

Das Stück am Monsun Theater dreht sich um das Schicksal  der Zarentochter Anastasia.

Das Stück am Monsun Theater dreht sich um das Schicksal der Zarentochter Anastasia.

Foto: Monsun Theater

Hamburger Regisseurin macht am Monsun Theater ein sehenswertes Stück aus der legendären russischen Geschichte.

Hamburg.  Die Geschichte der angeblich letzten überlebenden Großfürstin Anastasia Romanowa fasziniert bis heute. Längst ist erwiesen, dass die jüngste Zarentochter wie ihre gesamte Familie 1918 durch die Bolschewiken in Jekaterinburg hingerichtet wurde. Weil jedoch zunächst Gebeine fehlten, fanden zahlreiche Prätendentinnen Glauben. Sie gingen ein in Pop-Mythen und Hollywood-Streifen. Die bekannteste von ihnen war Anna Anderson, die 1920 verwirrt aus dem Berliner Landwehr-Kanal gezogen wurde.

Die Hamburger Regisseurin Cora Sachs macht daraus in „Anastasia, wann bekommst du deine Juwelen zurück?“ im Monsun Theater eine sehenswerte Stunde zwischen Geschichtslektion, Erinnerungsstück und Identitätssuche. Wie in einem Baumarkt könne man sich das eigene Ich zusammenbasteln – und das immer wieder neu, heißt es da. Von Anfang an ist zwar nicht ganz klar, warum das Ganze erzählt wird, packend dargeboten ist die aufwändige Produktion aber allemal. Mit Video-Wand und viel sorgsam montiertem Dokumentarmaterial.

Phänomenale Leistung der Darstellerin Lisa Ursula Tschanz

Das Gelingen aber liegt vor allem an der phänomenalen Darstellerin Lisa Ursula Tschanz, die mit eindrucksvoller Präsenz dieses Solo über 80 Minuten meistert. Im weißen Rüschenkleid mit gelben Strümpfen steht sie da mit einer Mischung aus Trotz, Ironie, Wahrhaftigkeit. Tschanz grimassiert, kokettiert, fabuliert. Mal ist sie skeptische Pflegekraft in der Psychiatrie, mal die vermeintliche Adelige. Dabei rafft sie die gigantische Bettdecke, die das Bühnenbild bildet, wie eine Schleppe um sich oder legt sie als Kanal-Wasser aus. Wahrhaft eine Entdeckung.

Der Abend schlüsselt auf, wie Anna Anderson irgendwann als die polnische Fabrikarbeiterin Franziska Schanzkowski entlarvt wird. Doch die Mythen von Wiederauferstehung und Verschwörung halten sich weiterhin hartnäckig. An diesem Punkt hätte der Abend noch weiter in die Tiefe gehen, die Mechanismen von Projektion hinterfragen können.

„Anastasia, wann bekommst du deine Juwelen zurück?“ weitere Vorstellungen 11.1., 13.2., 14.2., jew. 20.00, Monsun Theater, Friedensallee 20; www.monsuntheater.de