Kultur

Das ist Hamburgs einzigartige Ballettsammlung

| Lesedauer: 7 Minuten
Dagmar Ellen Fischer
John Neumeier lebt privat seit Langem wie in einer Ausstellung. In der HafenCity könnte ein Museum entstehen.

John Neumeier lebt privat seit Langem wie in einer Ausstellung. In der HafenCity könnte ein Museum entstehen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Maurizio Gambarini / picture-alliance/ dpa/dpaweb

Sammlung von John Neumeier umfasst 45.000 Exponate. Kulturbehörde prüft Immobilie in der HafenCity für geplantes Museum.

Hamburg.  Das Haus an der Geffckenstraße ist eines von vielen im Stil gepflegter Eppendorfer Stadtvillen. Nichts lässt darauf schließen, dass sich hier die weltweit größte private Sammlung zu Tanz und Ballett befindet. Hat man aber die massive Eingangstür hinter sich gelassen, wähnt man sich sogleich im Museum: Die Garderobe muss vorne rechts abgelegt werden, und schon auf den ersten Stufen zum Hochparterre erfasst der Blick des Besuchers Skulpturen, Glasvi­trinen und Bilder im Treppenaufgang. Tatsächlich aber ist es kein Museum. Es ist John Neumeiers privates Heim, das er nur im oberen Stockwerk bewohnt; der weitaus größte Teil der Räumlichkeiten gehört seiner legendären Kollektion – als provisorischem Aufenthaltsort.

Für den Hamburger Ballettintendanten ist es das zweite Provisorium in Hamburg: Nachdem seine Wohnung an der Isestraße – von Neumeier gern „Museum mit Schlafzimmer“ genannt – aufgrund seiner ausgeprägten Sammelleidenschaft aus allen Nähten platzte, zog er 2006 in das geräumige Einfamilienhaus.

Dessen vier Stockwerke – Souterrain, Hochparterre, erste Etage und Dachgeschoss – beherbergen die beeindruckende Bibliothek mit mehr als 14.000 Büchern, eine Kunstsammlung aus rund 15.000 Objekten wie Ölgemälden, Druckgrafiken, Skulpturen und Fotografien sowie das Archiv, in dem Dokumente und die Korrespondenz berühmter Persönlichkeiten der Tanzgeschichte bewahrt werden.

45.000 Exponate

Insgesamt handelt es sich um etwa 45.000 Exponate; für den Besucher sichtbar ist jedoch nur ein kleiner Teil dessen, was John Neumeier über Jahrzehnte zusammentrug. Hinzu kommt das umfangreiche Werkverzeichnis des Choreografen: Das inzwischen 160 Werke umfassende Œuvre wird durch Skizzen, Programmhefte, Bühnenbild- und Kostümentwürfe sowie durch audiovisuelle Medien von Aufführungen, Proben und Gastspielreisen dokumentiert.

Naturgemäß ist es mit dem Aufbewahren nicht getan, Aufbereitung heißt das Schlüsselwort, um den Bestand einer interessierten Öffentlichkeit oder Tanzwissenschaftlern aus aller Welt zugänglich zu machen. Diese Aufgabe übernimmt seit 20 Jahren Hans-Michael Schäfer; als Privatbibliothekar war er schon an der Isestraße gut ausgelastet. Heute befindet sich sein Arbeitsplatz des Kurators und Leiters der Sammlung inmitten von Schränken und Regalen. Und auch hier herrscht längst Platznot.

Sammlungen werden ständig erweitert

„Wir nutzen den Stauraum bis unter die Decke, doch werden die Sammlungen ja auch ständig erweitert“, so der versierte Wissenschaftler. Auktionen in aller Welt locken unregelmäßig mit attraktiven Fundstücken, die zu erwerben es vielleicht nur eine einzige Chance gibt – Neumeier und Schäfer sind inzwischen erfahrene Jäger und Sammler.

Zu den besonders wertvollen Schätzen zählen Briefe des berühmten Ballettreformators Jean-Georges Noverre aus dem 18. Jahrhundert, aber auch die Spitzenschuhe der Tänzerin Fanny Elßler, die sie 1843 als Giselle im gleichnamigen Ballett trug. In Hamburg konnte Derartiges bisher kaum in angemessener Form präsentiert werden, doch mitunter stellt John Neumeier ausgewählte Objekte Museen als Leihgaben für Ausstellungen zur Verfügung.

