Freiheit der Kunst

Amelie Deuflhard: „Die AfD scheint uns nicht zu mögen“

Einige Vertreter der „Vielen“ (v. l.): Martin Köttering (HfbK), Frauke Untiedt (Bücherhallen), Corinne Eichner (Stadtkultur Hamburg), Carsten Brosda (Kultursenator), Amelie Deuflhard (Kampnagel), Michel Abdollahi (Moderator), Carina Book (Moderation), Dan Thy Nguyen (Regisseur), Christine Ebeling („Komm in die Gänge“).

Einige Vertreter der „Vielen“ (v. l.): Martin Köttering (HfbK), Frauke Untiedt (Bücherhallen), Corinne Eichner (Stadtkultur Hamburg), Carsten Brosda (Kultursenator), Amelie Deuflhard (Kampnagel), Michel Abdollahi (Moderator), Carina Book (Moderation), Dan Thy Nguyen (Regisseur), Christine Ebeling („Komm in die Gänge“).

Foto: Cornelius Gesing

Die Initiative „Die Vielen“ bilanzierte in der Hochschule für Bildende Künste ihr erstes Jahr. Auch der Kultursenator diskutierte mit.

Hamburg.  „Die Vielen“ wurden ursprünglich von wenigen ins Leben gerufen. Eine kleine Gruppe in Berlin versammelte sich vor mehr als einem Jahr und beschloss, ein Netzwerk zu gründen, ein Zeichen zu setzen für Vielfalt in der Gesellschaft und gegen Ausgrenzung. Für die Freiheit der Kunst und gegen Versuche der Einflussnahme durch Rechtspopulisten und Rechtsextremisten. Schnell wurde der pinkfarbene Schriftzug auf der golden-glitzernden Rettungsdecke zum Symbol einer zahlenmäßig starken bundesweiten Bewegung, in der sich kulturelle Institutionen, darunter auch Theater und Museen, gemeinsamen Grundsätzen verpflichteten. In Hamburg initiierte Kampnagel-Intendantin Amelie Deuflhard die „Hamburger Erklärung der Vielen“, die bis heute 257 Kulturinstitutionen unterzeichnet haben.

Erkenntnis nach einem Jahr: „Die Vielen“ sind nicht überflüssig geworden. Zur Bestandsaufnahme versammelten sich zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter in der Aula der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) unter dem Motto „Zusammen Haltung“. Hausherr Manfred Köttering begann mit einer Interpretation des Monumentalfrieses „Die ewige Welle“ von Willy von Beckerath, das Aufstieg und Fall einer Kulturepoche symbolisiere. Köttering sieht darin ein Menetekel, dass, sofern man sich nicht für die Freiheit der Kunst einsetze, eine epochale Wende, ein Niedergang drohe.

Nicht auf den Errungenschaften ausruhen

Der kunsthistorischen ließ Kultursenator (und Mitunterzeichner der Berliner Erklärung) Carsten Brosda eine sozialphilosophische Auslegung der „Vielen“ folgen. Man könne sich nicht auf Errungenschaften ausruhen. „Wir müssen uns jetzt und gemeinsam darum kümmern, dass die Fundamente, auf denen wir unser gesellschaftliches Miteinander organisieren wollen, wieder so fest dastehen, dass wir auf Grundlage der Freiheit in der Lage sind, miteinander zu leben, arbeiten, lieben und produzieren, wie wir es für richtig halten.“ Kulturelle Einrichtungen seien deshalb so stark im Visier rechter Bewegungen, weil sich an ihnen zeige, dass eine „Naturalisierung“ des Kulturbegriffs, die mit einer Segregation arbeite, nicht stimme, sondern „dass wir in Freiheit, Selbstbestimmung und Solidarität gemeinsam Dinge ausverhandeln können“.

Es liegt in der Natur der Veranstaltung, dass sich an diesem Abend Kulturschaffende und Kulturpolitik in allen wichtigen Fragen einig waren, was den Radius zunächst einmal begrenzte. Das sollte auch die spätere Podiumsdiskussion zeigen.

Kulturkampf von rechts

„Die AfD scheint uns nicht zu mögen“ resümierte Amelie Deuflhard das erste Jahr der „Vielen“. Kulturelle Einrichtungen sehen sich strategischen Versuchen des inhaltlichen Eingriffs, der Anfeindung und Hetze ausgesetzt. Die AfD überziehe die Kulturpolitik bundesweit mit großen und kleinen Anfragen etwa zur internationalen Zusammensetzung von Theaterensembles. Die erste Anfrage in Hamburg zielte auf Fragen der Finanzierung der Kampagne der „Vielen“. Es gebe einen Kulturkampf von rechts, so Deuflhard. Die Forderung, Kunst zu entpolitisieren, gehe dabei einher mit einem höchst ideologischen Kunstbegriff der AfD.

Wir stehen ja alle für die offene Gesellschaft.

Corinne Eichner, Stadtkultur Hamburg

Den bekommt zum Beispiel auch Frauke Untiedt, seit September Bibliotheksdirektorin der Stiftung Hamburger Öffentliche Bücherhallen, zu spüren, wenn sie aus ideologischen Gründen für die Auswahl der ausleihbaren Bücher kritisiert wird. Aber sie lasse sich nicht einschüchtern. Die Bewegung der „Vielen“ sorge für ein gewisses Gefühl von Sicherheit.

„Wir brauchen Platz für die guten Nachrichten“

„Ich sehe, dass ich mit einem Thema wie Rassismus nicht alleine bin“, so der politische Entertainer und Journalist Michel Abdollahi. „Das hilft ungemein.“ Es sei problematisch, dass der öffentliche Diskurs etwa im Vorfeld von Wahlen stark von der AfD bestimmt werde. „Unser Ziel muss es sein, die Demokratie nicht als selbstverständlich hinzunehmen und zu sagen ,Das wird schon irgendwie.‘ Das wird es nicht, wie man in Sachsen beobachten kann.“

Und Christine Ebeling mahnte als Sprecherin der Initiative „Komm in die Gänge“ an, man dürfe nicht in seiner eigenen gesellschaftlichen Blase bleiben. „Ich weiß nicht, wie anschlussfähig wir sind.“ Es müsse einen stärkeren Austausch mit den zahlreichen in Initiativen engagierten Menschen in Hamburg geben. „Wir brauchen Platz für die guten Nachrichten.“

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Wichtig sei, sich nicht im Kampf gegen die AfD aufzureiben, sondern das Gegenmodell einer freiheitlichen und solidarischen Gesellschaft zu stärken und zu vermitteln, findet der Hamburger Regisseur und Kurator Dan Thy Nguyen. „Wir müssen sagen, wofür wir stehen.“ Er beobachte insofern eine Veränderung im öffentlichen Bewusstsein, als über Themen wie Rassismus stärker gesprochen werde.

„Wir stehen ja alle für die offene Gesellschaft. In der Vielfalt können wir die Kultur bieten und die Räume schaffen, in denen ausgehandelt wird, wie die Gesellschaft aussehen soll“, so Corinne Eichner, Geschäftsführerin von Stadtkultur Hamburg.

Die Hamburger Kulturschaffenden, so das Fazit des Abends, können, was die Freiheit der Kunst angeht, und das Recht, Position zu beziehen, auf die Unterstützung gleichermaßen durch die Hamburger Kulturpolitik und die Kulturministerkonferenz zählen. In diesem Sinne gehen „Die Vielen“ nun gestärkt in ihr zweites Jahr.