Im Jahr 2000, anlässlich des 50. Todestags von Waslaw Nijinsky, wurde eine komplexe Schau zu Leben und Werk des legendären Tänzers und Choreografen in Stockholm, Paris und Hamburg gezeigt. „Spätestens da war klar, dass der nächste Schritt in Richtung Institutionalisierung gehen muss“, so Schäfer. 2006 wurde dann zeitgleich mit dem Bezug des heutigen Hauses die „Stiftung John Neumeier“ gegründet, eine nicht rechtsfähige Stiftung des privaten Rechts mit dem Vorstand aus John Neumeier, seinem Ehemann Hermann Reichenspurner und Elke Weber-Braun, die als Treuhänderin fungiert.

Suche nach einer geeigneten Immobilie

Die Voraussetzungen für ein Institut sind also erfüllt, auch die digitale Erschließung ist weit fortgeschritten. Es fehlt also nur noch ein Gebäude. Eines, das den Anforderungen an eine museale Nutzung mit entsprechender Ausstellungsfläche, aber eben auch an eine Vor-Ort-Recherche genügt. Elf Kultursenatoren hat John Neumeier bislang in Hamburg erlebt, den Wunsch nach einer dauerhaften Heimat für seine Sammlungen hat er vor Jahrzehnten schon an die Stadt herangetragen.

Unter Kultursenatorin Karin von Welck wurde Mitte der 2000er-Jahre erstmals eine Immobilie ins Auge gefasst. Noch nie aber standen die Zeichen so gut wie jetzt. Enno Isermann, Sprecher der Kulturbehörde: „Die Stadt ist festen Willens, das Projekt zusammen mit John Neumeier und der Stiftung zu realisieren und hat in der Vergangenheit mehrere Immobilien konkret in den Blick genommen und dabei auch immer wieder erhebliche finanzielle Unterstützung zugesagt. Gemeinsam suchen wir weiter nach einer geeigneten Immobilie und nach einem tragfähigen Finanzierungskonzept. Hierzu laufen aktuell konkrete und konstruktive Gespräche.“

Das bestätigt auch Hans-Michael Schäfer: „Es gibt Gespräche mit Investoren, Architekten und der Kulturbehörde. Die Pläne beginnen sich zu konkretisieren.“ Im neuen Regierungsprogramm wird der Standort HafenCity genannt.

Ältestes Buch aus dem 16. Jahrhundert

So wie die Bibliothek nahezu wöchentlich durch Ankäufe wächst. Deren Keimzelle bildete einst ein Buch mit dem Titel „Ballet Portraits“, das sich der junge John in den 1940er-Jahren für ein paar Dollar von seinem Taschengeld kaufte. Inzwischen reihen sich Bücher dicht gedrängt in den raumhohen, weißen Regalen aneinander, auch solche in russischer, chinesischer und japanischer Sprache. Zu den ältesten gedruckten Quellen gehört ein Buch über Gesellschaftstanz aus dem Jahr 1581.

Dem jugendlichen John Neumeier fiel einst „The Tragedy of Nijinsky“ in die Hände, eine romanhafte Biografie, verfasst vom Tänzer-Kollegen Anatole Bourman. Die Lektüre legte den Grundstein für Neumeiers lebenslange Beschäftigung mit dem Phänomen Nijinsky, dem Herzstück der Sammlung. Darunter befindet sich auch eine Menükarte, die anlässlich von Nijinskys Hochzeit 1913 in Buenos Aires von seinen damaligen Kollegen unterschrieben wurde, den großen Tanzstars der damaligen Zeit.

Bevor Nijinsky dem Wahnsinn verfiel, zeichnete er, teilweise abstrakte, geometrische Bilder; John Neumeier konnte die meisten dieser Zeichnungen und Gemälde kaufen. Einige hängen heute im Esszimmer in der ersten Etage, das mit einer Skulptur von Nijinskys Kopf – angefertigt von Auguste Rodin – zu einer Art Nijinsky-Raum wird; hier befinden sich auch Nijinskys Trainingsschuhe, ein Gipsabguss seines Fußes sowie zeitgenössische Porträts, unter anderem von Gustav Klimt.

Vielleicht kann John Neumeier in absehbarer Zeit nicht mehr mit Blick auf Waslaw Nijinsky frühstücken, stattdessen wird er die Gewissheit haben, dass seine einmalige Sammlung von unschätzbarem Wert als Ganzes in einem Künstlerhaus für die Nachwelt erhalten bleibt. Und diese Welt des Tanzes in Hamburg zu entdecken sein wird.